Kultur in Köln : Loch und Löcher

In Sachen Kunst wähnte sich Köln einst auf Augenhöhe mit New York. Bis überall Geld fehlte, Projekte platzten, das Stadtarchiv einstürzte. Das neue Kulturquartier soll der Stadt aus der Krise helfen – und dabei mehr als nur eine Baulücke schließen.

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Das Rautenstrauch-
Das Rautenstrauch-Foto: ddp

Machtvoll erhebt sich der kubisch geschlossene Bau an der viel befahrenen Cäcilienstraße. Der Verkehrslärm brandet von draußen an, drinnen aber herrscht Ruhe, museale Ruhe. „Das ist heute ein guter Tag für die Stadt“, hebt Georg Quander an. Dem Kulturdezernenten der Domstadt, zuvor Intendant der Staatsoper in Berlin, ist die Erleichterung am Freitag deutlich anzumerken. „Es ist ein Anlass, auf den die Kölner lange gewartet haben, 15 Jahre in allem.“ Und, damit die Botschaft auch richtig ankommt: „Die Eröffnung des Kulturquartiers ist das sicher glanzvollste kulturelle Ereignis des Jahres in Köln.“

Das „Kulturquartier“, das ist der insgesamt an die 80 Millionen Euro teure Neubau für das ehrwürdige Rautenstrauch-Joest-Museum, der das einzige ethnologische Museum in Nordrhein-Westfalen beherbergt, sowie die Erweiterung des Museums Schnütgen, das seinen angestammten Platz im benachbarten, romanischen Kirchenbau von St.Cäcilien hat, und einen Veranstaltungssaal der Volkshochschule.

Köln hat gewiss noch glanzvollere und gewichtigere kulturelle Ereignisse gesehen, beispielsweise 1957 die Eröffnung des Opernhauses oder 1986 die des Doppel-Neubaus von Museum Ludwig und unterirdisch anliegender Philharmonie zwischen Dom und Rhein. Aber nach einer langen Leidenszeit soll die Eröffnung des mit seiner rotbraunen Klinkerfassade so gar nicht in die Kölner Architekturtradition passenden Bauwerks den Wiederaufstieg aus dem kulturellen Jammertal markieren, in das die Stadt teils durch eigenes Versagen, teils durch die Macht des Schicksals geraten war. Immerhin füllt der Neubau endlich das, was als „Kölner Loch“ jahrelang das Gespött über die hilf- und ziellose Politik der Stadt auf einen viel zitierten Begriff gebracht hatte.

Die Macht des Schicksals, die hat Köln am 3. März des vergangenen Jahres zu verspüren bekommen, als beim U-Bahnbau ein gigantisches Loch aufriss und das der Baugrube benachbarte Haus verschlang. Nur dass sich darin leider das Stadtarchiv befand, das bedeutendste kommunale Archiv nördlich der Alpen. Die Folgen dieser – von ruchlosen Baustahl-Dieben mitverursachten – Tragödie sind bekannt: Zwei Männer starben – und ganze Regalkilometer wertvollster Akten versanken im Schlamm. Es wird 30 Jahre dauern und geschätzte 400 Millionen Euro kosten, den wundersamerweise doch noch aus dem Dreck geborgenen Schriftstücken wieder einigermaßen zu ihrem früheren Aussehen zu verhelfen. Unabweisbar sind zudem die 100 Millionen Euro für einen Archivneubau.

Die selbst verschuldete Hilflosigkeit indessen, für die steht das „Kölner Loch“. Im Jahr 2002 wurde das erst 1967 eröffnete Kulturzentrum, als Josef-Haubrich-Forum benannte Ensemble aus Kunsthalle, Kunstverein und Volkshochschule, abgerissen, um einem großzügigen Neubauvorhaben Platz zu machen. Doch das gab es leider nur in den Köpfen der Kommunalpolitiker; in der Realität mangelte es schlicht am notwendigen Geld. So blieb das „Loch“. Heute spricht der Dezernent freimütig vom „Baustopp aufgrund der desolaten Finanzsituation der Stadt“. Die konnte erst dank eines 24-Millionen-Zuschusses des Landes aufgebessert werden.

