Kultur : Kultur Okinawas: Die Classical Dance Troupe im Haus der Kulturen

Norbert Servos

Manchem westlichen Betrachter mag es scheinen, als habe erst der allgegenwärtige Bob Wilson die Langsamkeit für das Theater entdeckt. In vielen asiatischen Kulturen jedoch ist sie die Grundlage künstlerischen Ausdrucks. Japanisches No- und Kabuki-Theater etwa zelebrieren in Zeitlupe komponierte, stilisierte Bewegungsabläufe. Kleine Gesten genügen, einen Kosmos innerer Regungen zu illustrieren: Ausdruck einer Kultur, deren oberstes Ziel nicht Selbstentäußerung, sondern Selbstkontrolle ist. Im Reigen östlicher Kulturformen nehmen Theater und Tanz der Japan vorgelagerten Insel Okinawa einen besonderen Platz ein. Lange Zeit ein selbstständiges Königreich, abwechselnd China und Japan tributpflichtig, hat die friedliebende Bevölkerung unterschiedlichste Einflüsse aufgenommen. So paart sich in den Tänzen Okinawas die minimalistische Strenge Japans mit der Leichtigkeit Indonesiens und Thailands.

In diesem Jahr ist die Insel Gastgeber des G 8-Gipfels. Die japanische Botschaft und die Japan Foundation stellen ihre Kultur dem deutschen Publikum vor. Seit dem Weltkrieg mit amerikanischen Militärbasen übersät, litt die Insel lange unter Überfremdung und Kriminalität. Die aktuelle Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Tradition kann auch als politisches Statement eines wiedererlangten Selbstbewußtseins verstanden werden. Tänze und Musiken, die die Okinawa Dance Troupe jetzt im Haus der Kulturen vorstellte, stammen überwiegend aus der Blütezeit der Ryukyu-Insel im 17. und 18. Jahrhundert. Vergleichbar dem europäischen Barock glänzen sie durch farbenprächtige Kostüme und eine breite Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Selbstverständlich verschwistern sich hier Tanz, Musik, Literatur und Theater. Den Auftakt bildete der "Rojn-Odori", der Fächer-Tanz des Alten, der Glück und Reichtum verheißt. Auch der folgende "Wakashu-Zei" zweier junger Männer dient zur Vorbereitung der eigentlichen Vorstellung. In ihrem langsamen Schreittanz mit zwei Wedeln reinigen sie den Ort von bösen Geistern. Erst danach ist die Bühne bereit, die unterschiedlichsten Gefühle zu präsentieren.

In den Frauentänzen sind es oft Einsamkeit und Trauer, die mit äußerster Zurückhaltung intensive Gefühle zum Ausdruck bringen. Im "Kashikaki" tanzt eine Frau die Trennung von dem Mann, den sie liebt, mit einer Garnwinde. Ein leichtes Neigen des Kopfes, ein Vorbeugen des Oberkörpers genügen, allen Kummer sichtbar zu machen. Der Text der begleitenden Lieder und die Musik erzählen in poetischer Form die Geschichte. Das sanfte Heben eines Seitentuches genügt, um alle Gefühle des Abschiedes einer Kurtisane von ihrem Geliebten im "Hanafu" wachzurufen. Jeder Schritt, jede langsame Drehung, die den Blickwinkel des Betrachters verändert, sind genau kakuliert. Dabei kennt der Tanz auf Okinawa durchaus auch rhythmische Akzentuierung. Im Männertanz "Menuhama" skandieren stampfende Schritte und scharfe, dem Karate verwandte Gesten die Bewegungen.

Nur schlägt die Ausdrucksskala weit weniger dramatisch aus als in Europa. Der musikalische und tänzerische Grundtonus bleibt stets verhalten und beherrscht. Aus der Einschränkung jedoch gewinnt sich eine um so größere Intensität.

Im zweiten Teil zeigt die Okinawa Classical Dance Troupe ein Stück traditionellen Musiktheaters aus dem 18. Jahrhundert. In "Manzai tekiuchi" üben zwei Söhne tödliche Rache für ihren ermordeten Vater. Auch hier wird die dramatische Geschichte in farbenprächtiges, äußerst stilisiertes Tanztheater verwandelt. Rezitativisch wird der Fortgang der Handlung erzählt, immer wieder durch unterschiedlich stimmungsvolle Tänze aufgelockert. Kühl und statuarisch mag das dem westlichen Zuschauer erscheinen. Tatsächlich behalten die zehn brillanten Tänzer unter Leitung von Miyagi Noho in jedem Moment eine natürliche Entspanntheit. Gerade sie aber verschafft ihnen eine starke Präsenz. Stets bleiben ihre Füße im Kontakt mit dem Boden und doch scheinen sie schwerelos zu gleiten. Rätselhaftes Asien: Den Effekt der Leichtigkeit und Ungezwungenheit erreichen die japanischen Tänzer gerade durch das Sich-Einlassen auf die Gesetze der Gravitation und hohe Stilisierung. Eine Meisterschaft liegt darin, die den Gefühlen ein ganz anderes Heimatrecht im Körper garantiert.

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