Kultur : Kulturkampf in Rom: Sehenswürdigkeiten der "Ewigen Stadt" sollen eingefriedet werden

Werner Raith

Giovanna Melandri zieht den Kopf ein und beteuert, man werde "natürlich nichts übereilt beschließen". Und in jedem Falle, so die 38-jährige Kulturministerin, werde man "eine Lösung finden, die alle zufriedenstellt." Daran sind freilich Zweifel erlaubt. Es geht um nicht weniger als die massive Einzäunung römischer Sehenswürdigkeiten. Kein Tastkontakt mehr mit den berühmten Säulen des Pantheon, kein Erinnerungsfoto vor dem Triumphbogen des Konstantin, nur noch durch Zaunspalten der Blick auf weltberühmte Brunnen und Statuen. Das hat zumindest das "Vereinigte Komitee zum Schutz der Kulturgüter" im Ministerium beschlossen. Den Anfang soll ein 370 Meter langer Zaun ums das Pantheon herum machen.

Ausgerechnet Rom, das bisher immer stolz darauf war, dass hier die Antike nicht "wie ein musealer Fremdkörper" ihr Dasein fristet, sondern "in Piazzas und das Alltagsleben der modernen Stadt" einbezogen ist, wie ein Prospekt der Stadtverwaltung zum Heiligen Jahr noch 1999 verkündet. Ausgerechnet die Stadt, in der nach Angaben der UNESCO rund 40 Prozent aller archäologischen Schätze der Antike versammelt ist, will nun den Beschauer nicht nur auf Distanz halten, sondern das Stadtbild auch noch durch die an Schutzzäume um gefährdete Botschafen oder Ministierien erinnernde Einfriedungen entstellen.

Einzäunungsopfer Giordano Bruno

Direkt vor dem Eingang zum Pantheon liegt, leicht ansteigend, eine der berühmtesten Piazzas Roms, die Rotonda, mit ihren Straßencafés und Restaurants und dem grandiosen Brunnen, an den malerisch Carabinieri in Gala-Uniform darauf warten, von Touristen abgelichtet zu werden: Der Wehrzaun würde das gesamte Ambiente, das ganze Maß harmonischer Platzgestaltung aus dem Gleichgewicht bringen. Das gleiche Problem stellt sich auch auf dem Campo de Fiori, wo die Kulturverwalter ausgerechnet das Standbild des hingerichteten Häretikers Giordano Bruno als nächstes Einzäunungs-Opfer ausgespäht haben: der Platz lebt von der Freiheit und Leichtigkeit "der einzigen Piazza Roms ohne Kirche" - was würde da ein Zaun um den Sockel herum alles zerstören.

Freilich haben auch die Denkmalsschützer ihre Argumente. Denn Rom lebt nicht nur bei Tag - auch bei Nacht werden seine Sehenswürdigkeiten "benutzt". Und das nicht zu knapp: Fast alle Monumente sind da besetzt einerseits von Liebespärchen, die sich in die vielen Schatten der Bauwerke hineinkuscheln, andererseits von "Barboni", wie Clochards oder Gammler in Italien genannt werden, die hier nächtigen und winters schon mal ein Feuerchen zum Wärmen anzünden. Und so liegen am Morgen ganze Berge von Dosen, Flaschen, Papier, Kartons, Kondomen und Erbrochenen herum. Manche Säule muss wieder vom Ruß gesäubert werden. Hinzu kommt, dass die Kunstschätze immer öfter Akten des Vandalismus ausgesetzt sind - dem berühmten Vier-Ströme-Brunnen auf der Piazza Navona rückte ein Kunstfeind ebenso mit dem Hammer zuleibe wie der Säule der Immacolata auf der Piazza Mignanelli.

Andererseits ist aber nicht einzusehen, wieso ausgerechnet das Land mit der größten Polizeidichte - auf je 200 Bürger kommt ein Ordnungshüter (zum Vergleich: in Deutschland sind es 420) - und den blühenden Wach- und Schließgesellschaften nicht in der Lage sein sollte, auch nachts vor den wichtigsten Monumenten Ordnung zu halten. So denken jedenfalls viele Bürger Roms: Das Kommittee für die Interessen des Stadtzentrums, angeführt von der streitbaren Viviana Di Capua, die zahlreiche Gefechte gegen administrative Vorhaben führt, hatte innerhalb nur wenigen Stunden bereits 2500 Unterschriften gegen die Einzäunungsidee gesammelt (den Großteil von angesehenen Intellektuellen und Politikern) und Ministerin Melandri auf den Tisch geknallt. Der Schauspieler Vittorio Gassman ist etwa dabei und sein Kollege Arnoldo Foa, der ehemalige Präsident der Linksdemokraten Stefano Rodot und der stellvertretende Bürgermeister Roms, Walter Tocci. Letzterer hat auch im Stadtrat einen Grundsatzbeschluß zumindest die Einfriedung des Pantheon durchgebracht hat - der aber das Ministerium nicht bindet.

Unterschriften gegen die Ministerin

So manchen Römer allerdings beschleicht der Argwohn, die Einzäunungsmanie könnte Vorbereitung zu etwas ganz anderem sein - nämlich künftig Eintritt für die Besichtigung der Monumente zu nehmen. Noch immer ist in unguter Erinnerung, wie vor drei Jahren am Colosseum, das früher immer frei zugänglich war, plötzlich starke Gußeisenwehren an den Eingängen angebracht wurden, angeblich um auf den Rängen und in den unterirdischen Gängen nächtliche Orgien von Drogensüchtigen zu verhindern - und nun müssen die Besucher gesalzene 10 000 Lire Eintritt bezahlen, wenn sie einen Blick in das alte Amphitheater werfen wollen.

Derlei Parallelen bestreitet Kulturministerin Melandri natürlich vehement. Und so hat sie sich jüngst zwar zu einem "Gütetermin" mit den Einzäunungs-Gegnern inner- und außerhalb des römischen Stadtrats getroffen. Doch herausgekommen ist natürlich wieder nichts. Statt dessen hieß: Im Herbst wird weiter diskutiert. Die sommerlichen Rom-Besucher haben also noch die Chance, die "Ewige Stadt" und ihre Sehenswürdigkeiten uneingezäunt zu sehen.

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