Kulturhauptstadt Essen : Die Zeche ist bezahlt

Eine Ausstellung zum Kulturhauptstadt-Jahr zeigt die schwarze Vergangenheit des Ruhrgebiets. Im Mittelpunkt steht die Zeche Zollverein, geadelt als Weltkulturerbe.

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Essen ist Kulturhauptstadt 2010, und im Mittelpunkt des Veranstaltungsprogramms steht die Zeche Zollverein, zudem geadelt als Unesco-Welterbe. Die Transformation vom Bergwerk zum Kulturzentrum ist geglückt, und wer mehr über die schwarze Vergangenheit erfahren will, muss das unlängst eröffnete Ruhr-Museum im Inneren des Hauptgebäudes besuchen, die von HG Merz großartig gestaltet wurde, dem Architekten des Berliner Staatsbibliothek-Umbaus. Von der Dachterrasse aus sieht man weit in der Ferne noch ein oder zwei Fördertürme aufragen, aber wo ist die Vergangenheit des Ruhrgebiets?

Zu sehen ist sie auf den Fotografien von Bernd und Hilla Becher, die mehr als vierzig Jahre lang die Welt der Industriebauten protokollierten, an der Ruhr ebenso wie im belgischen Hennegau, in Lothringen oder Wales. Nichts lag näher, als im Kulturhauptstadtjahr auch eine Ausstellung ihrer Fotografien zu veranstalten; das Josef-Albers-Museum im nahen Bottrop hat sich dieser Aufgabe angenommen. „Bergwerke und Hütten – Industrielandschaften“ heißt die Ausstellung, so nüchtern und sachlich wie die Bilder.

Lange Zeit waren von den Bechers Serien von einzelnen Gebäudetypen zu sehen, von Wassertürmen, Gasbehältern oder Hochöfen. Sie waren geradezu festgelegt auf die Typologien, die sie immer umfassender ausbreiteten, in Ausstellungen und einer mittlerweile 11-bändigen Buchreihe. Darin erschien allerdings vor knapp acht Jahren bereits ein Band „Industrielandschaften“, der erstmals die unbekannten Totalen vorstellte. Offenbar musste man, zunehmend begeistert, erst durch das Exerzitium der Einzelstudien, bevor man die Gesamtheit der kunstvoll verschlungenen und verwobenen Anlagen betrachten durften, nun aber geübt, die Schönheit der Einzelteile zu erkennen.

Die Gesamtansichten enthalten kompositorische Elemente, die der Frontalsicht der Typologien fremd waren. Da gibt es diagonal ins Bild hineinfahrende Güterzüge und Förderbänder, über Eck gestellte Bauten, Draufsichten und im Vordergrund Arbeitersiedlungen. Da wird erkennbar, wie umfassend, wie lebensbestimmend diese Industriekomplexe waren. Ja, waren: Denn über den stillen Ansichten der Bechers liegt immer schon eine sonntägliche Ruhe, die doch in Wirklichkeit die Stilllegung meint. Viele der Werke sind bereits abgerissen.

Wie es zur letzten Blütezeit der Industrie aussah, zeigt das nun wiederaufgelegte Buch des Fotografen Horst Land, „Als der Pott noch kochte … Das Ruhrgebiet in den 60er Jahren“. Da rauchen die Schlote in Oberhausen, versinkt die Sonne über dem Emscher-Klärbecken in Bottrop. Lang hat bei den Industriefotografen der 50er Jahre abgeschaut, die noch die banalsten Ansichten poetisch veredelten. Da ist durchaus Härte in den Bildern, aber keine Traurigkeit; man spürt, dass es aufwärts geht, vor der ersten großen Krise 1966/67. Und doch ist auch die Bildsprache eines Horst Lang anders als die der Weimarer Epoche, als mit dem Buch „Der Gigant an der Ruhr“ von M. P. Block 1928 das klassische Panorama des heroischen Industriezeitalters entworfen wurde – eine Mischung aus Produktionsrekorden und Beschaulichkeit.

Wer heute durch die sanierten Gebäude der Zeche Zollverein wandelt, kann sich die Vergangenheit eben noch vorstellen. Sie ist unendlich fern gerückt.

Bottrop, Josef-Albers-Museum, bis 2. Mai. Begleitbuch bei Schirmer/Mosel, 188 S., 154 Tafeln, 36 €, im Buchhandel geb. 58 €. – Horst Lang, Als der Pott noch kochte …, Schirmer/Mosel, 160 S., 91 Tafeln, 24,80 €.

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