Kultur in der Krise : Weißt du, wie das wird?

Expertenrunde: Im Paul-Löbe-Haus wurden Vertreter von Ländern und Kommunen sowie Stifter-, Sponsoren- und Interessensverbänden zu den "Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise für die Kultur in Deutschland" befragt. Hoffnungen ruhen auf einem amerikanischen Prinzip.

Frederik Hanssen

Auf dem Fußboden des Paul-Löbe-Hauses sind silberne Lettern eingelassen. Wer seinen Kopf schräg hält, kann zum Beispiel einen Satz von Ricarda Huch lesen: „Der Wind und das Schicksal haben ihre unabänderlichen Gesetze, nach denen sie sich bewegen. Aber was weiß der Tropfen davon, den sie vor sich her fegen?” Die Dichterinnen-Worte hätten gut als Motto für jenes Expertengespräch getaugt, zu dem der Kulturausschuss des Bundestags am gestrigen Mittwoch geladen hatte: Zu den „Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise für die Kultur in Deutschland“ wurden Vertreter von Ländern und Kommunen sowie Stifter-, Sponsoren- und Interessensverbänden befragt. Viele Konjunktive waren dabei zu hören, denn im laufenden Jahr werden die meisten Kulturschaffenden noch weitgehend unbeeinträchtigt arbeiten können, da die öffentlichen Haushalte verabschiedet sind und bindende Sponsorenverträge existieren. Nur die Freischaffenden, die auf Projektbasis arbeiten, wie beispielsweise die Akademie für Alte Musik Berlin spüren jetzt schon mit voller Härte, was den anderen wohl ab 2010 blüht, wenn die Kommunen ihre Sparschrauben wieder anziehen müssen und die Stiftungen mit ihren verbliebenen Kapitalwerten geringere Renditen erzielen.

Vor allem kleinere Musikfestivals und kommunale Museen seien gefährdet, prophezeihten die Szenekenner. Den subventionierten Theatern könnte zuerst der Mut zum Experimentellen schwinden, auf dem Kunstmarkt werden es junge Maler noch schwerer haben, weil die verbliebenen potenten Käufer versuchen würden, ihr Kapital ins sichere Anlagefeld der „klassischen Moderne“ zu retten.

Skepsis herrschte bei der Frage, in wieweit die Kultur vom Konjunkturpaket II profitieren werde: Zum einen dürfte ein harter Konkurrenzkampf um die Zusatzmittel entbrennen, zum anderen lassen sich damit nur Investitionsmaßnahmen realisieren – das Problem der personellen Unterbesetzung aber bleibt auch nach der Sanierung maroder Bibliotheken und soziokultureller Zentren bestehen. Hoffnungen ruhen auf dem amerikanischen Prinzip des volunteering, bei dem Firmen ihre Mitarbeiter animieren, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Das Interesse der Medien, Institutionen und Lobbyisten an der nachmittäglichen Expertenrunde war übrigens deutlich größer als das der Volksvertreter selber. Von den 40 Mitgliedern des Kulturausschusses war die Hälfte gekommen, neun Parlamentarier hielten die zwei Stunden durch. Ausgerechnet SPD- Doyen Wolfgang Thierse verschwand bereits wenige Sekunden nach Eröffnung der Sitzung wieder – vielleicht wollte er ja noch ins Museum. 

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