Kultur : "Kultur für alle" - ein Projekt aus wilder Zeit

ULRICH CLEWING

Bewegte Zeiten waren das vor 30 Jahren in Berlin. Das geistige Klima wurde beherrscht von den Nachwehen der Studentenunruhen: Bommi Baumanns Haschrebellen fingen an, ihre subversiven Späße zu treiben, die Kommune eins schockte das brave Bürgertum mit nackter Haut. An der Kunstszene sollten die Turbulenzen nicht spurlos vorbeigehen. Bis dato hatte es in Berlin einen einzigen Kunstverein gegeben, die Deutsche Gesellschaft für Bildende Kunst, gegründet erst vier Jahre zuvor - doch war sie im Juli 1969 schon am Ende. Im Winter hatten sich einige Künstler und Studenten, darunter eine Gruppe mit dem klingenden Namen "Kultur und Revolution", zum "Aktionskreis im Kunstverein" zusammengefunden. Geplant war eine feindliche Übernahme: Geschlossen traten die Revoluzzer, angeführt von Dieter Ruckhaberle, dem späteren Leiter der Staatlichen Kunsthalle, in die Deutsche Gesellschaft für Bildende Kunst ein. Beobachter aus dem bürgerlichen Lager erregte besonders der Umstand, daß die Studenten nur den ermäßigten Beitrag von drei Mark gezahlt hatten.

Der Versuch, so etwas wie eine Räterepublik im kleinen zu etablieren, zeigte Wirkung. Eine Spaltung schien unausweichlich. Entnervt warf Eberhard Roters, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft, das Handtuch und ging als stellvertretender Direktor an die Kunsthalle Nürnberg. Am 14. Juli beschloß die Mitgliederversammlung, die Deutsche Gesellschaft für Bildende Kunst aufzulösen; am selben Tag wurde beim Amtsgericht Charlottenburg die Eintragung des "Neuen Berliner Kunstvereins" (NBK) angemeldet. Acht Wochen später hatte Berlin tatsächlich zwei Kunstvereine. Am 18. September fand die erste Hauptversammlung der "Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst" (NGBK) statt. - Tempi passati: Voriges Wochenende eröffnete die noch immer basisdemokratisch organisierte NGBK eine Schau zum 25. Jubiläum ihres Realismusstudios, und der Neue Berliner Kunstverein begeht am heutigen Sonnabend seinen Dreißigsten mit Sommerfest im Hinterhof und einer Ausstellung von Jahresgaben 1969 bis 1999.

Einem hartnäckigen Vorurteil zufolge ist der NBK der konservativere der beiden großen Berliner Kunstvereine. Während die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, wo man hin und wieder auch sozio-politische Weckrufe wie "Baustop - randstad" zu sehen bekommt, manchmal den Begriff sehr weit faßt, darf im NBK die Kunst noch Kunst sein. Andererseits unterscheidet sich auch der NBK erheblich von vergleichbaren Institutionen in anderen Städten. Die Artothek beispielsweise, die Originalgrafiken kostenlos nicht nur an Mitglieder verleiht, wäre ohne das Bekenntnis zur "Kultur für alle" undenkbar geblieben. Das gleiche gilt für die Sammlung von Künstlervideos, deren Anfänge bis in die frühen siebziger Jahre zurückgehen. NBK-Leiter Alexander Tolnay spricht in dem Zusammenhang gern vom Bildungsauftrag, den sein Verein habe.

Doch haben sich die Aufgaben des Kunstvereins in den letzten 30 Jahren verändert. Gab es früher neben dem NBK nur wenige private Galerien, die ausschließlich über aktuelle Kunst informierten, sind die Verhältnisse mittlerweile auf den Kopf gestellt. Das mag einer der Gründe sein, warum man im NBK derzeit nur noch selten wirkliche Entdeckungen macht. Heute steht der Kunstverein irgendwo zwischen Fundament und Bel Etage. Junge Künstler, die hier gastieren, haben erste Hürden zur gelungenen Karriere schon hinter sich, die älteren, prominenteren sind oft reif fürs Museum: Günther Uecker, der 1995 ausstellte, ein Jahr darauf Jörg Immendorff oder 1997 Maria Lassnig, kurz bevor die 79jährige Wienerin ihren Auftritt auf der Kasseler documenta hatte.

Daß der Neue Berliner Kunstverein nebenbei auch eine Kunsthalle ersetzt, gehört zu den Eigentümlichkeiten der Berliner Kulturpolitik: eine Rolle, die ihn an seinem jetzigen Ort überfordert. Drei verschiedene Domizile hatte der Verein in den vergangenen 30 Jahren, nie waren es Räume, die ursprünglich für Kunst gedacht waren. Da schweift der Blick neidvoll zum Beispiel nach München, wo allein die Adresse Bände spricht: Galeriestraße, gleich beim Hofgarten. Auf der anderen Seite hat sich der Umzug vom Kurfürstendamm zum Oranienburger Tor vor fünf Jahren für den NBK sicher gelohnt. Das Kunstpublikum zieht es nunmal nach Mitte - gerade wenn es von außerhalb anreist.

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