Kultur : Kulturjahr 2000: Der Hang zum Gesamtkunstwerk

Bernhard Schulz

Es brummte bei der Expo in Hannover und ihrem "übernationalen" Themenpark, und es brummte bei der Ausstellung "7 Hügel" in Berlin. Es brummte, weil allerlei Maschinen und gar Roboter ihr (Un-)Wesen trieben, und es brummte, indem sich die Besucher drängten. Nein, von Flops kann nicht die Rede sein, wenn die Besucherzahlen in den Blick genommen werden; und offenkundig hatte das Publikum auch etwas von den Ereignissen, mag es auch fallweise "nur" Unterhaltung gewesen sein. Enttäuscht gingen die wenigsten davon. Gingen sie umgekehrt aber bereichert?

Die Frage ist kaum zu beantworten. Aber sie muss gestellt werden angesichts zweier Ausstellungen, die das herkömmliche Terrain der Ausstellung verlassen haben und zu Inszenierungen, wo nicht zur Unterhaltungsshow, mutiert sind. Gewiss gilt es zwischen Berlin und Hannover zu unterscheiden. Im Berliner Martin-Gropius-Bau wurden authentische Objekte gezeigt. Geradezu exzessiv huldigte man dem Objektbegriff der klassischen Ausstellung, während auf dem Hannoverschen Expo-Gelände Themen oder Fragestellungen veranschaulicht und erlebbar gemacht wurden. Aber indem die Berliner Veranstaltung in ihrer von keinem Besucher mehr zu erfassenden Fülle die Grenzen der Ausstellung sprengte, traf sie sich mit der objektfreien Darbietung in Hannover: als "Gesamtkunstwerk", als begehbares Bühnenbild, als tableau vivant, in dem die Besucher zum kalkulierten Teil des Arrangements wurden.

Kunst und Wissen sollten einander wieder nahe kommen; näher, als es im 20. Jahrhundert je der Fall war. Während nach dem Ende der politischen Ideologien der Naturwissenschaft ein ungeahntes Vertrauen als "Leitkultur" zuwächst, weichen die Grenzen zu Kunst und Spiel, ja selbst zu Fantasie und Traum zunehmend auf. Das zumindest könnte die Botschaft sein, die von den beiden Großveranstaltungen in Berlin und Hannover ausging und die ihre Besucher als Bereicherung mitgenommen haben.

Damit sei nicht die Kritik geglättet, die an den Veranstaltungen geübt wurde - an der allzu durchschaubaren Fortschrittsgläubigkeit in Hannover, an der allzu selbstverliebten Wunderkammerseligkeit in Berlin. Dass wir in naher Zukunft alles wissen und beherrschen können, war die Botschaft der Expo, dass wir in nächster Vergangenheit bereits alles gewusst und auch beherrscht haben, die der "7 Hügel". Beides ist falsch, aber bei beiden Veranstaltungen sollte wohl der Besucher mit Zweifeln nicht verschreckt, sondern mit der visuellen Macht der Inszenierung eingenommen werden.

Expo-Themenpark und "7 Hügel" standen an einer Scheidelinie, insofern sie den Beginn einer neuen - wenn auch noch nicht recht geglückten - Verschwisterung von Kunst und Wissenschaft markieren, und ebenso das Ende der herkömmlichen Großausstellung.

Denn auch dies wurde - aller Besucherzufriedenheit zum Trotz - deutlich: Dass sich die Kosten derartiger events kaum rechtfertigen lassen. Das Finanzdebakel, das in Hannover wie in Berlin zu besichtigen war, wird künftig als Mahnung dienen. Der Traum von der Unbegrenztheit der materiellen Ressourcen, der in Hannover wie in Berlin geträumt wurde, hält der nüchternen Wirklichkeit nicht Stand.

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