Kulturinvest-Kongress : Wissen, Werden, Wir-Gefühl

Die Ruhrgebietsstadt Bochum versucht, ihren Bürgern zu neuem Selbstbewusstsein zu verhelfen. "Gefördert wird, was lebt!", hat Herbert Grönemeyer seine Hymne auf die Stadt ergänzt.

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Monumental. Blick auf die Bochumer Jahrhunderthalle.
Monumental. Blick auf die Bochumer Jahrhunderthalle.Foto: imago/blickwinkel

Am hartnäckigsten sind die Bilder im Kopf. Als sich Mario Schiefelbein, der Geschäftsführer von Bochum Marketing, vor zwei Jahren mit seinem Team daran machte, das Image der Stadt zu modernisieren, ließen sie zuerst eine bundesweite Befragung durchführen. „Im besten Falle dachten die Leute beim Stichwort Bochum an den VfL, an das Musical ,Starlight Express' oder an Herbert Grönemeyer“, sagt der 49-jährige PR-Fachmann.

Am häufigsten aber wurden die Probleme genannt, die der Gemeinde in den vergangenen Jahren viel mediale Aufmerksamkeit eingebracht haben: Die Abwanderung des Handyherstellers Nokia, die Schließung des Bochumer Opel-Werks, das endgültige Auslaufen der Kohleförderung.

Grau und rußig, so stellt sich immer noch die Mehrheit der Deutschen den Ruhrpott vor. Dabei genügt es, einmal auf den Förderturm des Bochumer Bergbaumuseums zu klettern und den Blick schweifen zu lassen, um zu sehen, wie sich die Region der Zechen und der Schwerindustrie verändert hat. Blühende Landschaften sind das zwar noch nicht, aber das überall üppig sprießende Grün springt dem Betrachter sofort ins Auge.

Das neue Logo kann jeder downloaden und nutzen

Mario Schiefelbein ist viel herum gekommen. Er stammt aus Norddeutschland, ging als junger Mann in die USA und lebte lange in Chicago, bevor er ab 2002 in seiner Heimat zum Städte-Bewerber wurde: Für Hameln, Löningen und die Insel Spiekeroog hat er schon getrommelt, seine Kampagne „Gotha adelt“ wurde 2011 beim Kulturmarken-Award in Berlin zur „Stadtmarke des Jahres“ gewählt. Diese Auszeichnung will er nun auch mit Bochum gewinnen. Neben Karlsruhe und Hamburg hat es Bochum bereits auf die Shortlist der Nominierten geschafft, unter denen am 29. Oktober dann der Sieger gekürt wird.

Schiefelbeins Strategie lautet: Nicht nur Hochglanzprospekte produzieren, sondern die Bewohner aktiv einbinden. „Erst wenn Sie die eigene Bevölkerung hinter sich haben, können Sie als Stadtmarke auch nach außen wirken“, erklärt er.

Das neue Logo mit dem Buch kann jeder frei herunterladen und verwenden.
Das neue Logo mit dem Buch kann jeder frei herunterladen und verwenden.Grafik: Stadt Bochum

So lange die Bochumer den Kopf einziehen, wenn man sie fragt, woher sie kommen, nützen die teuersten Plakatkampagnen und Messeauftritte nichts. Darum wird das neue Logos auch für die ganze Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Das stilisierte aufgeschlagene Buch mit dem Autokennzeichen-Kürzel „Bo“ daneben ziert nicht nur das offizielle Briefpapier der städtischen Institutionen, sondern lässt sich kostenlos im Internet herunterladen. Von einer „Fan-Marke“ spricht Schiefelbein – und wagt sogar den Vergleich mit dem legendären „I love NY“-Label.

Das Buch im Logo repräsentiert übrigens nicht die Kladde, in der die Stadtväter ihre horrenden Schulden notieren. Vielmehr handelt es sich um eine Weiterentwicklung des traditionellen Bochumer Wappens. Das zeigt seit 1381 ein geschlossenes Buch – aufgrund eines Missverständnisses: „Bukhem“, wie die Gemeinde damals auch genannt wurde, meint nämlich keineswegs „Bücherheim“, sondern „Heim unter Buchen“.

2016 öffnet ein Musikzentrum für die Bochumer Symphoniker

Gerade in den goldenen Zeiten von Kohle und Stahl wirkte das bibliophile Wappen prätentiös. Mittlerweile allerdings hat es durchaus seine Berechtigung. Setzte die Stadt doch ganz auf die Wissenschaft, als klar wurde, dass durch den Strukturwandel immer weniger Jobs in den traditionellen Malocher-Berufen zur Verfügung stehen würden. Aus der 1965 gegründeten Ruhr-Universität entwickelte sich eine Wissenschaftslandschaft, die heute mit ihren acht Hochschulen 53.000 Studierende anzieht. Der akademische Cluster belegt damit nicht nur Platz sechs unter den bundesweit größten Hochschulstandorten, er ist auch der wichtigste Arbeitgeber der Stadt.

Hinzu kommt ein beachtliches Kulturangebot: Historische Denkmale hat Bochum zwar nicht zu bieten, dafür aber das seit Claus Peymanns Intendantenzeiten legendäre Schauspielhaus, die Jahrhunderthalle als Hauptspielort der Ruhrtriennale und ab 2016 dann auch ein Musikzentrum für die Bochumer Symphoniker sowie die Laienmusikszene der Stadt.

„Wissen, Wandel, Wir-Gefühl“ sind die Schlagworte, die Mario Schiefelbein und seine Mitstreiter als Kernkompetenzen der Stadt ausgemacht haben. Und wenn sein Konzept aufgeht, werden die 360.000 Einwohner diese Stärken bald in die Welt hinaus tragen, als lokalpatriotische Multiplikatoren. Die neueste Umfrage-Ergebnisse machen Mut: Ein halbes Jahr nach dem Start der Aktion kannten bereits 44 Prozent der befragten Bochumer ihr neues Stadtlogo.

Und auch der berühmteste Sohn der Stadt zieht mit. Als Herbert Grönemeyer in diesem Sommer bei einem Auftritt in ausverkauften Fußballstadion des VfL seine Bochum-Hymne sang, fügt er dem Lied eine neue Strophe hinzu, die ihm wortgewandte Bürger gedichtet hatten: „Du hast den Ruß abgewaschen / und Deine Öfen sind kalt. / Doch deine Zechen sind voll Leben. / Hier wird getanzt, gelacht / das Morgen ausgedacht. / Gefördert wird, was lebt!“

Wirtschaft und Kultur treffen sich am 29. und 30. Oktober im Tagesspiegelhaus zum Kulturinvest-Kongress. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Website kulturmarken.de.

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