Kultur und Moral : Chinesisches Roulette

So manch eine Reaktion auf die Verhaftung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei verstört und zeigt doch nur: In der Kulturszene geht Marketing vor Moral. Ein Kommentar.

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Imperium trifft Imperium. In Schanghai wird der amerikanische Unterhaltungskonzern Walt Disney einen Themenpark errichten. Einige tausend Wohnungen und Geschäfte werden dafür weggeräumt. Die Eröffnung soll in fünf Jahren sein. Gerechnet wird mit sieben Millionen Besuchern jährlich.

Legende trifft Realität. Am Mittwoch hat Bob Dylan in Peking gespielt, es war sein erstes Konzert in China. Die Tickets waren sündhaft teuer, und der Mann mit dem weißen Westernhut sagte kein einziges Wort. Das tut er nie. Dylan ein Protestsänger? Schon in den sechziger Jahren ein Missverständnis. Nie wollte er sich festlegen. His Bobness hat auch schon vor dem Papst gesungen und in Westpoint, dem Allerheiligsten des US-Militärs. Politik? Kein Kommentar. Doch nun, da er bald siebzig wird und die Welt immer noch ein schwieriger, ungerechter, vom Wind verwehter Ort ist, da wäre es zu schön gewesen, wenn er aus dem einen oder anderen Song etwas herausgeholt hätte, das Millionen von Fans auf der ganzen Welt und vielleicht auch in China seit Generationen hineinhören. Doch es gab eine Absprache mit den chinesischen Behörden über das Programm, und er hat sich offensichtlich daran gehalten. Don’t think twice, it’s alright!?

Wo ist Ai Weiwei? Am Flughafen in Peking wurde er vor einer Woche verschleppt, es wird gegen ihn ermittelt wegen Wirtschaftsverbrechen. Das ist besonders perfide, weil der Staatsapparat den Künstler damit zum gewöhnlichen Kriminellen machen und den Eindruck eines politischen Prozesses vermeiden will. Aufklärung auf chinesische Art.

Was Disney und Dylan recht ist, ist Martin Roth billig. Der Chef der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, eines der Museen, die in Peking die Schau zur „Kunst der Aufklärung“ organisiert haben, übt in der „Zeit“ fleißig den Kotau. Ai Weiwei, so wird Roth dort zitiert, sei bei den westlichen Medien „deshalb so beliebt, weil er ständig draufhaut.“ Im Übrigen: „Es gibt Hunderte Künstler wie ihn, über die spricht aber keiner, weil sie keine Popstars sind.“ Da klingt blanke Verachtung durch für zeitgenössische Kunst, wird ein Mensch getreten, der am Boden liegt. Museumspolitik ist Roth wichtiger als Menschenrechte.

Da schließt sich der ökonomische Kreis. Der chinesische Milliardenmarkt lockt nicht nur Autobauer und Architekten. Auch die großen Museen, von New York bis Paris und von London, zieht es an die Geldquellen – nach Peking ebenso wie in die Emirate am Persischen Golf. Internationale Museen, allen voran das Guggenheim, werden heute geführt wie Unternehmen. Sie operieren international und zunehmend profitorientiert. Marketing geht vor Moral.

Umso schlimmer, wenn der Leiter einer durch staatliche Subventionen gesicherten Institution, wie es die Dresdner Sammlungen sind, einem Unrechts- und Gewaltsystem beipflichtet. Martin Roth hat den deutschen Kulturbetrieb desavouiert. Er hat sich zu entschuldigen. Er muss sich für Ai Weiwei einsetzen. Sonst hat er in Peking nichts verloren, kann er seine Kunstschätze zurückholen.

Museum trifft Aufklärung: Beide tot.

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