Kulturdebatte : Gemeinsinn meint alle

Die Berliner Kulturpolitik richtet sich vor allem an Auswärtige. Tourismus scheint das Maß aller Dinge. Die Stadt sollte den Blick zur Abwechslung mal nach innen richten, um ein Bewusstsein für das Gemeinsame zu schaffen.

Hans-Jörg Clement

Zur Berlin-Wahl haben wir Kulturfreunde und Künstler gebeten, ihre Wünsche zu formulieren. Bisher schrieben Peter Raue, Adrienne Goehler und Gabriele Horn. Heute: Hans-Jörg Clement, Leiter der Kulturabteilung der Adenauer-Stiftung. Als nächstes: Steffen Hack, Clubbetreiber des Watergate.

Die Erkenntnis formulierte kein young creative, auch kein sexy-armer Regierender Bürgermeister: „Es gibt einen Grund, warum man Berlin anderen Städten vorziehen kann: weil es sich ständig verändert.“ Das schrieb Bertolt Brecht Silvester 1928 .

Die stetige Veränderung gehört seitdem zum Standardrepertoire der BerlinElogen. Besonders in den 90er Jahren sprach man von der Stadt mit Wunden und Brüchen, die nie fertig wird und sich immer wieder neu erfindet: das Labor Berlin. Gentrification allerorts – die Eroberung des Kaputten, die Mutierung vom Schroffen zum Charmanten, aber auch von der lebendigen Substanz zur totsanierten Oberfläche. Geschichte und Geschichten fanden hier statt,mitunter vorwegnehmend, was verspätet, kopiert oder gezähmt die Republik erreichte. Manches blieb allein in Berlin, zu schräg und wild für den Export in die Fläche. Dass es vor allem die künstlerische Intelligenz war, die die Ausstrahlung Berlins bestimmte, in glanzvollen und dunklen Zeiten, der Öffnung und der Isolation, ist unbestritten. Ihr Geist prägte eine Stadt, die vor allem eines war: fordernd, echt, unmittelbar, souverän, im besten Wortsinne modern; Zeitgenossenschaft, die in magischer Weise den Rhythmus Berlins bestimmte und sich mit Weltläufigkeit paarte. Globalisierung wurde hier – insbesondere in der Kulturszene – schon früh gelebt.

Heute feiert die Nachwendezeit fröhliche Urständ und verkümmert zum Anachronismus. Nachdem die unselige Debatte um eine Kunsthalle endlich der Erkenntnis gewichen schien, dass die bestehenden Häuser einer besseren Ausstattung und eines klaren Profils bedürfen, wurde die vom Senat als Leistungsschau titulierte Ausstellung „Based in Berlin“ vom Zaun gebrochen. Viel Trashästhetik, belanglos und rückwärtsgewandt. Aber was Klaus Biesenbach 1992 in der Ausstellung „37 Räume“ genial gelang, die Zeit auf den Punkt genau formulierte und maßgeblich zur Entwicklung der Kunstmetropole Berlin beitrug, lässt sich 2011 nicht reanimieren. Kunst und Stadt sind längst weiter. Gerade erwacht die Berlinische Galerie aus ihrem Schattendasein – das lässt hoffen.

Besonders für den Kunstbereich muss die Revitalisierung des Nachwendemythos scheitern. Künstler, Galeristen und Kuratoren finden zu neuen Positionen an neuen Orten. Einiges von dem, was im Zuge des Hypes blühte, wird austrocknen. Aber das Bekenntnis zur Authentizität ist eben auch eins zur Qualität. Das muss sich die Kunstszene erhalten – sonst zieht die Karawane weiter, nach Istanbul oder in das sich neu formierende Paris.

Bei den Diskussionen um Kunsthallen und -messen, Stadtschlösser, Hauptstadtarchitektur, Einheitsdenkmäler und Opernhäuser paart sich die Weltläufigkeit mit fast peinlicher Miefigkeit, Machtspielchen und Eitelkeiten. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bereist die wichtigsten Sammlungen der Welt, um das Jahrhundertwerk Museumsinsel und Humboldt-Forum vorzustellen. Das zieht Kreise wie ein ins Wasser geworfener Stein. Kuratoren, Vertreter der kulturellen Institutionen, selbst Galeristen in Paris oder New York erkundigen sich nach dem, was in der Mitte der Hauptstadt geschieht.

Um die Hülle des Stadtschlosses geht es dabei nie. Was sich hinter der Fassade erschließen wird, darf dagegen als politisches Bekenntnis gewertet werden: Hier stehen wir mitten in Europa, im Dialog mit den Kulturen der Welt, die immer mehr zusammenrücken. Diese Dimension scheint in der Stadt aber nicht anzukommen; stattdessen heilloses Geplänkel um die Ästhetik der (temporären!) Humboldt-Box, die am Ende gewiss so erfolgreich wird wie die Infobox am Potsdamer Platz. Dabei käme es darauf an, dass die Berliner sich mit diesem unvergleichlichen Projekt identifizieren, seiner Vollendung entgegenfiebern und zu seinen Botschaftern werden.

All das lässt sich nicht mit permanent steigenden Besucherzahlen herstellen – wie überhaupt die Kategorie „Tourismus“ das Maß aller Dinge zu werden scheint. Gemeinsinn wäre schon eher das Kriterium, um das energetische Potenzial dieser Stadt zu kanalisieren. Gemeinsinn bedeutet Bewusstsein für das Gemeinsame. Das schließt eben aus, dass am Holocaust-Mahnmal Würstchenbuden stinken und soziale Verträglichkeit zum Fremdwort wird. Das nennt man nicht „unfertig“, sondern ignorant. Diese Ignoranz ist das Gift, das aus lebenswerten Metropolen schnell Orte des blanken Überlebens macht.

Es ist übrigens ein Irrtum zu glauben, dass Berlins viel zitierte Durchlässigkeit jedem dauerhafte Logis gewährt. Auch hier gibt es closed shops, die manchen Schmetterling herzlich begrüßen, ihm aber zur Verflüchtigung schnell das Fenster öffnen. Der Bewohner Berlins öffnet sich Erneuerungen keineswegs vorbehaltlos, im Gegenteil. Und doch will man am ersten Tag der Veränderung lässig ganz vorne stehen, um mitreden zu können. Vielleicht ist dies das Berlin-Spezifikum: Neugier und die Bereitschaft zu kindlichem Staunen, das gelebte Veränderung in Gang setzt; frecher Kommentar nicht ausgeschlossen. Gefragt ist also bürgerschaftliches Engagement, gerade in der Kultur – losgelöst von der endlosen Debatte um das (vermeintlich) fehlende Bürgertum. Die Politik muss für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen. Gemeinsinn meint alle.

Dafür könnte man Berlin lieben.

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