Kultur : Kultur und Zivilisation: Nichts ist wahr ohne sein Gegenteil

Kerstin Decker

Der Historiker Heinrich August Winkler schloss seine Betrachtung zum 9. November in diesem Feuilleton mit einem Paukenschlag: "Wer vom antiwestlichen Ressentiment nicht reden will, soll vom Kampf gegen den Rechtsextremismus schweigen. Wenn es eine Botschaft zum 9. November gibt, ist es diese." Ein starkes Wort. Ein richtiges Wort. Es ist so richtig, dass man schon wieder misstrauisch wird. Vor allem aber: Es ist ein einfaches Wort. Es fragt nicht nach der Herkunft widerstrebender Impulse, es stellt sie alle unter vorsorglichen Faschismusverdacht.

Wir sagen im Augenblick nur noch richtige, einfache Worte. "Der Aufstand der Anständigen" oder "Die Demonstration der Gerechten". Ohne einen Funken Ironie. Wir meinen es bitterernst. Mit uns.

In Zeiten solchen "Aufstands" werden die Dinge widerspruchsloser. Nicht über Kultur und Zivilisation denken wir nach. Sondern es heißt: Kultur oder Zivilisation. Denn was meint "antiwestliches Ressentiment"? Ein "antizivilisatorisches Ressentiment". Eben so eins hat man längst auch bei Martin Walser ausgemacht.

Kultur und Zivilisation. Nicht nur Winkler hat das alte Gegensatzpaar wiederentdeckt. Es lag auf der Hand. Die Leitkulturdebatte hat es provoziert. CDU-Fraktionsvorsitzender Merz erklärte nach der ersten Kritik an seinem eben geschöpften Begriff, recht eigentlich habe er Verfassung, Demokratie und Menschenrechte gemeint. Er meinte also "Zivilisation", nicht (deutsche) "Kultur". Er hat es nur nicht gesagt. Zivilisation - das ist Befriedung und Zähmung der Kulturen. Zivilisatorisches Denken ist universalistisch. Man kann nicht sagen, dass "Zivilisation" in diesem Sinne eine sehr deutsche Erfindung wäre. Einen denkerischen Anteil (beginnend mit Thomasius) haben die Deutschen durchaus an ihr, den eigenständig praktischen erst spät. Kulturen sind das historisch Gewachsene. Daraus kommt ihre Kraft, ihre Unverwechselbarkeit, auch ihre Ungerechtigkeit. Wenn Kulturen reflexiv werden, entsteht Zivilisation. Der Streit ums Multikulturelle ließe sich, so gesehen, bald schlichten. Es muss aus einer Kultur selbst die Bereitschaft kommen, sich einem übergeordneten Regelwerk zu unterwerfen. Das setzt eine gewisse Schwächung, ja Zermürbung traditionaler Gesellschaften und der sie (kulturell) tragenden Religiosität voraus. Eine Leidenserfahrung. Man überlege nur, welche Chancen das Völkerrechtsdenken und später die Aufklärung in Europa gehabt hätten ohne die vorausgegangenen Schrecken des Dreißigjährigen Krieges.

Also bleibt es dabei: Zivilisation versus Kultur? Man verweist bei solcher Gelegenheit gern auf Thomas Manns Läuterung. Deutsche Tiefe, deutsche Innerlichkeit stünde der westlichen "Zivilisiertheit" gegenüber. Dachte der junge Thomas Mann. Die Zivilisiertheit sei ein Formenspiel, ein klapperndes Rad und so ewigkeitstief wie die letzte Kleidermode. Ein Oberflächenphänomen.

Kultur: Ein Raum für Gleichgesinnte

Deutschtümelnd jedoch war der Nietzscheaner Thomas Mann auch in seinen Verirrungen nie. Was also sah er? Zivilisatorische Regelwerke spiegeln selbst keine Leidenserfahrung. Nur die Kunst tut das. Die Kunst und die (deutsche) Kultur: Für den jungen Thomas Mann war das eine der Inbegriff des anderen. Man weiß, wie sehr er später seine Anschauung über das Verhältnis von Zivilisation und Kultur korrigiert hat. Nicht korrigierte er sein Grundpathos, nicht die darunterliegende Weltsicht. Er glaubte nicht plötzlich an ein Schöpfertum des zivilisatorischen Regelwerks. Aber er sah wohl, man sollte genauer trennen: die Kunst und das Lebenserhaltende, das Außerordentliche und das Bekömmliche. Man merkt dem Werk diesen weltanschaulichen Wechsel kaum an. Was ist das? Wiederum Kultur, Eintritt ins Reich des Feineren, des Ungeschützten, des Ambivalenten, ja des Unschlichtbaren auch. Man spricht hier nicht für andere, sondern zu sich selbst - für andere. Kultur ist ein Raum, den Gleichgesinnte betreten. Ist es einquasi-religiöser Raum?

