Kulturforum : Grün ist die Rettung

Scharoun ernst nehmen: Wie das Kulturforum endlich in Ordnung gebracht werden kann.

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Erstarrt in der Tristesse. Blick auf das Kulturforum mit der Kunstbibliothek und der Gemäldegalerie. -Foto: Mike Wolff

Der Gendarmenmarkt wird von den Passanten nicht gerade als Problemfall empfunden, er floriert. Dennoch hegt der Senat teure Umgestaltungspläne. So ein Platz braucht offenbar alle 20 Jahre ein Update. Dabei gibt es Dringenderes: Das Kulturforum ist ein städtebauliches Desaster. Dessen Behebung ist allerdings so strittig und droht so kostspielig zu werden, dass der Senat grundlegende Planungen vor sich herschiebt und wegen leerer Kassen höhere Mächte anruft, auf dass ihm die Lösung möglichst ohne Belastung des Landeshaushalts in den Schoß falle.

Nun sollen, wie gestern Abend in einer von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher veranstalteten „Bürgerwerkstatt“ diskutiert wurde, die Scharounstraße vor dem Kammermusiksaal aufgehoben und ein paar Bäume gepflanzt werden. Berühmte Architekten sollen dort außerdem einen besseren Kiosk bauen. Dazu etwas Event, etwas Lichtkunst, mehr ist wohl nicht drin.

„Elefantenwiese“ nannten Spötter das Kulturforum. Ja, wäre es wenigstens eine Wiese. Scharouns ausgefallene städtebauliche Idee, mittels Baumassen ein „Tal“ zu modellieren, durch das am Grund statt des Wasserlaufs der Verkehr fließt, ist nicht einmal von ihm selbst allzu ernst genommen worden. Aber als prototypischen Städtebau der Moderne, als künstlerische Komposition von Solitären in einem frei fließenden Raum muss man das Arrangement lesen, und so könnte es auch funktionieren.

Der 2004 von der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen veröffentlichte Masterplan zur Umgestaltung des Kulturforums war ein Dokument der Hilflosigkeit, da er Baumassen schlichtweg dort verteilt, wo noch Grundstücke zu verkaufen sind. Weder prinzipielle Klarheit noch städtebaulich-theoretische Systematik war darin zu erkennen. Es fehlte die messerscharfe Analyse des Vorgefundenen und die konsequente Reaktion darauf. Etwa folgendermaßen.

Die Scharoun-Bauten sind als architektonische Skulpturen gedacht. Sie verweigern sich einer anderen Sichtweise und sind deshalb als gegebene Fakten hinzunehmen. Die Nationalgalerie könnte ebenfalls als Solitär behandelt werden – wenn es gelänge, sie freier zu stellen, etwa durch Aufgabe der Sigismundstraße. Und da auch das Kunstgewerbemuseum als Bau mit freiem Umfeld entworfen wurde, ergibt sich eine in nord-südlicher Richtung verlaufende Trennungslinie zwischen den frei gestellten Solitären und den kompakteren Bauformen des Wissenschaftszentrums am Reichpietschufer, der Kunstbibliothek und des Kupferstichkabinetts bis hin zur Tiergartenstraße. Westlich davon kann und sollte also geschlossene Bebauung herrschen, östlich davon eine in Grün eingebettete offene Bebauung.

Offene Bebauung im Ostteil, das hieße möglichst unverstellte Grünzonen, minimierte Verkehrsflächen, keine parkenden Autos, wenige, bewusst gesetzte Bäume. In diesem Fall, und damit die Fußwege von Objekt zu Objekt nicht zu lang werden, wäre an jenem Ort zwischen Nationalgalerie und Kammermusiksaal, den Scharoun für ein Gästehaus vorgesehen hatte, Platz für einen weiteren Solitär, etwa für ein Sammlermuseum. Die Idee aus dem Jahr 2005 stammte von dem Berliner Architekten Karl-Heinz Steinebach, der davon ausging, dass einerseits für die Sammlung Flick ein neues Domizil gesucht werden muss, dass auch die Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof nicht optimal untergebracht ist und dass die Sammlung Pietzsch und weitere Privatsammlungen existieren, die durch ein solches Museum in der Stadt gehalten werden könnten.

