Kultur : Kult und Kurie

Die Welt feiert den Papst. Steckt im römischen Rausch auch eine neue Lust an der Religion?

Rüdiger Schaper

Wo ist der Ausgang? Seit Wochen sitzt man, gleich ob als Katholik, Suchender, Zweifelnder, Atheist, schnöder Materialist oder Lutheraner, ob man einer anderen als der christlichen Weltreligion angehört oder mit dem Buddhismus sympathisiert, in einer katholischen Burg. Als wäre eine gigantische Zeitmaschine am Werk. Sprach man früher vom Paradox evangelischer Kirchensteuerzahler, die aus Protest gegen den Papst aus der Kirche austraten, so geht es plötzlich genau umgekehrt. Evangelisch Getaufte begeistern sich für den Glauben, weil das Papsttum Macht und Pracht entfaltet. Man glaubt es nicht.

Viele Wege führen nach Rom, zum Dom. Sie sind nach wie vor überfüllt. Es fühlt sich an wie Woodstock. Auch damals, vor bald vierzig Jahren, strömten die Massen zusammen, ohne zu wissen, welcher Geist über sie kommen würde. Pop ist ein großes Gemeinschaftserlebnis mit einem kleinen gemeinsamen Nenner. Der Papst ist alles andere als ein Pop-Star. Doch all die Neu-Römer empfangen und feiern ihn mit Ritualen, die an Pop erinnern: ein Grund, warum der katholische Oberhirte allgegenwärtig ist. Das nicht sehr freundliche Wortspiel der britischen Yellow Press vom „Papa Ratzi“ erinnert an die Ubiquität der Bilder von den alten Männern in ihren opernhaften Gewändern, diesen patriarchalischen Gestalten, die anscheinend besonders junge Menschen faszinieren.

„Wir sind Papst“: Die „Bild-Zeitung“ traf mit ihrer Titelseite nach der Wahl von Joseph Kardinal Ratzinger zum Pontifex Maximus ins Schwarze. Keinesfalls aber lässt sich die globale römische Begeisterung als Medien-Phänomen abtun. Reine Medienphänomene gibt es nicht. Da ist immer ein realer Hintergrund. Medien wirken, in ihrem eigentlichen Wortsinn, vermittelnd, verstärkend. Und sie geben Rätsel auf. Allerdings scheint es im Zeitalter elektronischer Medien nahezu unmöglich geworden sein, sich solch bahnbrechenden Emotionen und Ereignissen zu entziehen. Rom, die Ewige Stadt, produziert derzeit in endloser Folge Bilder zwischen Sekunde und Ewigkeit. Wann erschien Johannes Paul II. zum letzten Mal an seinem Fenster? Eine Ewigkeit her.

„Der Ausgang führt hinein“ heißt eine Story des amerikanischen ScienceFiction-Autors und Gottsuchers Philip K. Dick. Ein Bob Bibleman (!) versucht sich in dieser Erzählung den Prüfungen eines mysteriösen High-Tech-Konzerns zu entwinden; vergebens. Wir befinden uns in einer ähnlichen Lage: konfrontiert mit Gedanken und Gefühlen, die auf uns einstürmen, die in uns selbst aufbrechen. Wie Bibeln liegen überall Dan Browns pseudoreligiöse Verschwörungs-Megaseller, ziegelsteinschwer. „Illuminati“ und „Sakrileg“. Die beiden Titel bezeichnen das unentrinnbare Spannungsfeld: erleuchtet oder Ketzer. Eine Karikatur in „Newsweek“ zeigt eine Frau, die beichtet: „Vater, ich habe ‚Sakrileg’ drei Mal gelesen.“

Alltagsgeschichten aus Berlin. Die junge Friseuse, struppiges blondes Haar, im nabelfreien Top, fragt den Kunden: Glauben Sie an Gott? Ein Kulturmanager, Großstadtzyniker und Hedonist, schwul, sagt beim Business-Lunch über den neuen Papst: Das ist schon toll, so eine weiche Schale und dieser harte, intellektuelle Kern! Eine Journalistin entdeckt in Benedikt XVI. das gute alte Europa mit seiner musischen Bildung: Ratzinger als Vertreter einer gediegenen Bürgerlichkeit, die ja sonst am Aussterben sei. Noch die „taz“ mit ihrer nachtschwarzen Titelseite („Ratzinger ist Papst – Oh mein Gott!“) weist dialektisch aus, dass der deutsche Papst vom Feindbild zum Kult mutiert. Wie lange das anhält, weiß keiner. Im Augenblick scheint es ein schwieriges Unterfangen zu sein, nicht katholisch zu denken.

