Kultur : Kulturjahr 2000: Nach dem Vorhang ist vor dem Vorhang

Rüdiger Schaper

Schaubühne am Lehniner Platz, 23. März 2000, gegen 21 Uhr 30. Die Zuschauer, auch viele Theaterkünstler und eine Heerschar Kritiker, kommen aus dem Dunkel des Bühnenbauchs, wo sie soeben Thomas Ostermeiers deutschsprachige Erstaufführung von Sarah Kanes Abschiedsstück "Gier" erlebt haben; ein todtrauriges Drama, das Requiem einer hochbegabten Londoner Autorin, die sich mit noch nicht 30 Jahren das Leben nahm. Und schon stehen wir selbst mitten in einer Farce. Im Foyer drängeln sich Reporter, Fotografen, Kameraleute, wir laufen ahnungslos in diese geballte Ladung hinein und sollen Statements abgeben - und, da wir Journalisten sind, auch gleich selbst Stimmen einsammeln. Zum Rücktritt von Christa Thoben.

Wie bitte? Die Berliner Kultursenatorin hat das Handtuch geworfen, nach dreieinhalb Monaten? Kann man in dieser Stadt nicht mehr ungewappnet ins Theater gehen? Offenbar nicht. Berlin ist die Hauptstadt der Kulturpolitik. Man kann auch sagen: Theater in Berlin ist Kulturpolitik. Und umgekehrt. Kulturpolitik funktioniert hier wie eine Inszenierung, der allerdings das meiste fehlt, was zu einer Inszenierung gehört - ein Regisseur, ein Text, eine Pause. Kulturpolitik hat das Jahr 2000 geprägt, pausenlos.

Thomas Ostermeier und Sasha Waltz eröffneten Anfang des Jahres die neue Schaubühne. Ein schroffer Generationenwechsel, eine neue Ästhetik, alles auch sehr politisch. Im Lauf des Jahres stellte sich heraus, dass diesem Neuanfang das Geld ausging - Geld, das Christa Thobens Vorgänger Peter Radunski nonchalant versprochen hatte. Bemühenszusage: das traurige Witzwort des Jahres. Und noch ein Neustart, eine Wiedereröffnung: Claus Peymann renovierte das Berliner Ensemble mit einem inneren Umbau und scharfen Sprüchen nach draußen, so wie man ihn kennt. Er wollte der Reißzahn im Regierungsviertel sein. Nun ja. Peymann war mal wieder führend mit seinen beinahe täglichen Verlautbarungen.

Christoph Stölzl, eben noch Direktor des Deutschen Historischen Museums und dann kurz und überraschend Chef im "Welt"-Feuilleton, wurde neuer Kultursenator. Er unterhielt uns mit eloquenten Auftritten im Abgeordnetenhaus. Da hatten wir das Theater. Zweimal im Monat die kleine Komödie im Kulturausschuss und das große Drama im Unterausschuss Theater. Abendfüllend. Da wurden wir richtige Staatsbürger und schauten den Volksvertretern bei ihrer Arbeit zu. Und wenn wir ein wenig die Köpfe hoben, dann gab es über allem noch den Kulturstaatsminister Michael Naumann, der uns die Buchpreisbindung in Brüssel rettete und den deutschen Film auch mitretten wollte und die Berliner Kultur mit ein paar finanziellen Infusionen vor dem Kollaps bewahrte. Plötzlich aber will er nicht mehr und geht zur "Zeit". Zur Unzeit?

Davor wurden wir alle Opernexperten. Denn die Opernkrise war das Berliner Hauptstück des vergangenen Jahres. Ein Ende ist nicht in Sicht. Wir sind keine Pessimisten. Es könnte aber sein, dass dieser Text - mit einigen Updates und ein paar neuen Namen - in zwölf Monaten, beim nächsten kulturpolitischen Jahresrückblick, wieder recyclet wird. Nach dem Vorhang ist vor dem Vorhang.

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