Kultur in Großbritannien : Was macht London ohne MacGregor und Dercon?

Berlin holt Neil MacGregor ans Humboldtforum und Chris Dercon an die Volksbühne. In London brechen damit zwei Säulen des britischen Kulturbetriebs weg. Was bedeutet das nun für die Londoner Museen?

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Neil MacGregor.
Neil MacGregor.Foto: Alberto Cristofari/Laif

Der Wechsel Neil MacGregors (68) vom Direktor des British Museum zum Gründungsintendanten des Humboldtforums in Berlin Ende des Jahres ist in London mit hörbarem Bedauern aufgenommen worden. 27 Jahre lang wirkte der nun 68-Jährige in der britischen Hauptstadt, zunächst fünfzehn Jahre lang in der National Gallery, dann weitere zwölf im British Museum. Der Weggang des umtriebigen MacGregor aus dem Riesenhaus in Bloomsbury, der in den britischen Medien übrigens nicht nur mit seinem Berliner Engagement erklärt wurde, sondern auch mit anderen Projekten (darunter einer weiteren seiner erfolgreichen TV-Serien mit der BBC), markiert einen Einschnitt. Zumal es nicht der einzige ist.

Nicholas Penny, sein Nachnachfolger an der National Gallery, will mit seinen 65 Jahren ebenfalls aufhören. Der etwas jüngere Sandy Nairne, der die benachbarte, früher reichlich verschlafene National Portrait Gallery in den letzten zwölf Jahren mit anregenden Ausstellungen belebte, wechselt gleichfalls ins Privatleben. Und Chris Dercon, auch diese Personalie hat in Berlin ja für Aufregung gesorgt, verlässt die an ihrem Publikumserfolg schier erstickende Tate Modern, um künftig die Berliner Volksbühne als multidimensionale Spielstätte zu führen. Bleibt an der Themse die große Rätselfrage, ob auch Dercons Chef, der 69-jährige Nicholas Serota, sein Amt als Direktor des Museumsverbundes der Tate nach ebenfalls 27 Jahren demnächst abgeben will.

Die Säulen des britischen Kulturbetriebs wackeln

Es gehen nicht einfach Museumsdirektoren. Mit MacGregor und womöglich Serota würden zwei Säulen des britischen Kulturbetriebs wegbrechen. MacGregor hat beim British Museum nicht nur das 2002 vorgefundene Defizit in Höhe von fünf Millionen Pfund aufgelöst, längst stellt er bei den kulturhistorischen Museen außerdem eine Weltautorität dar. Er wird nicht müde, die Rolle der Universalmuseen als Häuser für die Weltgesellschaft zu definieren, gegen jede nationale Verengung. Der asketische Serota wiederum zählt zu den einflussreichsten Personen der Kunstwelt und des Marktes für Gegenwartskunst. Wer bei Serota ausstellt, sei es in der aufwändig renovierten Tate Britain im Süden Londons oder im ehemaligen Kraftwerk an der Themse, hat es geschafft. Dabei hilft auch der Turner-Preis, der jedes Jahr wie eine Oscar-Verleihung durch gezielte Gerüchte und eine Shortlist interessant gemacht wird. Auch wenn der ganz große Hype nach einigen weniger überzeugenden Preisträgern – und dem generellen Abflauen der britischen Gegenwartskunst – einige Jahre zurückliegt.

Bleibt als feste Größe der Schwabe und frühere Dresdner Museumschef Martin Roth (60), mittlerweile Chef des riesigen Victoria & Albert Museum. Seine Berufung 2011 war nicht nur auf Zustimmung gestoßen, ist das V&A doch so britisch wie einst der Fünf-Uhr-Tee. Obwohl die Gründung des Museums selber auf einen Deutschen zurückgeht, auf den früh verstorbenen Prinzgemahl Albert.

Die Londoner Kulturpolitik muss sich neu justieren

Der Personalwechsel in den Londoner Großmuseen kommt zu einem politisch brisanten Zeitpunkt. Die neue Regierung nach dem Ausscheiden der Liberaldemokraten muss auch die Kulturpolitik neu justieren. Längst sind die Museen es gewöhnt, einen immer größeren Teil ihres Budgets selber zu verdienen. Manche auf den breiten Publikumsgeschmack zielende Ausstellung erklärt sich aus dieser Pflicht zu Eigeneinnahmem – bei der Tate mit ihren zwei Londoner Häusern sind es mittlerweile 60 Prozent.

Dass Museumsbesuche in London gratis seien, ist übrigens ein verbreiteter Irrtum: Unentgeltlich ist lediglich der Besuch der Dauerausstellungen; die Wechselausstellungen hingegen, für die sich oft lange Schlangen bis auf die Straße bilden, sind mit happigen Eintrittsgeldern belegt. Für die aktuelle Impressionisten-Ausstellung der National Gallery sind 18 Pfund fällig, für die Sonia-Delaunay-Schau der Tate Modern 16 Pfund, und selbst die weniger publikumsträchtige Skulptur der viktorianischen Zeit in der Tate Britain schlägt mit 12 Pfund zu Buche. Modeschöpfer Alexander McQueen im Victoria & Albert ist mit 17,60 Pfund angesetzt, die griechische Skulptur im British Museum mit 16,50 Pfund.

Die Suche nach MacGregors Nachfolger hat begonnen

Mit der Einrichtung der Lottostiftung waren in den Neunzigern goldene Jahre für die Museen angebrochen. Die sanierungsbedürftigen Häuser wurden kräftig aufpoliert, auch wurde erweitert und neu gebaut. Doch in den letzten fünf Jahren hat das Kulturministerium 20 Prozent seines Budgets eingebüßt. Im Zuge der Dezentralisierung, die die politische Hauptaufgabe der Regierung bilden wird, werden außerdem die Forderungen immer lauter, die Gelder gleichmäßiger über das Land zu verteilen. London soll nicht mehr derart im Mittelpunkt stehen wie in der Vergangenheit. Allein der Norden Englands befindet sich in einem jämmerlichen Zustand, zumal sich hier kaum wie in London Finanzquellen auftun.

Die Suche nach einem Nachfolger für Neil MacGregor hat begonnen, die für Serota wird zumindest inoffiziell betrieben. Ihre Statur zu erreichen, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. So lässt es sich als ermutigendes Signal verstehen, dass mit Gabriele Finaldi (49) immerhin ein neuer Direktor für die National Gallery gefunden ist. Ein Mann, der als stellvertretender Leiter des Prado in Madrid bewiesen hat, wie er eine eingefahrene Institution energisch modernisieren kann. In den künftig wieder raueren Zeiten ist das die Qualifikation, die alle Nachfolger vorweisen müssen.

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