Wenige Stunden vor der Gala zur Eröffnung des Quartiers sitzt Georg Quander in seinem Büro, im schwarzen Anzug und mit Silberkrawatte schon herausgeputzt. „Ich habe zumindest keine Gelegenheit mehr, mich umzuziehen“, meint er lakonisch. Wortgirlanden sind ihm fremd. „Wir haben in den letzten dreißig Jahren viel Terrain verloren“, räumt er unumwunden ein, auf die Frage nach der gegenwärtigen Bedeutung Kölns als Kulturmetropole. Er erwähnt den legendären Dezernenten Kurt Hackenberg, unter dessen Ägide 1967 eben jenes Kunstzentrum errichtet wurde, das 2002 achtlos beseitigt wurde. „Verschärft“, sagt Quander, „wurde der Niedergang durch die Ereignisse im Rahmen der Wiedervereinigung“. Damit bringt er eine Ansicht ins Spiel, die unter Kölner Kulturmenschen gängige Meinung ist, von Berlin aus jedoch nicht einmal erahnt wird: „Köln hat darauf nicht reagiert. Die Stadt soll sogar ein Angebot der Landesregierung, sie in das Ausgleichsgesetz für Bonn hineinzunehmen, abgelehnt haben.“

Das wäre, wenn es denn stimmt, sträflicher Hochmut gewesen. Die Folgen sind bekannt: Berlin, das weiß Quander aus eigener Erfahrung, hat eine enorme Anziehungskraft entfaltet. Zugleich haben die süddeutschen Großstädte und Länder – Bayern voran – darauf ihr Kulturengagement „aus Angst vor Berliner Hegemonie enorm verstärkt“. Ähnlich formuliert es Kasper König, der in der internationalen Kunstszene bestens vernetzte Direktor des Museums Ludwig. Viele der jüngeren Künstler hätten Berlin attraktiver gefunden als das Rheinland, und zugleich sei mit dem Hauptstadtumzug ein „bestimmtes Milieu“, das von Bonn herüberzukommen pflegte, weggefallen. Denselben Akzent setzt auch Anja Nathan-Dorn, die Direktorin des über 150 Jahre alten Kölnischen Kunstvereins. Man musste, sagt sie, in Köln „erst einmal wegstecken, dass man in gewisser Weise zu den Verlierern des Endes des Kalten Krieges gehört“.

Dabei war Köln einst derart selbstbewusst, dass es sich in Kunstdingen mit New York auf Augenhöhe wähnte. „Noch vor dreißig Jahren“, sagt König, der damals Großausstellungen in Messehallen organisierte, weil der Platz in den Museen nicht mehr ausreichte, „gab es eine solche Vielfalt und Informationsdichte, das die Illusion entstand, etwas Kosmopolitisches zu haben.“ Das rheinische Kunstwunder, rasantes Wachstum der Galerienszene und des 1967 begründeten „Kölner Kunstmarktes“ zur „Art Cologne“, König hat es miterlebt. Und nun mahnt er, man dürfe sich „nicht auf einem Mythos ausruhen“.

Dazu ist spätestens seit dem Archiv-Einsturz wahrlich kein Anlass mehr. Der U-Bahn-Bau, der in eben jenen sechziger Jahren begann, da alles möglich schien, hat die historische Innenstadt erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Die Gegend um die Unglücksstelle, an der Grenze zum trendigen Severinsviertel, macht derzeit einen mehr als desolaten Eindruck. Die Hybris, sich durch den seit der Römerzeit immer wieder überbauten Untergrund zu graben, wird in aller Schmerzlichkeit sichtbar. Als ob es, das zum „Kölner Loch“ mutierte Kulturzentrum eingerechnet, nicht genug Verluste gegeben hätte, sollte auch noch das Ensemble aus Opernhaus und wenige Jahre später angefügtem Schauspielhaus abgerissen, der Grund und Boden am Offenbachplatz an Investoren verscherbelt werden. Der Opernabriss wurde bereits vor Jahren ad acta gelegt, für das Schauspielhaus, für dessen Neubau bereits ein Architektenwettbewerb entschieden und für den glatte 364 Millionen Euro berechnet worden waren, machte sich eine Bürgerbewegung stark.