In mancher Hinsicht vielleicht. Zuletzt stand dort der Einzelne allein vor seinem Gott. Luther ist der Urvater des modernen Gewissens. Der Künstler aber steht allein vor der Welt und allein vor sich selbst. - Was macht er denn da?, rief jüngst, leitkulturbesorgt, Salomon Korn in der "Süddeutschen Zeitung". Er sah den nationalsozialistischen "neuheidnischen" Geist unterirdisch, unerkannt weiterwachsen - mitten hinein ins Martin Walsersche Gewissen.

Ist Walsers Gewissen autistisch?

Walser, so Korn, kündige die Grundlagen des europäischen Wertekonsenses auf. Im Essay "Ich vertraue. Querfeldein", nachlesbar im gleichnamigen gerade bei Suhrkamp erschienenen Band. Walser zeigt also ein antiwestliches Ressentiment und erfüllt umgehend die Winklersche Prophezeiung? Walser, so Korn, konstruiere ein "autistisches, hermetisch abgeschlossenes Gewissen, das völlig von jenen gesellschaftlichen Verhältnissen abkoppelbar sein soll, durch die es geformt wurde."

Man hat solch seltsame Regung schon oft beobachtet, auch bei Halbwüchsigen. Der Schüler Hermann Hesse, von den Eltern zwecks Besserung in die Nervenheilanstalt Stetten eingeliefert, schrieb 1892 an den Vater: "Wenn ich Pietist und nicht Mensch wäre, wenn ich jede Eigenschaft und Neigung in mir ins Gegenteil verkehrte, könnte ich mit Ihnen harmonisieren. Aber so kann und will ich nimmer leben." Rund zwanzig Jahre später, 1915, brach ein deutscher Zeitungssturm gegen den "Vaterlandsverräter" Hesse los, der - auch unter Dichtern allein - sich gegen den Krieg wandte. Hermann Hesses politische Schriften erschienen unter dem Titel "Politik des Gewissens".

Nun kann man das Hessesche Gewissen viel sympathischer finden als das Walsersche. Aber es ist dieselbe Grundstruktur. Dasselbe Beharren auf dem unabgesichert-Individuellen, dieselbe Unfähigkeit zur Selbstverleugnung. Korn erachtet es für unverantwortlich, ein Gewissen sich selbst zu überlassen. Verwahrlost es nicht, so ganz ohne leitende Hand? Doch es gibt kein anderes Gewissen als das sich selbst überlassene. In ihm - letztlich - gründet wirkliche Kultur. "Gewissensträger" ist ein abfälliges Wort. Die Sprache registriert, dass das Gewissen nicht übertragbar ist. Es ist nicht benutzbar und taugt nicht als Symbol.

Nach dem Krieg wollten viele Anteil nehmen am Hesseschen Gewissen. Hatte sein Besitzer nicht die moralische Pflicht, ein solch vortreffliches Kleinod allen zugänglich machen? Es war der Ruf nach öffentlichem, politischen, parteilichem Engagement des Pazifisten. Er lehnte ab. Ein "Autist", ein "Hermetiker" noch immer.

Ignatz Bubis hatte bedauert, dass Walser nichts aus der Auseinandersetzung um seine Friedenspreisrede gelernt hat. Es lag wiederum am Gewissen. Man kann jemandem nur bedingt ins Gewissen reden. Es ist nicht allein "zivilisatorisch" gestimmt. Es läßt sich nicht ausdiskutieren. Es rechtfertigt sich eben vor der niedrigsten aller Instanzen - vor sich selbst. Manche halten sie auch für die höchste. Dichter haben diese Neigung. Sogar linke Theoretiker.

"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen." Adorno hat das gesagt. Ein ziemlich undemokratischer Satz, auf den ersten Blick.

