Kulturinvestkongress in Berlin : Die Ökonomie der Wahrnehmung

Zwei Tage lang versuchen 460 Teilnehmer beim Kulturinvestkongress in den Räumen des Tagesspiegel-Verlagshauses zu ergründen, wie sich großartige kreative Leistungen unters Volk bringen lassen

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ball fördert Oper. Als das ZDF 2008 sein EM-Studio in Bregenz aufschlug, brachte das den Festspielen neue Kundschaft. Foto: picture-alliance/ dpa
ball fördert Oper. Als das ZDF 2008 sein EM-Studio in Bregenz aufschlug, brachte das den Festspielen neue Kundschaft.Foto: picture-alliance/ dpa

„Kultur ist unbezahlbar!“ Ob er seine Eröffnungsworte zur Kulturmarken-Gala schon in Hinblick darauf formuliert hat, dass er als möglicher Kulturstaatsminister von Bittstellern überrannt werden könnte, lässt Oliver Scheytt sich nicht anmerken. Im Tipi-Zelt tritt er als Juryvorsitzender auf, der mit 26 Experten Bewerbungen diskutierte, um Preisträger in sechs Kategorien zu küren. Ausgezeichnet werden seit 2006 Kultureinrichtungen, Initiativen und Unternehmen, die die „Ökonomie der Wahrnehmung“ zugunsten der Kultur verschieben.

Wer das Gute will, hat keine Angst davor, nachgeahmt zu werden. Die Awards stellen Ideen vor – für Kulturvermittlung, Sponsoring oder Stadtmarketing. Eine wichtige Rolle können dabei Fördervereine spielen, die nicht länger „Kaffeekränzchen mit positiven Effekten“ sein müssen, wie Laudatorin Gabriele Landwehr betont. Ausgezeichnet werden „Die Aufseßigen“, die dem Germanischen NationalmuseumsNürnberg helfen, neue Besucher für die Schätze des Hauses zu begeistern. Ihnen sei es gelungen, Museen in die Erlebniswelt junger Menschen zu integrieren, befand die Jury.

„Der Mensch mit Kultur ist der Endzweck der Natur“, reimt mit Kant Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff bei der Vorstellung des Kulturinvestors des Jahres. „Jugend musiziert“ feiert 50. Geburtstag, die Sparkassen-Finanzgruppe, Deutschlands größter nichtstaatlicher Kulturförderer, war von Anfang an bei. Wo sich die Einheimischen wohlfühlen, tun es auch die Besucher. Mit der Stadtmarke des Jahres wurde Magdeburg ausgezeichnet, eine Kommune, die einen weiten Weg zu gehen hatte: Nur 45 Prozent der Magdeburger schätzten vor Jahren ihre Stadt, inzwischen sind es 90 Prozent. Daran haben vor allem zwei Persönlichkeiten ihren Anteil, die das Stadtmarketing als identitätsstiftend entdeckt haben: Kaiser Otto der Große und Universalgenie Otto Guericke. Ihre Kulturausgaben hat Magdeburg, auch Kommune des Jahres, auf acht Prozent verdoppelt. Otto sei Dank!

Was bleibt, wenn der große Auftritt vorbei ist? Darauf gibt wiederum die Trendmarke eine attraktive Antwort: Auch seit das Ruhrgebiet nicht mehr europäische Kulturhauptstadt ist, werben dort 20 Museen in 15 Städten gemeinsam um Kulturtouristen. „Der Pott ist kein Selbstläufer“, weiß Laudator Pedro Munoz von DHL, einem der Hauptförderer des Kulturmarken-Awards.

Emotionales Herzstück des Abends: die Kür zum Kulturmanager des Jahres. Der Preis bleibt in Berlin und geht an Udo Kittelmann, seit 2008 Direktor der Nationalgalerie. Und weil der Autodidakt lieber nicht Manager genannt werden will, baut Laudator Thomas Girst, Chef des BMW-Kultursponsorings, dem Museumsmann eine Brücke: Der Begriff komme von manus agere, ein Manager ist einer, der „an der Hand führt“. Als zwei Mitglieder der Wiener Sängerknaben ihre zarten Stimmen erheben, wird es kurz still im Zelt. Die weltbekannte Boygroup kann sich über die Auszeichnung als Kulturmarke des Jahres freuen.

Rund um die Feier wird traditionell hart gearbeitet: Zwei Tage lang versuchen 460 Teilnehmer beim Kulturinvestkongress in den Räumen des Tagesspiegel-Verlagshauses zu ergründen, wie sich großartige kreative Leistungen unters Volk bringen lassen. In 28 Fachforen präsentieren 92 Referenten Praxisbeispiele: Da berichtet Gabriele Minz, die Young-Euro-Classic-Erfinderin, wie sie ihre Idee mithilfe des Chemieproduzenten Lanxess bis nach Südamerika und Fernost exportieren konnte. Wenn zum Staatsbesuch von Angela Merkel in Peking Musik von einem Ensemble erklingt, das sich zu gleichen Teilen aus deutschen und chinesischen Jugendlichen zusammensetzt, dann empfindet das die Politik als Symbol für die angestrebte binationale Zusammenarbeit. Und als Dank für das Sponsoring darf der Firmenchef beim Erinnerungsfoto neben der Bundeskanzlerin stehen.

Axel Renner von den Bregenzer Festspielen schwärmt von seiner Kooperation mit dem ZDF. Dass der Sender 2008 von der Seebühne aus über die Fußball-EM berichtete, verschaffte dem Opernfestival einen Bekanntheitsschub: „Und plötzlich gibt der Stuttgarter Metzgermeister dem Drängen seiner Gattin nach, die schon lange mal nach Bregenz wollte.“

Ein Kulturprodukt, das sich täglich neu auf dem Markt behaupten muss, ist auch die Zeitung, der Tagesspiegel. Bei einer von Chefredakteur Casdorff geleiteten Diskussion mit SPD-Mann Scheytt, dem Schriftsteller Moritz Rinke und Holger Lösch vom BDI wurde neben der sinnlichen, haptischen Qualität der gedruckten Zeitung eines hervorgehoben: dass es bei den Neuen Medien bislang keine Instanz mit der Glaubwürdigkeit von QualitätsPrintprodukten aufnehmen könne. Andererseits machen sinkende Anzeigenerlöse den Zeitungen zu schaffen. Der Gedanke, sie analog zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit Staatsgeld zu stützen, um ihre Unabhängigkeit abzusichern, stieß in der Runde einhellig auf Ablehnung. Letztlich gilt im Journalismus dieselbe Faustregel wie für die Kunst: Qualität ist die beste Überlebensversicherung.

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