Kultur : Kulturfinanzierung: Von Herzen, mit Schmerzen

Frederik Hanssen

Chapeau, Frau Kollegin: Eleonore Büning von der "FAZ" gelang es am gestrigen Sonntag tatsächlich, eine 90-minütige Diskussion zur Lebensfähigkeit der Gattung Oper zu leiten, ohne dass ein einziger Klangelaut zum Dauerthema Kulturfinanzierung in den gläsernen Himmel des Foyers der DG-Bank am Pariser Platz geschickt worden wäre. Dabei hatte die Veranstaltungsankündigung dies kaum erwarten lassen: Denen, die sich unter der Schirmherrschaft des Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin zur "Kulturverschwörung" zusammengeschlossen haben, geht es nämlich darum, "die vertrauten klassischen Kulturinstitutionen zu erhalten" - und wenn das Thema so formuliert ist, wird üblicherweise darüber lamentiert, dass die Hochkulturtanker zu wenig Flüssiges unterm Kiel haben.

Um so erfreulicher, dass sich der Stuttgarter Opernlenker Klaus Zehelein und Udo Zimmermann, der künftige Intendant der Deutschen Oper, von Eleonore Büning verlocken ließen, von den Haushaltsentwürfen aufzuschauen, um den Blick nach vorne zu richten. Was den beiden zur Zukunft des Musiktheaters einfiel, war für einen Sonntagvormittag ganz schön starker intellekteller Tobak. Beide stellen die Institution an sich ebensowenig in Frage wie die Tatsache, dass auch im 21. Jahrhundert weiterhin 80 Prozent alte Werke auf den Spielplänen zu finden sein werden. Für die verbleibenden 20 Prozent aber wünschen sie sich Unterschiedliches: Udo Zimmermann, der komponierende Intendant, glaubt weiterhin an die Kraft der Musik. Er will neue Opern hören, die immer wieder von den Urthemen Liebe und Tod erzählen. Und er wünscht sich Regisseure, die den Partituren vertrauen. "Oft sehe ich mehr als ich höre", beschreibt er das Unbehagen, das ihn bei multimedialen Theaterabenden überfällt: Die Genres überdecken sich gegenseitig, anstatt sich zu befruchten. Darum plädiert er für die Wiederentdeckung der Einzelpersönlichkeit. Der Komponist soll Musik mit dem Herzen schreiben - zitierte er Alfred Schnittke -, und nicht mit dem Geist.

Klaus Zeheleins denkt da anders - auch wenn er zugibt, sich wie Zimmermann nach der neuen, große Erzähloper zu sehnen. Aber er glaubt nicht daran, dass sich heute noch Stücke schreiben lassen, die sich aus der Expressivität des Singens speisen, ohne alte Formschemata zu kopieren. Die Beschäftigung mit den Reizen, die unsere Alltagswelt prägen, ist für Zehelein darum Grundvoraussetzung allen Komponieres: Nicht nur zu den Bilden, auch zum Erzählen hat das 21. Jahrhundert ein gebrochenes, wenn nicht gar gestörtes Verhältnis. Dies gelte es zu reflektieren. Darum will er 2002 in Stuttgart ein "Forum Neues Musiktheater" einrichten, das sich als Fortbildungsstätte für alle Beteiligten am Gesamtkunstwerk Oper versteht, vom Komponisten über die Sänger bis zum Techniker.

Ebenso sehr wie die Frage nach dem geistigen Nährboden des Kunstwerks interessierte das Publikum in der DG-Bank aber auch die Frage nach der Vermittelbarkeit des Neuen, Unbekannten. Hier waren sich Zimmermann und Zehelein einig - Emotion hat Vorrang vor Fleiß: Das Publikum muss nicht erzogen werden, sondern überzeugt - und zwar durch das, was sich abends auf der Bühne ereignet.

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