Kultur : Kulturjahr 2000: Kein Versuch mehr, erwachsen zu werden

Christiane Peitz

Mein Roller war aus Holz und hatte einen roten Griff. Der Roller meines Bruders war moderner, aus Metall, mit dicken Ballonreifen. Ich habe meinen Bruder immer darum beneidet. In diesem Jahr hat sich mein Neid endlich gelegt. Denn 2000 war das Jahr des Rollers, oder genauer: der Kickboards. Gegen diese silbrigen Hightech-Flitzer nimmt sich der Roller meines Bruders endlich genauso armselig aus wie der meine. Die Kickboards prägten das Straßenbild, in den Vorstädten, den Fußgängerzonen, auf der Expo. Überall Kinder auf Rollern, junge wie erwachsene, die alte Träume hervorkramen und wieder zu spielen beginnen. Und das mit kindlichem Ernst. Man denke nur die Abermillionen von SMS, die in diesem Jahr verschickt wurden: der neue Volkssport für die mobile Gesellschaft.

Kultur 2000, das war ein Spiel ohne Grenzen: das Ende des verkniffenen Versuchs, erwachsen zu sein, vernünftig und allemal nüchtern. Der Harry-Potter-Boom zum Beispiel: Wir Großen durften schmökern wie einst unter der Bettdecke. Oder "Hampels Fluchten" von Michael Kumpfmüller: ein Debütroman mit dem höchsten Vorschuss, den in Deutschland je ein Autor bekam. Sein Held - ein Spieler. Oder "Dancer in the Dark", Lars von Triers Kinooper, die Rückkehr zum Pathos und Björks staunendes Gesicht. Kultur 2000 stand im Zeichen einer neuen Eigentlichkeit, die sich über sich selbst ein wenig wundert. Das macht sie sympathisch.

Vorbei die Zeit des Bewährten. Das Feuilleton der FAZ druckt seitenweise vier Buchstaben: ACGT, die Formel, die den Menschen ausmacht. Auch eine Art Expedition: das Genom oder der Abschied vom sicheren Gelände der Kunstkritik. Und die "Elementarteilchen" touren durch die Theater. Kultur 2000, das war Peter Stein, der seinen Lebenswunsch vom kompletten "Faust" realisiert, in Hannover, in Berlin, 23 lange Stunden lang. Oder Luk Perceval, der sein Publikum mit dem Shakespeare-Spektakel "Schlachten" zwölf lange, kurze Stunden verzaubert. Oder der Stuttgarter "Ring", ein Gruppenspiel mit Wagner und vier Regisseuren. Kultur 2000, das waren die Expo, "7 Hügel", die Autostadt Wolfsburg, von "Big Brother" zu schweigen: lauter Abenteuerspielplätze für den modernen Menschen. Nur in London herrschte gähnende Leere unter der Kuppel des Millenniumsdomes: ein Spektakel mit eigener U-Bahn-Linie, der Flop des Jahres.

In der deutschen Hauptstadt wird derweil ein Zwischenspiel gegeben: Berlin, ein Entre-Acte, trotz neuer Schaubühne und neuem Berliner Ensemble. Die Berggruen-Sammlung ist gerettet, Daniel Barenboim bleibt, und dennoch: Das Alte geht nicht mehr, die Ära von Ulrich Eckhardt, Moritz de Hadeln und Götz Friedrich ist passé. Und das Neue ist teuer und lässt auf sich warten: das Holocaust-Mahnmal, das Ende der Schlossplatz-Debatte, die Eröffnung des Jüdischen Museums, die Opernreform.

2001 treten die Nachfolger an: Julian Nida-Rümelin im Kulturstaatsministerium, Joachim Sartorius bei den Festspielen, Dieter Kosslick bei der Berlinale, Udo Zimmermann an der Deutschen Oper und viele andere. Mögen sie sich bei aller Arbeit des Neuanfangs die Spiellaune nicht verderben lassen: Schon in Kubricks "2001" tanzen die Raumschiffe bekanntlich Walzer.

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