Kultur : Kultur-Tipps: Bruno Preisendörfer über alte Welten und kommende Kälten

Der Frankfurter Bücherherbst hat seine hunderttausend Blätter abgeworfen, jetzt kann der Winter kommen mit Frost und Eis und den langen Abenden beim sprichwörtlichen "gepflegten Rotwein" und dem notorischen "guten Buch". Dabei sollen Bücher doch sein, wie die Axt im Haus, die den Zimmermann ersetzt. Das war jetzt kein Kalauer, sondern Kafka. Bücher sollen sein wie Äxte, die das Eis in uns aufschlagen, hat Kafka sinngemäß gesagt.

In der vergangenen Woche konnte man diesem Satz in verschiedenen Zeitungsartikeln begegnen, immer steril zum "treffenden Zitat" abgepackt, wodurch die unerhörte Forderung Kafkas zum Werbeslogan wurde, der sich auf gerade gängige Ware pappen lässt. In Wahrheit gibt es ziemlich wenige literarische "Äxte". Es werden ja auch nicht viele gebraucht. Wer will schon am Feierabend, anstatt sich unterhalten zu lassen, den Eispickel schultern und zu dem gefrorenen See in sich hinunterstapfen, um Überstunden der Selbsterforschung zu machen? Eine der seltenen Äxte war "Rom, Blicke" vom Rolf Dieter Brinkmann, ein schreckliches Buch.

Eine andere Axt ist "Elementarteilchen" von Michel Houellebecq. Der Roman ist in literarisch-künstlerischer Hinsicht eher schlecht gearbeitet und in seiner verschrobenen Halbintellektualität analytisch ein wenig einfältig. Aber er bringt mit herrlich hasserfüllter Wucht das zum Ausdruck, was man die psychomoralische Midlife-Crisis der 68er-Kinder nennen könnte, dieser Generation, die mit einem Bein noch im Muff der 50er Jahre steckt, in denen sie geboren wurde, und mit dem anderen in der technoiden Zukunftsgesellschaft, die sie jetzt in Schlüsselpositionen mitentwickelt. Inzwischen scheint Houellebecq sich selbst und seinen Roman zu Tode zu tingeln mit allerlei Auftritten und Interviews. Am Freitag gibt es in der Volksbühne, sozusagen als Vorwärmer für die Uraufführung von Castorfs Bühnenfassung der "Elementarteilchen" am 20. November, eine Podiumsdiskussion, ab 19 Uhr 30, und hinterher, ab 22 Uhr 30, ein Konzert. Am Montag um 20 Uhr liest Houellebecq im Literarischen Colloquium aus seinen Gedichten.

Als im Frühjahr die Börse boomte, wurde in den Wirtschaftredaktionen darüber diskutiert, ob Journalisten Aktien von Unternehmen halten dürfen, über die sie schreiben. Literaturkritiker sind manchmal in ähnlichen Situationen, obwohl sie derzeit noch keine Anteilscheine der Autoren besitzen, die sie rezensieren. Ich frage mich zum Beispiel, ob es erlaubt ist, in der Kolumne, in der ich über die Lesungen anderer schreibe, auch auf eine eigene hinzuweisen. Ich glaube, es ist lieber nicht erlaubt. Andererseits: Ich will Sie nicht daran hindern, heute um 20 Uhr ins Literaturforum im Brecht-Haus (Chausseestraße 125) zu gehen. Dort lesen auch Andreas Heidtmann und Wladimir Kaminer, moderiert wird von Michael Opitz.

Wenn ich jetzt noch auf eine Veranstaltung in Wolffs Bücherei (Bundesallee 133) hinweise, die gleichzeitig, also ebenfalls heute um 20 Uhr stattfindet, ist es wohl besser, nichts Kritisches über den Mozart-Casanova-Roman "Die Nacht des Don Juan" zu sagen, aus dem Hanns-Josef Ortheil lesen wird. Eine Axt ist der Roman aber nicht, er eignet sich eher dazu, auf dem inneren Eis Schlittschuh zu fahren.

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