Voraussetzung ist eine spektakuläre Architektur mit „Bilbao-Effekt“, die das Kulturforum insgesamt wieder attraktivieren würde. Ein solcher mit privaten Mitteln erstellter Bau erscheint ohnehin als einzige Möglichkeit, die Situation auf dem Kulturforum in überschaubarer Zeit zum Besseren zu wenden. Ein architektonischer Knaller würde das prominente Ensemble am Kulturforum ins Blickfeld rücken. Attraktive Sekundärnutzungen in dessen Erdgeschoss würden wieder Leben auf den Platz bringen. Dann wäre der Anreiz geschaffen, vom Marlene-Dietrich-Platz durch die Staatsbibliothek geradewegs zum Sammlermuseum zu gelangen. Auch vom Sony-Center aus wäre das Sammlermuseum ein Blickfang, der die Passanten anzuziehen in der Lage wäre. In dessen allseits offenem Erdgeschoss könnte ein bislang fehlendes kommunikatives Angebot mit Blickverbindung zu allen anderen Institutionen auf dem Kulturforum geschaffen werden.

Grundproblem des Kulturforums ist, dass Scharouns Planung nie richtig ernst genommen, nie konsequent akzeptiert und zu Ende gedacht wurde (auch Hans Holleins Vorschlag von 1983 krankte an dieser Unentschlossenheit). Die Freiflächen wurden einerseits hemmungslos durch den Verkehr und Parkplätze zerstückelt und zerstört. Was übrig blieb, wurde andererseits als unwirtlich empfunden und irgendwie verhübscht. Die Piazza und die katastrophale Eingangssituation der Gemäldegalerie, die zum Aschenputteldasein des Museums mit Weltgeltung geführt hat, sind Beleg dafür. So war es einfach, die Freifläche als zugige Wüste zu diffamieren und das Zubauen mit Cafés und Restaurants zu fordern. Aber wer würde einem gepflegten Park die Attraktivität absprechen?

Im Grund genommen weist der Masterplan von 2004 den Weg. Man müsste lediglich die vorgeschlagenen Neubauten beiderseits des Kunstgewerbemuseums und die beschönigend als „Torsituation“ geplanten Gebäude zwischen Staatsbibliothek und Musikinstrumentenmuseum herausnehmen (Sony-Center und Mercedes-Niederlassung sind Torsituation genug). Die solitären Scharoun-Gebäude zu umbauen wäre derselbe Fehler wie das geplante Umzingeln der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit Hochhäusern. Es würde sie entwerten.

Die radikale Vorgabe würde eine Aufgabe von Matthäikirchplatz und Scharounstraße bedeuten. Die fatale Verkehrsschneise der Potsdamer Straße würde in sanftem Bogen und so schmal wie möglich durch das Areal gelegt, vielleicht als Parkway mit Natursteinplatten gepflastert. Auf Tempo 30 begrenzt, würde sie den Autofahrern den besonderen Charakter des Kulturforums signalisieren (man denke an den Königsplatz in München, wie er bis vor wenigen Jahren mit Plattenbelag existierte). Die restlichen Freiflächen könnte man zunächst einmal mit Rasen einsäen. Und wo sich nach einem Jahr die Trampelpfade gebildet haben, werden Wege gebaut.

Die Bauwerke selbst sind in ihrer Solitärwirkung zu stärken, durch Kosmetik, durch Passepartout-Bepflanzungen und abendliche Effektbeleuchtung. Nur so, in einer gepflegten, parkartigen Umgebung, können sie zur Wirkung kommen. Man muss es einmal gewahr werden: Jede Verdichtung und Störung des freien Raumes widerspricht ihrem Charakter und würde die Situation problematisieren, dies zumindest sollte man aus den vergangenen vier Jahrzehnten gelernt haben.

Wer eine kompromisslerische Mischung aus Scharoun’schem Konzept und den „heutigen Anforderungen“ anstrebt, hat nichts gelernt. Ein Anfang mit der Bereinigung der Freiflächen könnte ohne haushaltsruinierende Investitionen gemacht werden. Wenn sich dann noch die einschlägigen einflussreichen Kreise für ein Sammlermuseum stark machen würden, könnte das Kulturforum durch private Initiativen vom Problemfall zum Glücksfall werden.

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