Kulturelle Vielfalt Marokkos : Amazigh - die Sprache der Berber wird Amtssprache

Mit dem Schutz kultureller Vielfalt in der Verfassung setzt Marokko ein Zeichen gegen den Fundamentalismus. Die Sprache der Berber, der Amazigh, wird Amtssprache.

von
Tahar Ben Jelloun lebt seit 1971 in Paris, sein neustes Buch "Der Islam der uns Angst macht", ist gerade auf Deutsch erschienen.
Tahar Ben Jelloun lebt seit 1971 in Paris, sein neustes Buch "Der Islam der uns Angst macht", ist gerade auf Deutsch erschienen.Foto: © Isolde Ohlbaum

„Wirtschaft und Technik sind sehr schön, aber am Anfang war die Kultur. Noch nie ist aus Wirtschaft Kultur entstanden, es ist genau umgekehrt“, sagt der große marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun in einem Vortrag zur kulturellen Vielfalt Marokkos. Marokko sei als Land so ungeheuer komplex, dass es jedem Schriftsteller reichlich Stoff biete. „Friede, Freude, Eierkuchen will niemand lesen. Interessant wird es, wenn etwas schief geht. Wir leben in tragischen Zeiten, eine Barbarei jagt die nächste. Die Fundamentalisten wissen ganz genau, wie wichtig Kultur ist, deshalb bekämpfen sie sie“, sagte Ben Jelloun vor der Fassade des Mschatta-Tores im Museum für Islamische Kunst. Das Museum war Gastgeber der Veranstaltung im Rahmen der Marokkanischen Woche in Deutschland, die jetzt zu Ende gegangen ist.

Das Alphabet Tifingahe der Amazigh, wie sich die Berber in marokko in ihrer Sprache nennen. Amazigh wird jetzt neben Arabisch Amtssprache Marokkos.
Das Alphabet Tifingahe der Amazigh, wie sich die Berber in marokko in ihrer Sprache nennen. Amazigh wird jetzt neben Arabisch...Foto: Bibliothèque National du Royaume du Maroc

Dass in diesen Zeiten ein arabisches Land seine kulturelle Vielfalt offiziell schützt, ist bemerkenswert. Das Königreich Marokko hat in der Präambel seiner Verfassung von 2011 die kulturelle Identität Marokkos als Zusammenschluss aus einer Vielzahl von Identitäten festgelegt. Das Gesetz über die amazighische Sprache, die Sprache der Berber, liegt dem marokkanischen Parlament vor. Mit der Anerkennung des Amazigh werde die nationale Einheit gestärkt, sagte Driss Khrouz, der Direktor der Nationalbibliothek in Rabat. „Die Verfassung ist in schwerer Zeit entstanden, Demokratie ist teuer, aufwändig und kompliziert, aber es lohnt sich.“ Die Amazigh hätten lange für ihre Gleichberechtigung gekämpft, nun sei es soweit.

Schon vor der Änderung der Verfassung 2011 gab es erste Anzeichen, dass das Amazigh auf offiziellen Schildern in der Öffentlichkeit auftaucht, wie hier 2010 in Rabat. Für europäische Augen sieht die Schrift sehr ungewöhnlich aus.
Schon vor der Änderung der Verfassung 2011 gab es erste Anzeichen, dass das Amazigh auf offiziellen Schildern in der...Foto: Rolf Brockschmidt

Khrouz hob hervor, dass es keine amazighische Region oder Autonomie gebe. In Marokko habe sich eben seit Jahrhunderten alles vermischt. „Mauren, Andalusier, Juden Afrikaner, sie alle gehören zur marokkanischen Kultur und Identität. Andere auszugrenzen ist einfach, die Vielfalt offiziell hochzuhalten, kostet viel Kraft.“

Das Amazigh müsse nicht auf Augenhöhe mit dem Arabischen stehen, jede Sprache habe ihre Geschichte, ihren Rhythmus. „Wenn die Sprache sich weiterentwickelt, wird sie besser genutzt werden“, sagte Khrouz. Für ihn ein Traum, denn noch bis in die 1980er Jahre galt ein Druckverbot für Amazigh, das für ihn einem Denkverbot gleichkam. „Die Sprachen werden nicht in Konkurrenz zueinander stehen, wenn Amazigh Amtssprache wird, sondern alle Marokkaner haben diese Komponenten in sich.“ Ahmed Boukous, der Direktor des Königlichen Instituts für Amazigh Kultur (IRCAM), erzählte vom steinigen Weg der Anerkennung, betonte aber auch, dass das Hebräische als Teil der marokkanischen Identität in der Verfassung geschützt sei.

Fouad Laroui, marokkanischer Schriftsteller, der an der Universität Amsterdam lehrt. Gerade ist von ihm der Roman Die alte Dame in Marrakesch" erschienen.
Fouad Laroui, marokkanischer Schriftsteller, der an der Universität Amsterdam lehrt. Gerade ist von ihm der Roman Die alte Dame in...Foto: Edition R. Laffont

Wie kulturell vielfältig die Marokkaner sind, bewies der aus Marokko stammende Autor und Universitätsdozent Fouad Laraoui. Er meinte, Museumsdirektor und Gastgeber Stefan Weber spreche wohl besser Arabisch als er, dafür könne er aber etwas Amazigh. „Als ich 15 Jahre alt war, wollte ich wegen der Philosophie Deutsch lernen, um Hegel zu verstehen“, erzählt er mit einem Augenzwinkern. Heute schreibt er auf Französisch und Niederländisch und doziert an der Universität Amsterdam. „Die kulturelle Vielfalt ist allumfassend geworden, die Vielfalt ist der Schutz der Demokratisierung des Landes, denn in der Vielfalt liegt die Einheit“, sagte Laraoui.

Wie wichtig die Literatur dabei ist, erzählte Tahar Ben Jelloun, der seit 1971 in Paris lebt. „Wir müssen noch viel mehr tun in unserem Land. Wir haben noch 28 Prozent Analphabeten, wir müssen mehr schreiben. Wenn ich in die Schulen gehe, sehe ich in den Kinderaugen die Wissbegierde. Ich war in einer Schulbibliothek in Casablanca, die aber keine Bücher hatte. Ich habe Freunde angerufen und geholfen. Darüber müssen wir auch reden.“

Botschafter Omar Zniber sagte, dass König Mohammed VI. Wert auf den kulturellen Austausch mit Deutschland und Europa lege und dass auch die hier lebenden Marokkaner sich ihrer Kultur bewusst sein sollten. „Kultur heißt für mich Frieden. Den Frieden stützen und durch die Kultur des anderen bereichert werden, der damit auch als der andere akzeptiert ist.“  Rolf Brockschmidt

1 Kommentar

Neuester Kommentar