Kultur : Kultur-Aschermittwoch: Das Ganze: ein Gestaltungsprogramm

Ach, Wasserburg am Inn, wo der Strand direkt neben dem Pflaster liegt und jeder Trottoirstein so aussieht wie eine krummbuckelige Katze. Wenn man gerade aus den bayerischen Niederungen kommt, wo das politaschermittwochliche Proleten einmal im Jahr zur Tagesordnung gehört, horcht man wieder ganz anders auf den manierlichen Uhrenschlag. Ganz dünn, din-din, dun-dun, ein Glockenspiel in der Nacht, zwischen lauter verwunschenen Häusern mit verwaschenen Fassaden, Italien nicht weit. Lautes Reden stört da nur. Aber dazu ist er ja auch nicht da, der neue Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, hier und heute als rhetorischer SPD-Kehraus bestellt.

Der Professor kommt c. t. - und legt im neuen Kulturforum fürs Erste den Krollekopf schief. Aaah, jaaa, Musik, und weil es gar so hübsch klingt, wie einer am Bechstein-Flügel ein paar vermischte Fäden Rachmaninow und Jarrett behände von der Improvisationsspule wickelt, bleibt er auch in dieser Haltung. Kein bayerischer Defiliermarsch, und man ist gleich anders in Form. Nämlich: zum Streicheln aufgelegt. Ja, Julian Nida-Rümelin besänftigt sein Publikum, wenn er anfängt, mit der Handfläche Linien in der Luft zu malen, als dirigiere er Mozart: "Soave su il vento". Ruhige kulturelle Fahrt, leichte Brise, klarer Kurs, Richtung Nord-Nordost. Wir sitzen alle in einem Boot. Wasserburg halt. Die Diktion des Kapitäns ist freilich immer wieder ein wenig gewöhnungsbedürftig. Das haben die Münchner erfahren in Nida-Rümelins Amtszeit, und die Berliner haben es auch schon gemerkt. "Partizipatorische Kultur" zum Beispiel, ein großes Wort, ein raumgreifender Begriff (weitgehendes Unverständnis ringsum, es liegt nicht an Wasserburg, das kann überall passieren). Er merkt es dann aber auch - und diktiert in die Kolleg-Blöcke: "Partizipation = Beteiligung". Will sagen, dass Kunst und Lebenswelt sich nicht feindlich gegenüber stehen sollten und die Politik, bitte, auch nicht fern.

Das Ganze nennt sich "Gestaltungsprogramm". Es ist nicht eigentlich eine Rede, die Nida-Rümelin da hält. Manchmal wird es gescheite Geschichte, öfter bleibt es bei intellektueller Hölzchen-auf-Stöckchen-Technik. Frech frisierter Joachim Kaiser, verwegen ondulierter Helmut Schmidt, polit-feuilletonistisches Geflüster zwischen "Was mir Sorge macht" und "Was Deutschland jetzt braucht". Punkte 1 bis 4: Entpolitisierung bekämpfen. Verflachung der (TV-) Programme verhindern. Veralberung verringern. Indiskretion vermeiden. Indiskretion - wenn man das jetzt einmal etwas genauer ... Die Wasserburger Kulturgemeinschaft hat für ein paar Sekunden die Luft angehalten, weil jeder zunächst an das Naheliegende gedacht hat, aber da ist er über das Private und das Öffentliche schon wieder bei John Locke und dem Erbe des Liberalismus - und "Liberalismus heißt nicht FDP".

Die Schwierigkeit mit Nida-Rümelin ist: Er spielt die Karten aus, wie er will. Wenn man gerade anfängt, sich (s)ein Blatt zurecht zu sortieren, wird neu gemischt: globale Zivilgesellschaft, humane Weltkultur, Europa als Experimentierfeld, Avantgarde, Joseph Beuys. Man hätte es ganz gerne zwischendurch etwas handfester. Als Nida-Rümelin den Namen Grass erwähnt, an dessen Ur-Idee sich die neue Nationalstiftung Kultur ausrichten soll, ist zugleich die Alternative modellhaft benannt: Jinterchen stand für den Holzschnitt, Nida-Rümelin eher fürs Aquarellhafte. Soave. Alles fließt. Zweimal an diesem so nett dahinplätschernden Abend in Wasserburg hat der sozialdemokratische Staatsminister einen Lacher. Einmal als der Name Marx fällt. Karl Marx kommt immer gut, seit man in seinem Namen nichts erwarten darf. Das andere Mal verrät der Vordenker Julian Nida-Rümelin unfreiwillig etwas über private Gewohnheiten. Vorher hatte er es von guten deutschen Filmen gehabt, die erst weit nach Mitternacht im Fernsehen laufen. Das sei "zu spät für normale Menschen, die um 7 Uhr 30 geweckt werden", sagt Nida-Rümelin und schaut verwundert auf einen Heiterkeitsausbruch. Nun gibt ja Empirie dem Philosophen immer zu denken. Julian Nida-Rümelin wird in Berlin früher aufstehen. Müssen.

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