Kultur in Hamburg : Herrin des Sparstrumpfs

Viel mehr als Mängelverwaltung kann Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler nicht betreiben. Aber das tut sie mit Geschick.

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Etaerhöhung zugesagt. Barbara Kisseler vor dem Schauspielhaus.
Etaerhöhung zugesagt. Barbara Kisseler vor dem Schauspielhaus.Foto: picture alliance / dpa

Es war fast wie im Märchen. Als der frisch gewählte Hamburger SPD-Bürgermeister Olaf Scholz im März 2011 Barbara Kisseler aus der Berliner Senatskanzlei ins Amt der Hamburger Kultursenatorin lockte, da ging ein Aufatmen durch die Hansestadt. Eilte doch der parteilosen Kisseler ein Ruf als kompetente, durchsetzungsstarke Anwältin der Kultur voraus. Eine solche Figur musste der Hamburger Szene, die nach Jahren kulturpolitischer Agonie zwischen Verzweiflung und Zynismus schwankte, wie eine gute Fee erscheinen.

Neun Monate und manche Haushaltsdebatte später ist der Zauber des Anfangs dem politischen Alltag gewichen. Aber, und darin liegt in der Tat ein Quantensprung, einem von Sachkenntnis und Respekt geprägten Alltag. Auch in Hamburg hat man begriffen, dass Kisseler nicht hexen kann. Scholz hat den Kulturetat zwar entgegen dem allgemeinen Sparkurs moderat erhöht, aber das Budget ist trotzdem allzu endlich. Nur die Probleme sind es leider nicht. Doch Kisseler geht sie entschieden an und hört alle Seiten – und schon das wirkt vertrauensfördernd.

Ein Beispiel dafür ist das historische Gängeviertel in der Innenstadt. 2009 brachten die Proteste der Künstlerinitiative „Komm in die Gänge“ gegen den geplanten Abriss des Areals Hamburg bundesweit in die Schlagzeilen. Die Stadt kaufte das Ensemble daraufhin von dem Investor zurück, zunächst ohne über eine künftige Nutzung zu entscheiden. Kisseler hat erreicht, dass das Gängeviertel unter Denkmalschutz gestellt und ein Sanierungsplan verabschiedet wurde. Die Kooperationsvereinbarung mit der Initiative trägt ihre Handschrift. Das Eigentum an den Häusern bleibt freilich bei der Stadt, auch wenn die Künstler das gerne anders gehabt hätten.

Die Spar-Schildbürgerstreiche von Barbara Kisselers Vorgänger Reinhard Stuth hat die neue Regierung rückgängig gemacht. So bleibt dem Schauspielhaus nicht nur Stuths Etatkürzung von 1,2 Millionen Euro erspart, die den künstlerischen Betrieb von Deutschlands größtem Sprechtheater abgewürgt hätte. Der designierten Intendantin Karin Beier wurde sogar eine Erhöhung der Zuschüsse zugesagt.

An anderen Knoten zerrt Kisseler eher, als sie zu durchschlagen. Nach wie vor ist nicht klar, wie viele Häuser unter dem Dach der Stiftung Historische Museen arbeiten werden und mit welchem Profil – dabei sind sie, wie alle städtischen Museen, so unterfinanziert, dass an sinnvolle Ausstellungskonzepte kaum zu denken ist. Als Kisseler eins der Museen aus dem Verbund herauslösen wollte, trat Stiftungsvorstand Kirsten Baumann zurück. Doch statt als Nachfolger einen Generaldirektor mit weitreichenden Gestaltungsbefugnissen zu installieren, hat die Senatorin erst einmal sämtliche Museumsdirektoren in einen Lenkungsausschuss berufen. Das riecht nach fortgesetztem Kompetenzgerangel statt nach heilsamen Schnitten.

Personalfragen stellen sich auch in der Staatsoper. Die glücklose Chefin Simone Young hat angekündigt, ihren Vertrag 2015 auslaufen zu lassen. Die Personalunion von Intendantin und Generalmusikdirektorin ist dem traditionsreichen Haus nicht bekommen; unter Youngs Ägide hat es seine überregionale Ausstrahlung eingebüßt. Für ihren „Don Giovanni“ bezogen Young und die Regisseurin Doris Dörrie Anfang der Saison einhellig Prügel von der Kritik.

Weniger Sorgen musste der Stadt der Streit mit dem Verband der privaten Konzertveranstalter (VDKD) bereiten. Dem war es ein Dorn im Auge, dass die Stadt die Laeiszhalle einerseits vermietet und andererseits selbst Konzerte dort veranstaltet, und das zu erschwinglichem Eintritt. Nachdem die Hochpreis-Gala-Reihe „Voices“ mit Aplomb den Betrieb eingestellt hatte, verklagte der Verband die Stadt wegen rechtswidriger Behinderung und verlor. In erster Instanz zumindest, rechtskräftig ist das Urteil noch nicht.

Die Laeiszhalle? War da nicht noch was? Auch wenn sich die städtische Konzertreihe längst tapfer „Elbphilharmonie Konzerte“ nennt, der Ort dazu ist nach wie vor Hamburgs größte Baustelle. Und die bleibt ihrem Schlingerkurs treu: 5700 Mängel soll der Generalunternehmer Hochtief noch nicht behoben haben. Mal ruhen die Arbeiten, weil ein Geländer auf dem gewaltigen Glasdach fehlt, mal gibt es Probleme mit der Statik – und immer kostet’s. Fragt sich nur, wen. „Keine Spielchen mit der Elbphilharmonie“, rief Kisseler schon im Frühjahr dem Baugiganten zu, der sich immer wieder mit Nachforderungen unbeliebt gemacht hatte. Die Beträge haben längst Fantastilliardenhöhe, mittlerweile haben sich die Parteien auch gerichtlich ineinander verkeilt. Ob das Haus nun Ende 2014 oder gar 2015 fertig wird, es hört schon keiner mehr hin bei solchen Zahlenspielen. Nur manchmal ist ein Stoßseufzer zu vernehmen. Der geht dann so: „Ich hoffe, sie eröffnen das Ding, bevor ich tot bin.“

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