Kultur : Kult um das Wort

Der Autor Han Ong in der American Academy

Marianna Lieder

Schriftsteller pflegen, wie sollte es anders sein, ein besonderes Verhältnis zur Sprache. Einem regelrechten Vokabelfetischismus ist der auf den Philippinen geborene New Yorker Dramatiker und Romancier Han Ong verfallen. Derzeit ist der 42-Jährige Holtzbrinck-Fellow der American Academy am Wannsee und arbeitet an seinem dritten Roman. Seinen Kult um die Wörter hat Ong jetzt bei einer Lesung äußerstes publikumstauglich zelebriert.

Wohldosierte Exzentrik und lakonische Selbstironie gehörten ebenso dazu wie die Abfolge einzelner Begriffe, die auf eine Leinwand projiziert wurden. Mit seltenen anglo-amerikanischen Ausdrücken wie „to transmogrify“ (verballhornen) und „inchoate“ (rudimentär) erklärte Ong, was es mit seinem aktuellen Projekt auf sich hat. Zunächst wollte er es bei der Kurzgeschichte „Burden of Dreams“ belassen, feilte monatelang an dem Text, verschlang unzählige Short Storys anderer Autoren, bis er erkannte, dass er das Wesentliche der Gattung, die Kürze, völlig verfehlt hatte. Seither arbeitet er daran, die anfängliche Geschichte eines reichen Amerikaners – er finanziert zwölf philippinischen Studenten das College – um die Geschichten eben dieser zwölf Begünstigten zu erweitern.

Auch „Immigration“ und „Assimilation“, schon eher allgemein gebräuchlich, waren Wörter des Abends. Als Kind chinesischer Einwanderer wurde Ong 1968 in Manila geboren. Sechzehn Jahre später ließ die Familie sich in Los Angeles nieder. Angesichts frühen und ausufernden Lektüre- und Hollywoodfilmkonsums ließ Ongs Englisch bereits vor der Ankunft in den USA nicht viel zu wünschen übrig. Den Akzent wollte er dennoch dringend loswerden – mit Erfolg. Seinen jugendlichen Ehrgeiz kommentiert er kokett mit einem Blick auf die Heldin aus Shaws „Pygmalion“, die sich von der Gossengöre zur Gesellschaftsdame mausert. „Eliza Doolittle war nichts gegen mich.“

In den meisten von Ongs bisher noch nicht auf deutsch vorliegenden Werken geht es um Einwanderer und ihre eigenwilligen Methoden, den Kulturschock Amerika zu verdauen. Der Autor hat sich damit sehr offensichtlich zurechtgefunden. Für seine Dramen wird Ong mit Stipendien und Preisen überhäuft, sein Prosaerstling „Fixer Chao“ wurde von der „Los Angeles Times“ zum Buch des Jahres 2001 gewählt, der zweite Roman „The Disinherited“ stand vor sechs Jahren auf der Shortlist für den Lambda Book Award.

Wenn er immer wieder auf Migrantenschicksale zurückkomme, so Ong, dann nicht bloß wegen der Gelegenheit zur Gesellschaftskritik oder der Vertrautheit der Mentalität. Was ihn reize, seien vor allem die verbalen Möglichkeiten. Ausgehend von der sprachlichen Unbeholfenheit seiner Protagonisten gewinne das Englischen an Formbarkeit und semantischer Wandlungsfähigkeit. Von dieser Unbeholfenheit ist bei Ong schon längst nichts mehr übrig. Die kindlich-ehrfürchtige Freude am Englischen aber hat er sich bewahrt. Marianna Lieder

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