Kultur : Kulturjahr 2000: Plötzlich scheint alles möglich zu sein

Hartmut Wewetzer

"Heute lernen wir die Sprache, in der Gott Leben schuf." Mit diesen pathetischen Worten, wie sie wohl nur ein Amerikaner ohne Fehl und Arg sagen kann, verkündete Bill Clinton an jenem denkwürdigen 26. Juni 2000 die weitgehende Entzifferung des menschlichen Erbguts, Genom genannt. Drei Milliarden biochemische Buchstaben, eine Grammatik des Lebens, ein Archiv unserer Entwicklung vom Einzeller zum Homo sapiens und - vor allem - ein Schlüssel zu uns selbst und unseren Krankheiten. Die "Mondlandung der Biologie" war das wissenschaftliche Ereignis des Jahres, mit nicht absehbaren Folgen für Gesellschaft, Kultur und Politik.

Gemeinsam mit Clinton feierten im Weißen Haus der amerikanische Biotechnik-Unternehmer Craig Venter und Francis Collins vom öffentlich geförderten Humangenom-Projekt die frohe Botschaft des Genoms. Tony Blair, der europäische Modernisierer, hatte sich aus London zugeschaltet. Bei der Genom-Sequenzierung hatten die USA und Großbritannien eine Vorreiter-Rolle gespielt.

Venter, so etwas wie der gefallene Engel der Genom-Forschung, hatte sich erst nach zähen Verhandlungen zur Versöhnung mit dem öffentlichen Genom-Projekt bereitgefunden. Beide Seiten hatten das Erbgut getrennt und in harter Konkurrenz entziffert und willigten erst unter politischem Druck ein, ihre Genom-Sequenzen zeitgleich zu Beginn des Jahres 2001 zu publizieren und damit die Daten öffentlich zu machen. Das wiederum wurde als Niederlage Venters ausgelegt, denn seine Firma Celera handelt mit genetischer Information. Das öffentliche Projekt hatte dagegen stets seine Daten jedermann frei zur Verfügung gestellt.

Viele Krankheiten haben ihre Wurzeln auch in den Genen. Die größte Hoffnung, die sich mit dem Genom-Projekt verknüpft, ist deshalb die Entwicklung besserer Medikamente und Früherkennungs-Tests auf der Basis des Wissens aus dem Erbgut. Das Genom verheißt den Aufbruch des Menschen und seiner Medizin aus der Unwissenheit. Viele Biotechnik-Firmen wollen ihre Investitionen mit Patenten absichern, was wiederum Kritiker auf den Plan bringt. Die Greenpeace-Initiative "Kein Patent auf Leben" konnte in Deutschland viele Sympathien für sich verbuchen.

Überhaupt, Deutschland. Die Bundesrepublik hatte keinen großen Anteil am Besteigen des Mount Genome. Dafür verfolgte man eher mit Stirnrunzeln, was jenseits des Atlantiks Euphorie auslöste. In den Zeitungen hob eine ressortübergreifende, von Bedenken und Zweifeln eher als von Begeisterung und froher Erwartung getragene Debatte über die Folgen der Gentechnik an.

Bezeichnend dafür war ein in der "Frankfurter Allgemeinen" auf Deutsch veröffentlichter Essay des amerikanischen Computer-Unternehmers Bill Joy - eine düstere Vision vom Untergang der Menschheit, die eines Tages von biologischen Robotern mit Hilfe der Nanotechnik überwältigt wird. Solche Science-fiction-Phantasien hatten im Jahr 2000 mehr als jemals zuvor Konjunktur. Der Mann aus Milchglas, der unheimlich-seelenlose Klon, die gespenstische Menschenplantage: Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. Bezeichnend, dass die USA auch diese Nachtseite ihres Tuns gleich mit vermarkteten - mit dem Schwarzenegger-Film "Der sechste Tag".

Ende des Jahres ließ sich dann doch noch ein deutscher Spitzenpolitiker in einem Genlabor sehen. Bundeskanzler Gerhard Schröder besuchte am 12. Dezember das Ressourcenzentrum des Deutschen Humangenom-Projekts und schlüpfte in den Kittel des Forschers. "Wir haben verstanden" sollte das wohl heißen. Schröder würdigte damit die vor fünf Jahren begonnene verzweifelte Aufholjagd der deutschen Sequenzierer. Denen glückte im Wettlauf mit den übermächtigen Amerikanern zumindest ein Achtungserfolg. Beim Entziffern von Chromosom 21 waren die Deutschen maßgeblich beteiligt.

Die deutsche Erbgut-Forschung wird auch weiterhin den Rückenwind der Politik brauchen. Denn das Erklettern des Genoms war eine heitere Landpartie, verglichen mit den Gebirgen, die nun zu ersteigen sind. Jetzt gilt es zu verstehen, wie die Gene funktionieren und kooperieren, wie ihre Produkte wirken und wie das Netzwerk des Lebens gewebt ist. Arbeit für Jahrzehnte und darüber hinaus.

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