Auch Walsers Friedenspreis-Rede 1998 war nicht "zivilisatorisch" gestimmt, also möglichst normhaft und widerspruchsfrei. Zivilisatorische Ansprachen von Schriftstellern haben leicht etwas Subalternes. Davor hatte Walser Angst. Sein Vortrag - wir erinnern uns des Titels: "Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede" gehörte dem "kulturellen Raum" an. Einem atmoshärischen Raum also. Kultur ist eine menschliche Nähebeziehung zwischen Fernsten. Und es ist Eros darin. Nähebeziehungen sind nicht von aussen regelbar, sie sind nicht wirklich kontrollierbar, auch wenn manchen das als demokratisches Ideal gilt. Moderne Demokratien sind rechtsförmig geregelt. Doch erotische Beziehungen lassen sich nicht wirklich juristisch ausmitteln. Es ist wie in jeder Ehe. Wenn das Verhältnis rechtsförmig wird, ist es schon beendet.

Die Walser-Rede war ein öffentlich gemachtes Selbstgespräch. Eine Unterredung des Gewissens mit sich selbst. Wer mit sich spricht, hält keine Ansprachen. Er hofft auf eine Wirkung, die tiefer geht als die von Zustimmung und Kritik. Gerade deshalb weicht er keinem Widerspruch aus und schon gar nicht den eigenen Abgründen. Nichts ist wahr ohne sein Gegenteil, finden solche wie Walser. Dichter bewahren die älteren Formen der Logik. Sie sind (offene) Dialektiker mit Neigung zum Tragischen. Auch Thomas Mann wurde nie müde festzustellen, die Kunst sei dem Göttlichen wie dem Verderblichen gleich nah. Und nichts hat ihn nach dem Zweiten Weltkrieg so abgestoßen wie die Unterscheidung des "guten" und des "bösen" Deutschland. Das eine sei nicht ohne das andere zu denken. Der Wurzelgrund des Großartigen wie des Schrecklichen sei derselbe. Das ist wohl das ewige Faszinosum der Kunst, der eigentlichen Kultur. Walser im von Korn gerügten Essay über den "schrecklichschönen Kyrie-eleison-Jubel in einer Schubertmesse": "Das ist das äußerste Erreichbare: die schöne Fassung dessen, was wir nicht haben und nicht sind."

Kultur. Zivilisation. Gewissen. Eine bemerkenswerte Trias. Ist gar das Gewissen die Instanz, die beide wieder verbindet, die atmosphärischen Räume - die Alltagskultur ebenso wie jene vergeistigte der Hesse-Mann-Walser-Reiche - mit dem regelgeleitet Zivilisatorischen?

"Vergutmütigung des Herdentiers"

Es geht nicht um eine Verteidigung Walsers, ins Politische gewendet. Aber die Sphäre, aus der er sprach und seinen Begriff des Gewissens sollte man sehr wohl verteidigen. Nietzsche prägte das böse Wort von der "gänzlichen Vergutmüthigung des demokratischen Heerdenthiers". Woran er dachte, lässt sich ahnen, wenn unsere Kinder heute Beschwerdebriefe an die Stadt Aachen schreiben. Aachen verleiht den Karlspreis? Aber Karl der Große hat 48 Kriege geführt, er unterdrückte fremde Völker, war gegen die Glaubensfreiheit. Und sein Reich war kein Rechtsstaat.

Gesellschaften, die fast nur noch moralische Diskurse führen - und moralische Diskurse sind am Ende immer Verdächtigungs-Diskurse - stimmen bedenklich. Die DDR zum Beispiel führte überhaupt nur moralische Diskurse. Zu anderen war sie nicht fähig. Sie hätte den Widerspruch, einen in der Sache selbst, nicht ausgehalten. Und im Kampf befand sie sich auch. Die DDR kämpfte vom allerersten Tag bis zum allerletzten. Ohne Kampfpause. Dann ging sie unter.

Es geht, ohne Kampf und moralischen Aufstand, auch um die leisen Töne, die sich selbst vertrauen. Kann sein, unsere laute Zeit würde es gar nicht bemerken, wenn sie verschwinden. Walser, trotz allem, ist ein leiser Ton. Denn Gespräche mit sich selbst, auch wenn sie vor Hunderten stattfinden, sind leise. Der Fanfarenstoß als Dauerantwort weist auf eine gewisse Verstimmung des gesamtgesellschaftlichen Orchesters.

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