Kultur : Kulturmission? Nein danke!

Renate Elsässer leitet das im September wiedereröffnete Goethe-Institut in Kabul. Ein Gespräch über ihre Pläne

-

Frau Elsässer, das GoetheInstitut in Kabul war zehn Jahre lang geschlossen. Was haben Sie bei Ihrer Ankunft im September dort vorgefunden?

Nichts. Ich habe noch keine eigenen Räume, sondern bin sozusagen Untermieterin bei der Deutschen Botschaft. Krieg, Bürgerkrieg und 23 Jahre Gewaltherrschaft haben fast alle Gebäude zerstört. Selbst in den Schulen sitzen die Kinder auf dem Fußboden, Bücher sind so selten, dass auch die Lehrer in der Regel noch keine besitzen. Die meisten Kinder und Jugendlichen haben noch nie in ihrem Leben ein Theaterstück gesehen, noch nie ein Buch mit Abbildungen – Bilder waren unter den Taliban verboten.

Was kann das Goethe-Institut Inter Nationes in dieser Situation überhaupt leisten?

Eine Menge, hoffe ich. Zwar habe ich noch keine Sekretärin, und bin bis auf eine junge, engagierte Übersetzerin ganz auf mich gestellt. Aber mit dem Etat von 540000 Euro für Programme lässt sich schon etwas machen. Wichtig ist, dass wir keine Kultur-Mission in Kabul sind. Es geht nicht darum, Böll und Grass, Goethe und Schiller zu exportieren. Wir wollen zuerst an das anknüpfen, was da ist. Also haben wir als erstes ein Seminar für Filmemacher organisiert. 47 einheimische Regisseure bekamen Gelegenheit, sich von deutschen Filmemachern technisch und fachlich unterrichten zu lassen. Unter den afghanischen Regisseuren war auch der Präsident der afghanischen Filmemacher, Siddiqulla Barmak, der bereits an einem Drehbuch für einen großen Spielfilm arbeitet.

Wovon handeln diese zeitgenössischen Filme?

Da fast alles verboten war, Film, Musik, wollen die Leute über fast alles erzählen. Es geht vor allem um das Aufarbeiten der Vergangenheit. Viele der Drehbücher spielen im Krieg, es sind Partisanendramen, Familientragödien. Der Drang zum Erzählen ist enorm.

Und zum Musikmachen?

Ja. Wir haben auch Konzerte organisiert, aber Sie müssen bedenken, dass noch einige Taliban da sind. Immer mal wieder werden Musiker, die auf privaten Festen spielen, beschossen oder auf andere Weise attackiert. Als wir am 23. Oktober die Düsseldorfer Gruppe „ata tak2“ in Kabul hatten, die mit Musikern von dort zusammen ein Konzert im Audimax der Universität geben wollte, musste der Saal von Militärpolizei geschützt werden, und jeder Konzertbesucher wurde am Eingang nach Waffen durchsucht. Aber das Konzert war ein Riesenerfolg, 500 Besucher kamen, darunter sogar 30 Frauen. Später haben wir noch einen Workshop für die Musiker organisiert.

Wie wohnen Sie in Kabul?

Einige Lehrer der deutschen Amani-Oberrealschule teilen sich eine Wohnung, in der ich Unterkunft gefunden habe. Zu Fuß bin ich von dort in 15 Minuten am Arbeitsplatz. Die Kollegen sind allerdings entsetzt, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit ohne Taxi unterwegs bin. Oft fällt der Strom aus, weil der Stausee leer ist, der das Kraftwerk speist. Außerdem gibt es noch kaum Straßenbeleuchtung – und aufgrund der bitteren Armut viel Kriminalität.

Leben Sie in Angst? Haben Sie Wachleute dabei?

Angst habe ich nicht, auch keine Bodyguards. Der Tod gehört für mich zum Leben. Außerdem herrscht in Afghanistan eine unglaubliche Freundlichkeit gegenüber Deutschen. Afghanen haben die Deutschen nie als Kolonialherren, Feinde oder Besatzer erlebt, sondern seit dem 19. Jahrhundert positive Erfahrungen mit ihnen gemacht.

Ein seltener Fall ...

Ja, und die Nachfrage nach Deutschkursen ist enorm. Viele wollen Deutsch lernen, aber ich habe noch nicht die Mittel, das anzubieten, Räume, Lehrbücher, Personal. Wir sind in der frühen Aufbauphase.

Alle Fortschritte in Afghanistan nach den Taliban scheinen auf den Raum Kabul beschränkt. Wird das Goethe-Institut auch anderswo im Land tätig sein?

Ich hoffe darauf und fahre demnächst in die Provinzen, in Städte wie Jalalabad, Kandahar und Mazar i Sharif. Hier wie dort will ich gerne vermitteln, dass es keinen „Clash of Cultures“ gibt. Kultur ist immer etwas Verbindendes, und der so genannte Krieg der Kulturen ist in Wahrheit etwas anderes: Da geht es um Macht, um Interessensphären, um Einfluss. Der Begriff „Clash of Cultures“ ist irreführend und falsch. Austausch in der Kulturarbeit löst solche Urteile und Vorurteile auf.

Das Gespräch führte Caroline Fetscher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben