• Kulturforum: Trennung und Wiedervereinigung - Die Geschichte der Berliner Sammlung Bollert

Kultur : Kulturforum: Trennung und Wiedervereinigung - Die Geschichte der Berliner Sammlung Bollert

Jan-Arne Sohns

Eine Sammlung der Gotik und Renaissance als Spiegel deutscher Geschichte im letzten Jahrhundert: Marienfiguren, Kreuzabnahmen, Heilige - sie gehören zur ehemaligen Sammlung des Justizrats Dr. Gerhart Bollert, die zurzeit im Berliner Kulturforum zu sehen ist. Die Figuren von Künstlern wie Tilman Riemenschneider und dem Meister der Biberacher Sippe leihen dieser Geschichte ihre Gesichter - die Stimme, die sie erzählt, gehört Liselotte Bollert, der heute 90-jährigen Schwiegertochter des Sammlers. Beim Blättern in alten Schwarzweiß-Fotografien erzählt sie von ihrem ersten Besuch in Bollerts kleinem Charlottenburger Stadtpalais, in dem der Justizrat seit 1910 seine Sammlung aufgebaut hatte, beraten vom befreundeten Wilhelm von Bode, dem Direktor des Kaiser-Friedrich-Museums. Gern erinnert sich Liselotte Bollert an die Empfänge und Gesellschaften in der Villa zurück, die wegen ihrer vergitterten Fenster von außen wie ein Gefängnis auf sie gewirkt hatte. Beim ersten Besuch musste sie sich, wie damals noch üblich, mit einer Visitenkarte anmelden; einige Jahre später fand dann am gleichen Ort ihre Trauung mit dem älteren Sohn des Hauses statt. Seitdem waren die Skulpturen ein Teil ihres Lebens.

Ihr Kampf um den Erhalt der Sammlung begann nach dem Tod des Schwiegervaters 1947. Die Besatzungs- und später die DDR-Behörden blockierten die Rückgabe von Werken, die 1943 aus dem durch Bombenangriffe gefährdeten Berlin nach Thüringen ausgelagert worden waren. Was früher dem Kunstgenuss diente, hatte die Familie nun für den Lebensunterhalt bitter nötig. Stück für Stück brachten Liselotte Bollert und ihre Kinder 1951 erst den Hausrat und dann die Skulpturen mit dem Fahrrad von Teltow nach West-Berlin, "beseelt von dem Gedanken: Die Kerle kriegen von uns nichts". Ihr Bericht über die Evakuierung klingt wie ein Agententhriller. Der Anflug von Genugtuung und der Trotz in ihrer Stimme gibt noch heute eine Vorstellung von der grimmigen Entschlossenheit, mit der die mutige Frau selbst dann noch die Fahrten fortsetzte, als das Bollertsche Haus bereits von Mitgliedern des gefürchteten Staatssicherheitsdienstes observiert wurde.

Um überhaupt einen Teil der Werke ins Teltower Haus zu bekommen, hatte die Familie zuvor 48 Stücke dem Bode-Museum auf zehn Jahre leihen müssen - bis zur tatsächlichen Rückgabe und der Zusammenführung der Sammlung vergingen jedoch weitere 31 Jahre. In der Zwischenzeit kämpfte die Familie immer wieder um das Zugangsrecht zu ihren Skulpturen, deren Zustand sich in den Magazinen des Bodemuseums zunehmend verschlechterte - wie die Familie bei einem Besuch in einem mit Planen notdürftig bedeckten Dachmagazin feststellen musste.

Ergriffen von Erinnerungen und der Schönheit der Figuren blättert Liselotte Bollert durch den Katalog für die jetzige Ausstellung. Fast zu jedem der darin abgebildeten Stücke kann sie eine Geschichte erzählen. Mehr als sieben Dekaden hat die 90-Jährige mit manchen der Objekte gelebt, doch ist sie vom Zauber der Skulpturen stets aufs Neue überrascht. Im wechselnden Licht erscheinen die Gesichter der Figuren immer wieder anders. Die 1480 entstandene Marienfigur der "Anna Selbdritt" aus Friaul zum Beispiel kam ihr im rötlichen Abendlicht einmal vor, "als würde sie in die Zukunft voraussehen". Jedes Jahr im Advent inszeniert sie im Schein von 100 Kerzen einen stimmungsvollen Abend für Freunde. Den Besuchern des Kulturforums bleibt derlei "historische Aufführungspraxis" zwar vorenthalten, doch die behutsam eingerichtete Schau gibt auch dem Laien eine Vorstellung von der ursprünglichen Wirkung der Figuren.

Und dennoch: "Man muss einiges wissen, um diese Dinge anzuschauen." Die Skulpturen sind der christlichen Tradition verpflichtet, mit der heute immer weniger Leute etwas anzufangen wissen. "Die Menschen haben diese Einstellung nicht mehr", glaubt Liselotte Bollert. Ebenso wenig kann sie sich vorstellen, dass heutzutage, ohne die Inspiration des Glaubens, solche "von innen heraus gefühlte Kunst noch möglich wäre". Dabei beschränken sich die Interessen der aufgeschlossenen älteren Dame, die von ihrem Vater bereits als kleines Mädchen zu Treffen der Archäologischen Gesellschaft mitgenommen wurde, keineswegs auf das Mittelalter. Mit fast spitzbübischer Freude erzählt sie von der Überraschung, die sie einem Gesprächspartner einmal mit ihrer Kenntnis von Giacometti bereiten konnte.

Wenig angetan ist sie allerdings davon, dass die Datierungen einzelner Stücke immer wieder durch Kunsthistoriker in Frage gestellt werden. Die jüngsten Debatten um eine Gruppe italienischer Arbeiten wollte das Museum sogar zunächst vor Liselotte Bollert geheim halten, um ihr Sorgen zu ersparen. Doch von Ohnmacht gegenüber den Experten ist bei der alten Dame keine Spur: Für die 90-Jährige haben die Figuren ohnehin vor allem immateriellen Wert. Alles andere ist ihr "vollkommen egal", sagt sie entschieden. Hunderte, Tausende von Menschen, hätten sich an ihnen erfreut. Der Wert der Figuren sei schließlich nicht allein durch Expertisen zu bemessen, sondern ergebe sich aus dem, "was die Menschen in sie hineingesehen haben" und was die Figuren für sie ausstrahlten.

Hartmut Krohm, Oberkustos an der Skulpturensammlung und Kurator der jetzigen Ausstellung, ist freilich auch von der kunstgeschichtlichen Bedeutung der Sammlung überzeugt. Er würde sie gerne dauerhaft im Bode-Museum präsentieren - nicht zuletzt, um die Erinnerung an das Wirken des Museumspatrons Wilhelm von Bode lebendig zu halten und an eine große Sammlertradition in der Stadt zu erinnern. Die Familie muss sich nun entscheiden, ob sie die Kollektion endgültig dem Museum übergibt. Liselotte Bollert jedenfalls liegt es am Herzen, dass die Sammlung als Ensemble bestehen bleibt.

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