Kulturhauptstadt und Krise : Der Pott köchelt

Die Finanzkrise bedroht die ehrgeizigen Pläne des Ruhrgebiets für das Kulturhauptstadtjahr 2010.

Frederik Hanssen

Am 23. April demonstrierten die Verantwortlichen noch überschäumende Begeisterung: Zum Tag des Bieres, der die Proklamation des deutschen Reinheitsgebotes von 1516 feiert, präsentierten die Kulturhauptstadtmacher gemeinsam mit der Privatbrauerei Stauder eine Pappdeckel-Kollektion, die dem liebsten Erfrischungsgetränk des Ruhrpotts huldigt: In einer Startauflage von einer Million werben bunte Bieruntersetzer für das große Jubeljahr 2010 – mit Sprüchen wie „Da braut sich was zusammen!“

Und in der Tat: Düstere Wolken hängen derzeit über Deutschlands größtem Ballungsraum. Die Projekte, mit denen man im kommenden Jahr ganz Europa beeindrucken will, stehen zwar fest – im 65,5-Millionen-Euro-Etat aber klafft noch eine Finanzierungslücke von sieben Millionen Euro. Der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen, der Regionalverband Ruhr sowie die Stadt Essen als Hauptveranstaltungsort haben zusammen 48,5 Millionen zugesagt, 17 Millionen sollten aus der Wirtschaft fließen. Letztere allerdings zeigt sich angesichts der globalen Krise derzeit wenig spendabel: „Wir haben alle in Frage kommenden Unternehmen angesprochen, von Haribo bis Nutella“, erklärt Pressesprecher Marc Oliver Hänig. Aber Kultur sei nun einmal nur ein weicher Standortfaktor: „Wenn etwa bei Thyssen-Krupp 3000 Leute auf der Straße stehen, dann kann das Management irgendwann nicht mehr vermitteln, dass zwei Millionen Euro in die Kulturhauptstadt gesteckt werden sollen.“ Sollte es den beiden „Ruhr 2010“-Geschäftsführern Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt nicht bald gelingen, die fehlenden sieben Millionen Euro bei Sponsoren und Mäzenen einzuwerben, werden sie notgedrungen auf einige ihrer spektakulärsten Events verzichten müssen.

Bereist abgesagt wurde die Eröffnungsparty in der Arena auf Schalke, bei der am 9. Januar nach dem offiziellen Festakt für 1500 Gäste auf der Zeche Zollverein eigentlich mit 60 000 Menschen im Gelsenkirchener Fußballstadion massentauglich-populär weitergefeiert werden sollte.

Auf der Kippe stehen auch Gustav Mahlers „Sinfonie der 1000“ in der Duisburger Kraftzentrale, die Ausstellung „Welt der Religionen“ im Oberhausener Gasometer sowie das Untertage-Projekt „Ewigkeiten“ in Essen. Besonders bitter wäre das Aus für die Idee der „Schachtzeichen“: Überall dort, wo einst die Kumpel in ihre Gitterkörbe geklettert sind, sollen große gelbe Ballons aufsteigen, an insgesamt 400 Orten überall im Ruhrgebiet. Um die fehlenden Mittel zusammen zu bekommen, hofft man nun auf Kleinspenden von Heimat- und Geschichtsvereinen: „Wir bauen auf die Solidarität vieler“, so Pressesprecher Hänig.

„Mag sein, dass hier und da ein Kratzer entsteht, aber merken wird man das nicht“, kommentiert Zweckoptimist Pleitgen die Defizitprobleme – und verweist auf die unstrittigen Projekte, auf nachhaltige Investitionsmaßnahmen wie Museums-Neubauten und Bahnhofssanierungen, auf den längsten Picknicktisch der Welt, der auf der Autobahn A 40 aufgebaut werden wird, auf die „Odyssee Europa“, an der sich sechs Theater beteiligen, auf das Förderinstitut für die Kreativwirtschaft, das im renovierten „Dortmunder U“ seine Heimat finden wird. Na dann: Glück auf!

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