Kultur : Hockt euch zusammen!

Was Berlins Kultur braucht: Mehr Runde Tische, mehr Geld und weniger Spektakel

Gabriele Horn

Vor der Wahl am 18. 9. haben wir Kulturfreunde und Künstler gebeten, ihre Wünsche für Berlin zu formulieren. Bisher schrieben Peter Raue und Adrienne Goehler, heute äußert sich Gabriele Horn, Direktorin der KW Institute for Contemporary Art in der Auguststraße. Als Nächstes: Hans-Jörg Clement, Konrad-Adenauer-Stiftung.

Ob in Erfurt, Jena, Minden, Bonn, Tübingen oder Hamburg, überall haben sich zuletzt Initiativen für die Erarbeitung städtischer Kulturkonzepte gebildet. Erwartungen an die Politiker wurden formuliert, eine planvolle Kulturpolitik und deren Umsetzung eingefordert. Auslöser sind unter anderem schrumpfende Haushalte und deren Auswirkungen auf die Kultur.

In Berlin ist es hingegen in den vergangenen Jahren gelungen, finanzielle Einbrüche abzuwehren, nicht zuletzt dank der Personalunion von Regierendem Bürgermeister und Kultursenator. Der Kulturetat der Stadt ist sogar bescheiden gestiegen. Die Wertschätzung der Künstler blieb nicht nur ein Lippenbekenntnis, wie die Initiierung und Finanzierung der Ausstellung „Based in Berlin“ zeigte. Und doch wurde dieses Projekt zum Anlass einer kulturpolitischen Mobilisierung.

Der Tenor des Protests gegen die Ausstellung hatte wenig mit „Jammern auf hohem Niveau“ zu tun, sprich: der Versorgungsmentalität von Kulturschaffenden. Es geht vielmehr um den Umgang mit Kultur in einer ökonomisierten Gesellschaft, um den Ausverkauf landeseigener Liegenschaften und innerstädtischen Brachflächen und die Folgen der Gentrifizierung.

Die Kommerzialisierung von Kunst und Kultur, ihr strategischer Gebrauch zur Durchsetzung politischer, ökonomischer und repräsentativer Interessen – also ihre Instrumentalisierung und Verwertung – trägt gleichsam zu einer Entwertung bei, zu einer Marginalisierung der eigentlichen Akteure und einem Verlust des kulturellen Reichtums von Berlin. Kunst braucht einen offenen, aber geschützten Raum, der frei von Indienstnahmen ist. Es geht nicht um einen sensibleren Umgang mit der Kunst und ihren Produzenten, es geht um ein grundlegendes Umdenken! Gefordert sind intellektuelle Bewegung, Streitkultur, Dissens und der Wettkampf von Ideen.

Die Wahrnehmung der Stadt mag eine andere sein. Gilt Berlin doch als „eine der führenden Kunstmetropolen der Welt“, als „größter Galerienstandort Europas“, als „Mekka für die junge Künstlerschaft“. Ja, Kunst ist Standortfaktor, fasziniert die Touristen, macht die Stadt attraktiv – und ist eine seiner wichtigsten Ressourcen. Berlin soll endlich reich damit werden, aber vor allem sexy bleiben.

Das Primat der Ökonomisierung mag vordergründig zu Reichtum führen, Leidenschaft und Sexyness bleiben dabei auf der Strecke. Das Unkonventionelle, Eigensinnige, Radikale, die Obsession künstlerischer Produktion werden durch das Berechenbare, das Marktkompatible, den Businessplan ersetzt. Die Institutionen sind zunehmend den Anforderungen einer neoliberalen Eventökonomie ausgesetzt. Ihr Bildungsauftrag läuft Gefahr, einem populären Konsumauftrag zu weichen. Bestenfalls bewahren sich die Institutionen noch eine Form der Kritik, aber ihre Autonomie ist hin. Der Kunstmarkt wird vielleicht darunter leiden, dass Höhen und Tiefen sich nivellieren und Mittelmäßigkeit einzieht. Das Publikum wird mit Spektakel-Events konfrontiert sein und ebenfalls verlieren.

Halten wir es mit Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Es gibt Vorschläge, wie das vom Rat für die Künste im Februar 2011 herausgegebene Positionspapier „Kultur macht Berlin“ oder den im Juli von der Initiative „Stadt Neudenken“ publizierten offenen Brief. Im August hat sich die Stiftung „Zukunft Berlin“ zum Thema „Kultur und Stadtentwicklung“ positioniert. Die Initiative „Haben und Brauchen“ brachte Anfang des Jahres den Stein mit einem offenen Brief zur „Leistungsschau“ ins Rollen und hat ein Bündnis mit Stadtentwicklern und Architekten geschlossen.

Die im Frühjahr 2012 stattfindende 7. Berlin Biennale wird bereits Anfang September ein Magazin mit rund 50 Statements von Kulturschaffenden zu diesen Fragen herausgeben. Die Forderungen der unterschiedlichen Initiativen und Akteure reichen von einer Erhöhung des Kulturetats auf mindestens drei Prozent des Berliner Gesamthaushaltes über die Einforderung einer planvollen Kultur- und Stadtentwicklungspolitik bis hin zur Unterzeichnung eines Paktes für die Kultur: einem gesellschaftlichen Abkommen zwischen Kultur und Politik. Die künftige Regierung in Berlin wäre gut beraten, sich mit den Forderungen auseinanderzusetzen und an einem Runden Tisch vom hiesigen Sach- und Fachverstand leiten zu lassen. Die Verantwortlichen der Ressorts Kultur, Stadtentwicklung, Bezirke, Liegenschaften, Wirtschaft und Finanzen sollten nach der Wahl den Prozess der Veränderung in solchen Runden mit den Akteuren aus Kunst, Stadtentwicklung und Architektur verhandeln und beschließen. Dabei geht es nicht nur, aber auch um die finanziellen Rahmenbedingungen.

Die Stadt hat sich verändert. Gefordert ist ein Paradigmenwechsel, eine höhere Wertschätzung von Kultur und ihrer Produzenten, die über die von Legislaturperioden und Pragmatismen diktierten Interessen hinausgeht. Kultur schließt keine Straßenlöcher. Aber die Zukunft unserer Gesellschaft, ihre ethische und moralische Werteskala, hängt von ihrer kulturellen Kompetenz und von ästhetischer Erfahrung ab.

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