Zeitgemäß ist, was gestern noch als anachronistisch galt. Der erste deutsche Papst seit einem halben Jahrtausend – ist es das? Hat Ratzingers Wahl einen friedlichen Nationalstolz ausgelöst, wie man ihn vom Fußball kennt? Bei Weltmeisterschaften fiebern ja auch Menschen mit, die sich für den Bundesligaalltag nicht interessieren. Und jetzt hatten und haben wir Papst-Festspiele, die Millionen mitreißen, denen die Kurie im Allgemeinen egal ist.

Fundamentale Anschauungen haben Konjunktur. In Bushs Amerika, aber auch bei uns. Marxistische Kapitalismuskritik aus der Chefetage der SPD – bis vor kurzem noch undenkbar. Langsam beginnt man zu ahnen, dass die Massen in den islamischen Ländern eine strenge Religionsauslegung nicht unbedingt nur als Instrument der Unterdrückung empfinden. Viele Menschen scheinen das – bis zu einem gewissen Grad jedenfalls – zu brauchen. Sicher gilt das für die männliche Hälfte der Menschheit.

Wir sind auf einer Zeitreise. Weil sie so unglaublich rasant ist, fällt das Aussteigen so schwer. Umweltschutz, Antifaschismus, auch der Sozialismus: Als Religionssurrogate für die bundesrepublikanische Linke haben sie etwas von ihrer Unbedingtheit verloren. Keine ungefährliche Entwicklung. Man könnte die Papst-Woge mit dem Moment vergleichen, als 1989 die Mauer fiel. Jetzt hat es den Anschein, als stürzten Mauern ein, die gegen Glauben und Religiosität errichtet worden waren.

Auf dieser Zeitreise kommt einem auch die so genannte Wertedebatte entgegengeflogen. Im Kern geht es darum, dass der Deutsch-, der Geschichts- und Geografie-Unterricht schrecklich versagt haben müssen. Sonst gäbe es diese Debatte nicht. Viele Zeitgenossen hegen offenbar die Zuversicht, dass die christliche Religion am besten in der Lage sei, zivilisatorische Schranken gegen die modernen Formen der Barbarei zu errichten; gegen kulturelle Intoleranz, politische Diktatur, vielleicht auch gegen Krieg und Monsterkapitalismus. Da gibt es in der langen Geschichte der Christenheit allerdings auch finstere, blutige Gegenbeispiele. In Francis Bacons martialischen Papst-Darstellungen findet man die Ambivalenz des Horrors und der Verheißung. Jetzt aber will die Welt andere Bilder vom Papst. Magische, mythische Gemälde ohne schwarzen Untergrund.

Wo die Berlusconis regieren, wird der Wunsch nach Lichtgestalten nur zu verständlich. Die längste Zeit galt die Demokratie als ein sicherer Hafen. Diese Überzeugung scheint in erschreckendem Maß zu schwinden. Globalisierung öffnet nicht nur Märkte, sondern sie zoomt auch, aus der so genannten Dritten Welt, politische Instabilität heran. Und damit ein anderes Menschen- und Weltbild, das stärker von Religion geprägt ist, als Mitteleuropäer es bisher gekannt haben.

Und all das dringt an die Oberfläche, weil in Rom ein neuer Papst zu wählen war? Eine Milliarde Katholiken auf der Welt - eine gewaltige Minderheit. Zudem scheint sich der Einflussbereich des Katholizismus, im großen Maßstab betrachtet, in die südliche Hemisphäre zu verschieben. Das würde bedeuten, dass die Begeisterung für den alten wie den neuen Papst auch ein Versuch ist, sich einer beschleunigten Welt entgegenzustemmen - um zugleich ins Offene mitgerissen zu werden. Ökonomische und militärische Stärke reichen nicht. Der Westen rüstet auch geistig auf, seit dem 11. September. Nach den apokalyptischen Anschlägen von New York waren wir alle getroffen. Waren wir alle Amerikaner. So hieß es damals. Heute werden wir alle gewissermaßen katholisch, santo subito!

Wie wird das Erwachen sein aus dem römischen Rausch? Ist es nicht eher ein virtuelles Bild von Kirche und Papst, dem jetzt viele huldigen. Man wird sehen, ob sich die Gotteshäuser wieder füllen, und wie sich die Quote von Kircheneintritten und -austritten entwickelt. Und schließlich ist es mit der Ökumene katholischerseits nicht weit her. Von der Rückkehr der Religion geht schon länger die Rede. Was wir zweifellos erleben, ist ein Triumph des Papsttums. Das ist nicht das Gleiche.

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