Kultur : "Kulturmodell": Der Irrglaube lebt

Filip David

Die Ereignisse vom 5. Oktober werden von einigen als die letzte Revolution des 20. Jahrhunderts angesehen, von anderen als Putsch oder als Staatsstreich. In den 13 Jahren unter Milosevic haben die Serben all das erlebt, was ein Volk sonst nicht einmal in hundert Jahren durchmacht: ein Aufkommen des Nationalismus, einen rudimentären Faschismus, den Zerfall Jugoslawiens, blutige Kriege, schwere Verbrechen, eine nie gesehene Hyperinflation, große Anti-Milosevic-Demonstrationen (1991 und 1996/97) und schließlich den Zusammenbruch der letzten europäischen Bastion des Kommunismus. Milosevics Staat wurde in den letzten Jahren in einen Schwarzmarkt der Kriminalität und Korruption verwandelt, mit einer der größten Polizeistreitkräfte und mit einer - so schien es zumindest - der treuesten Armeen. Und dann fiel die Illusion vom mächtigen Imperium in weniger als drei Stunden in sich zusammen.

Zum Sturz des Regimes war es notwendig, zwei Symbole zu erobern: das jugoslawische Parlament und das Belgrader Fernsehen (im Volksmund: die Bastille). Das Hochgefühl danach, die unbeschreibliche Freude von Millionen Menschen auf den Plätzen und Straßen, ist das glaubwürdigste Zeugnis für die Befreiung von der Angst, in der man gelebt hat, und auch ein Beweis dafür, mit wieviel Hoffnung die Veränderungen erwartet werden. Natürlich drängt sich nach der ersten Euphorie nun die Frage nach der Verantwortung auf, nach der des Einzelnen, aber auch der kollektiven, für das, was in den 13 Jahren unter Milosevic getan wurde.

Das Regime Milosevic überlebte dank verschiedener Stereotype und der Vorurteile über eine Weltverschwörung gegen Serbien, über eine ständige äußere und innere Bedrohung (die Verräter, die "fünfte Kolonne", die NATO-Söldner), dank der Vorstellung von Milosevic als Anführer der fortschrittlichen Länder gegen die neue Weltordnung. