Kultur im Burgenland : Hals- und Steinbruch!

Die Fürsten Esterhazy haben als Haydns Arbeitgeber Musikgeschichte geschrieben. Heute betreiben ihre Nachfahren im Burgenland zwei Klassikfestivals.

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Noble Kulisse. Seit 1622 residieren die Esterhazys in Eisenstadt, der heutigen Landeshauptstadt des Burgenlandes. Der Haydnsaal im Schloss ist für seine Akustik berühmt. Foto: Esterhazy Privatstiftung
Noble Kulisse. Seit 1622 residieren die Esterhazys in Eisenstadt, der heutigen Landeshauptstadt des Burgenlandes. Der Haydnsaal im...Foto: Esterhazy Privatstiftung

Die Kulisse ist spektakulär. Fast 25 Meter ragen die steinernen Wände in die Höhe – oder besser gesagt: in die Tiefe. Denn die Felsformation wurde ja von Menschenhand geschaffen. Seit über 2000 Jahren wird in der burgenländischen Tiefebene südöstlich von Wien Gestein gehauen. Schon die Alten Römer wussten die Qualität des hellen Kalksandsteins zu schätzen, später wurde er für die Errichtung des Stephansdoms in der österreichischen Hauptstadt genutzt, und auch ein Großteil der prachtvollen Palais’ an der Ringstraße ist mit edlen Materialien aus St. Margarethen erbaut worden.

So entstand mit der Zeit ein gigantischer Krater in der vom Weinbau dominierten Landschaft, in den man heute bequem über breite Rampen hinabsteigen kann. Denn das 150 000 Quadratmeter große Gelände gehört zu den touristischen Sommer-Hotspot am Neusiedler See. Begonnen hat die kulturelle Nutzung des Steinbruchs 1961 mit den von der örtlichen Gemeinde organisierten Passionsspielen, die seitdem alle fünf Jahre stattfinden. 1996 kam ein Opernfestival hinzu, das nach dem Vorbild der Bregenzer Seebühne musikdramatische Großevents anbietet, für jeweils 4700 Zuschauer pro Abend.

Regisseur Arlaud hat alles im Griff - bis auf das Wetter

Wer hier inszeniert, darf keine Angst vor ganz großen Gesten haben. Philippe Arlaud, der französische Gesamtkunstwerker, der als Bühnenbildner begonnen hat, inzwischen aber in Personalunion stets auch als sein eigener Lightdesigner, Kostüm-Couturier und Regisseur auftritt, ist da eine gute Wahl. Für Verdis „Rigoletto“ hat er die ohnehin schon opernhaft wirkende Naturkulisse mit hohen Türmen, einer endlose Treppe, gigantischem Kronleuchter und einer riesenhaften, geometrisch-organischen Stahlskulptur möbliert. Choreografisch geschickt bewegt er die Statistenmassen durch die Szenerie, während in der Höhe Videoprojektionen über die Felsen flimmern, mal surreale, mal romantisch-kitschige Traumbilder, gedacht als stimmungsverstärkende Halluzinationen des sexsüchtigen Herzogs von Mantua, seines buckligen Hofnarren Rigoletto und dessen herzensreiner Tochter, die sich am Ende für ihre Liebesillusion opfern wird.

Alles hat der Regisseur perfekt durchgeplant und souverän durchgestylt – allein das Wetter vermag Philippe Arlaud nicht zu kontrollieren. Und das zeigt sich am Premierenabend besonders wendisch: Zuerst verzögert ein Gewitter den Beginn der Vorstellung, und dann öffnen sich, kaum, dass Gilda und ihr hochadliger Verehrer (klangschön: Yosep Kang) zum Liebesduett ansetzen, erneut die himmlischen Schleusen. Viele Zuschauer fliehen, die übrigen ducken sich unter ihren knisternden Regenpelerinen, während die Vorstellung weiterläuft. Dirigentin Anja Bihlmaier und das Orchester des Slowakischen Rundfunks sitzen irgendwo im Felsinnern im Trockenen, die Solisten aber singen jetzt wortwörtlich unter der Dusche. Beachtlich, mit welcher vokalen Delikatesse Elena Sancho Pereg als Gilda dennoch ihre Hit-Arie „Caro nome“ zu gestalten vermag.

Blick auf das Festspielgelände in St. Margarethen. Foto: Roland Schuller/Arenaria
Blick auf das Festspielgelände in St. Margarethen.Foto: Roland Schuller/Arenaria

Dass die Firma des „Oper im Steinbruch“-Gründers Wolfgang Werner 2014 in die Insolvenz rutschte, war nicht nur meteorologischem Unbill zuzuschreiben. Um das im sommerlichen Klassikmarkt mittlerweile gut eingeführte Festival nicht platzen zu lassen, übernahm der Eigentümer des Geländes das Kulturmanagement, nämlich die Privatstiftung Esterhazy. In der Familien-Holding sind alle Besitztümer zusammengefasst, die vom einstigen Besitz des Fürstengeschlechts übrig geblieben sind, das als langjähriger Arbeitgeber Joseph Haydns in die Musikgeschichte eingegangen ist.

Im prachtvollen Stammsitz der Esterhazys in Eisenstadt trägt darum der akustisch exzellente, barocke Prunksaal den Namen des Komponisten, sein 30 Jahre währendes Schaffen vor Ort wird in der Dauerausstellung gewürdigt. Ein paar Zimmer weiter ist in einer Sonderschau gerade das Leben der letzten, 2014 im Alter von 94 Jahren verstorbenen Fürstin Melinda Esterhazy nachzuvollziehen: ein hochdramatisches Schicksal, das die wüsten Zeitläufe des 20. Jahrhunderts exemplarisch verdeutlicht.

Die Geschichte beginnt wie eine Operette und schlägt dann schnell in eine Tragödie um. Als die attraktive Melinda Ottrubay, die als Primaballerina an der Budapester Oper Erfolge feiert, Paul V. Esterhazy bei einem Tennismatch kennenlernt, ist er märchenhaft reich. Als sie ihn zwei Jahre später heiratet, haben die Kommunisten ihn gerade enteignet. 1949 wird ihm ein Schauprozess gemacht, aus der Kerkerhaft gelingt ihm in den Wirren des 1956er Aufstands die Flucht, zusammen mit Melinda rettet er sich in die Schweiz.

Der Gewinn der Stiftung kommt der Kultur zugute

Mitten durch die esterhazyschen Lande zieht sich der eiserne Vorhang, auf der österreichischen Seite darf Paul V. immerhin den Grundbesitz behalten, die ausgedehnten Wälder und Weinberge, die zusammen mit den Immobilien, zu denen zwei Schlösser und eine Burg gehören, heute Grundlage der wirtschaftlichen Aktivitäten der Privatstiftung Esterhazy sind, der Melindas Neffe Stefan Ottrubay vorsteht. Und weil deren Satzung vorsieht, dass alle Gewinne in den Erhalt der Baudenkmäler fließen sowie in kulturelle Projekte, wurde vor dreieinhalb Jahren der Berliner Kulturmanager Andreas Richter als Berater hinzugezogen.

Er entwickelte ein neues Konzept für die Bespielung des Schlosses, die neben dem Spielbein der Steinbruch-Oper das Standbein des Kulturprogramms ist. Ganzjährig soll Klassik im Eisenstädter Fürstensitz zu erleben sein, gemacht nach der neuesten dramaturgisch-pädagogischen Façon, also mit Kinder- und Familienprogrammen, Ausflügen in Jazz und Weltmusik sowie Abenden, an denen sich Kultur und Kulinarisches begegnen.

Höhepunkt des Musikprogramms ist das neue „Herbstgold“-Festival im September, das pikanterweise fast zeitgleich mit den traditionellen Haydn Festspielen in Eisenstadt ausgerichtet wird. Die chronischen Streitigkeiten zwischen der Landesregierung und der Esterhazy-Privatstiftung, die sich immer wieder an neuen Themen entzünden, haben zuletzt dazu geführt, dass Walter Reicher mit seiner staatlich finanzierten Komponisten-Hommage, die er seit 1988 im Schloss veranstaltet hat, auf die Straße gesetzt wurde.

Im Spätsommer gibt es jetzt zwei Festivals

Er wird sich mit seinen Konzerten darum nun in der ganzen Region ausbreiten, ja sogar einen „Magical Haydn Train“ auf die Reise um den Neusiedler See schicken, während das von Andreas Richter konzipierte „Herbstgold“ das historische Esterhazy-Gemäuer beschallen, mit der künftig vom Cellisten Nicolas Altstaedt geleiteten Haydn Philharmonie als Residenzorchester. Lachende Dritte sind bei dieser Provinz-Posse die Klassikfans, die künftig im September, wenn es im sonnenverwöhnten Burgenland noch altweibersommerlich warm ist, ein verdoppeltes Kulturangebot genießen können.

„Rigoletto“ wird bis 19.8. im Steinbruch gezeigt, Infos: www.arenaria.at

„Herbstgold“ findet vom 6.–16. 9. auf Schloss Esterhazy statt, Infos: www.herbstgold.at

die Haydn Festspiele Burgenland vom 24.8.–3. 9., Infos: www.haydnfestival.at

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