• Kultureller versus reformistischer Flügel: es ist Zeit, Reformansprüche wahrzunehmen und umzusetzen

Kultur : Kultureller versus reformistischer Flügel: es ist Zeit, Reformansprüche wahrzunehmen und umzusetzen

Klaus-Georg Riegel

Der amerikanische Patriotismus beruhte auf dem religiösen Sendungsbewusstsein der ersten Kolonisten, in der amerikanischen Wildnis ein "Neues Israel" gegründet zu haben, das von Gott auserwählt war, politische Freiheit, religiöse Toleranz und soziale Gerechtigkeit auf Erden zu verwirklichen. Ein Nachklang dieser puritanischen "civil religion" schwingt in Richard Rortys Bekenntnis zu Amerikas Sendung mit, endlich "die Verheißung dieser Nation zu erfüllen", nämlich mit der "partizipatorischen Demokratie" zu beginnen und das "Ende des Kapitalismus" einzuleiten.

Rorty geht es nicht um einen nationalen Chauvinismus, den er der amerikanischen Rechten zuschreibt, sondern um eine "nationale Selbsterschaffung" Amerikas im Geiste linker Reformpolitik. Diese stützt sich auf die Verheißungen einer "Demokratie als Bürgerversammlung" (Dewey) und einer Nation als "selbstgeschaffenes Gedicht" (Whitman). Nicht die Gottesfurcht, sondern der Kampf für soziale Gerechtigkeit diene als "Lebensquell und die Seele der Nation".

Rorty beschwört die amerikanische Linke, sich nicht dem Luxus einer "bodenlosen Selbstverachtung" hinzugeben. Der permanente Verweis auf die Verbrechen der amerikanischen Weltmacht sollte ihr nicht als Entschuldigung dienen, sich den konkreten Reformaktivitäten der Bürgerrechtsbewegung zu entziehen. Insbesondere der kulturellen Linken gilt die ganze Verachtung Rortys, der selbst einem Elternhaus entstammte, das Antikommunismus, Nationalstolz und linke Reformbewegung miteinander zu verbinden suchte.

Die kulturelle Linke habe seit den sechziger Jahren den revolutionären Systemwandel auf ihre Fahnen geschrieben, den Antiamerikanismus kultiviert und die Bemühungen um soziale Gerechtigkeit der reformistischen Linken diffamiert. Die kulturelle Linke sollte sich nicht ausschließlich mit den "theoretischen Halluzinationen" der Systemüberwindung und den stigmatisierten Minoritäten beschäftigen. Sie sollte vielmehr die bequeme Rolle des Zuschauers aufgeben, das Bündnis mit den Gewerkschaften suchen und sich den Problemen der Lohnpolitik, der Sozialleistungen und des globalen Arbeitsmarktes zuwenden.

Im Bemühen, eine Allianz aller reformerischen Strömungen der amerikanischen Linken zu schmieden, ist Rorty bereit, gegen die Dogmen der political correctness zu verstoßen: "Wir sollten unser Land lieben, weil es versprach, freundlicher und großzügiger zu sein als andere Länder." Selbst eine Blindheit gegenüber den Schattenseiten des nationalen Traumes wird von ihm gefordert.

Würde ein Repräsentant der deutschen Linken sich so unbekümmert aus dem Füllhorn nationaler Selbstverständigung bedienen, träfe ihn der Bannstrahl der selbsternannten Mandarine der Erbsünde der nationalen Scham. Rortys Plädoyer für eine "öffentliche Verantwortung" statt einer "unendlichen Verantwortung" der Intellektuellen für ihre Nation könnte allerdings hierzulande als bittere, jedoch heilsame Medizin wirken.Richard Rorty: Die amerikanische Linke und der Patriotismus. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 166 Seiten. 39,80 DM.

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