Kulturdebatte : Podiumsdiskussion zur Kultur- und Stadtentwicklungspolitik Berlins

Die Diskussion über Berlins "Kultur und Stadtentwicklung" dreht sich derzeit vor allem um eine Forderung: Eine mögliche Zusammenlegung der Ressorts Kultur und Stadtentwicklung.

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Bevor die Ressorts Kultur und Stadtentwicklung zusammengelegt werden, möchte Gregor Gysi wissen, wer mit dem Senatoren-Posten besetzt werden soll.
Bevor die Ressorts Kultur und Stadtentwicklung zusammengelegt werden, möchte Gregor Gysi wissen, wer mit dem Senatoren-Posten...Foto: DAPD

Schön, wenn sich die Bürger dieser Stadt Gedanken über die Kultur machen. Noch schöner, wenn sie auch etwas zu sagen haben. Der Rechtsanwalt und Kunstförderer Peter Raue und der Vorstandsvorsitzende der „Stiftung Zukunft Berlin“ Volker Hassemer haben ein Papier unter dem Titel „Kultur und Stadtentwicklung“ aufgesetzt, das nach kapitalen Visionen ruft, und dafür prominente Unterzeichner gewonnen, bis hin zum Filmemacher Wim Wenders. Im Jargon kühner Gedankenarchitekten fordern sie darin erstens die Zusammenlegung der Senatsressorts Kultur und Stadtentwicklung. Zweitens eine Politik, die nicht wie im Falle des Humboldt-Forums der öffentlichen Debatte hinterherhinkt. Und drittens mehr Beteiligung für Bürgerinnen und Bürger. Thesen, die sie im gut gefüllten Radialsystem kurz vor der Wahl zur Diskussion stellen wollen, mit Vertretern der Parteien, Kulturschaffenden und Journalisten.

Das Podium allerdings gehört dann allein den Politikern: Monika Grütters (CDU), der Vorsitzenden des Kulturausschusses im Bundestag, dem Bundesfraktionsvorsitzenden der Linken Gregor Gysi, Volker Ratzmann, dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Abgeordnetenhaus sowie dem Kulturstaatssekretär André Schmitz von der regierenden SPD. Und, klar, den Moderatoren Peter Raue, der illustre Bonmots aus dem Ärmel schüttelt, und Volker Hassemer, der mit selbstgefälliger Sonnenkönigs-Allüre die Veranstaltung dirigiert. Die anderen angekündigten Diskutanten wurden kurz vor Beginn gebeten, sich auf die vorderen Reihen zu verteilen. Was Matthias Lilienthal, den Leiter des Hebbel am Ufer, zu Recht an eine Talkshow erinnert, in der sich ein Alkoholiker für seine kurze Schicksalserzählung erhebt und dann brav wieder Platz nimmt. Mehr Bürgerbeteiligung? Da hat sich die Veranstaltung gleich selbst diskreditiert. „Kulturmetropole Berlin?“ ist der Abend überschrieben. Weshalb das Fragezeichen gesetzt wurde, bleibt rätselhaft. Darin, dass die Kultur schon heute die Anziehungskraft der Hauptstadt ausmacht und auch ihre entscheidende Zukunftsressource sein wird, sind sich doch ausnahmsweise alle einig. Weniger Konsens besteht über die Frage, ob eine Zusammenlegung der Ressorts Kultur und Stadtentwicklung wirklich Sinn ergibt.

Monika Grütters mahnt, darüber die Wissenschaft als geistigen Motor der Kultur nicht aus dem Blick zu verlieren. Allerdings: Kunst- und Wissenschaftsressort in einem, das gab’s schon zu Peter Radunskis Zeiten. Gregor Gysi möchte erst wissen, wer denn den Senatoren-Posten besetzen soll, bevor er sich festlegt. Volker Ratzmann hebt auf die Innovationskraft der Kultur ab, was ja schön klingt – aber Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters, gibt zu bedenken, dass unter dem Zwang zur ständigen Innovation die Vertiefung leidet. André Schmitz schlägt selbstbewusst vor, Stadtentwicklung doch mal konkreter zu diskutieren, am Beispiel einer zentralen Bibliothek für Berlin zum Beispiel. Genauso könnte man natürlich das Humboldt-Forum nennen. Wobei bei einem Projekt dieser Tragweite, wie Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel einwendet, nicht nur die Stadt, sondern vor allem der Bund gefragt sei. Harald Jähner von der „Berliner Zeitung“ betont, wie wichtig bezahlbarer Wohn- und Arbeitsraum für Künstler ist. Das macht die Attraktivität Berlins auch aus. Es meldet sich dann der Architekt Heinrich Burchard von der Initiative „Lebenswerte Mitte“ aus dem Publikum zu Wort, der auch ein paar kluge Anmerkungen zur tatsächlichen Stadtentwicklung hat. Zur Verscherbelung des Postfuhramtes, Heimat der Galerie c/o Berlin, an Investoren zum Beispiel. Aber damit dringt er zu den Positionspapier-Theoretikern auf dem Podium nicht durch. Die wachen Bürger sitzen woanders.

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