„Mut zu Kultur“ wirbelte die festgezurrten Entscheidungen durcheinander. „Mit unzutreffenden Zahlen“, sagt Dezernent Quander grollend. Mittlerweile liegen die Sanierungskosten mit 295 Millionen Euro gleichauf mit der „abgespeckten“ Version eines Neubaus, „es wird also nicht billig“. Der Hauptvorwurf, den Quander erhebt, lautet jedoch, dass die Bürger mit ihrem Protest ein bisschen lange auf sich warten ließen. Typisch kölsch vielleicht, ein wenig langsam. Köln liegt nun mal, seinem Selbstgefühl nach ohnehin, aber auch nach Art seiner Kommunalpolitik, bisweilen nah an Italien, an Süditalien wohlgemerkt. Trotzdem: Auf die Kölner Bürger singen alle Kulturmenschen ihr Lob. „Nirgends gibt es ein derart kritisches Publikum wie im Rheinland“, heißt es.

Kasper König kann für sein Museum überhaupt nur Erwerbungen tätigen, weil ihm ein Förderverein Jahr für Jahr eine halbe Million Euro hinlegt, die der Direktor durch vertraglich festgelegte, entsprechend hohe städtische Dreingaben verdoppelt. Ähnliches gilt für den Kunstverein, dessen Etat von knapp 600 000 Euro zu nahezu vier Fünfteln selbst erwirtschaftet wird. Im neuen „Kulturquartier“ helfen rund 150 Ehrenamtliche bei Info-Stand und Führungen. Katharina Kossendey, Kauffrau aus Düsseldorf – aus Düsseldorf! Und das im früher traditionell verfeindeten Köln! –, betreibt den Museumsshop mit 50 freiwilligen Helfern und kann das Engagement „ihrer“ Bürger gar nicht genug preisen.

Auch wenn dieses nicht immer so gut funktioniert wie nun im neuen Kulturquartier. Die Initiative zum Beispiel, die ein „Haus der jüdischen Kultur“ zu bauen und zu betreiben versprach, gab im Sommer 2009 plötzlich auf. Das Jüdische Museum, wie es mittlerweile wohl heißen soll, sitzt aber auf der Ausgrabungsstätte auf, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses das jüdische Köln des Mittelalters zutage fördert. Also muss und wird die Stadt jetzt aushelfen, bei einer derzeit allerdings noch klaffenden „Finanzierungslücke“ von 22 Millionen Euro, für die das Land einspringen möge. Köln stöhnt, wie alle Kommunen, unter den Lasten, die der Stadt durch die Sozialgesetzgebung des Bundes mehr und mehr aufgebürdet werden. Der Hilferuf, beiläufig ausgesprochen, ist dennoch unüberhörbar.

Bei der feierlichen Eröffnungsgala des „Kulturquartiers“ am Freitagabend aber war die Stimmung selbstverständlich gelöst, war es vorbei mit der andächtig musealen Ruhe in den neuen Räumen, für wenige Stunden zumindest. Alle Löcher der Stadt, die echten, tiefen, die metaphorischen, die nun gestopften, sie schienen an diesem Abend sehr fern. Der Vortragssaal proppenvoll, das Foyer dicht gepackt, eine Menschentraube bis hinaus auf die Cäcilienstraße. „Kölner Loch“? „Da steh’n wir doch drauf“, lautete die gut gelaunte Antwort.

Allein, die Schauspiel-Intendantin Karin Beier ließ sich nicht blicken. Zu beschäftigt ist die Chefin des frisch gekürten „Theater des Jahres“ mit den Proben zur Saisoneröffnung. Ende Oktober erhebt sich der Vorhang zur Uraufführung von „Ein Sturz“. In dem Stück bearbeitet die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nichts Geringeres als – den Archiveinsturz zu Köln. Das Stück, sagte Beier schon vorab, sei „von bitterböser Ironie“. Von „Phantomschmerz“ könne allerdings keine Rede sein. Die Stadt hat begriffen, was sie an ihrer Kultur hat, und zwar schmerzlich.

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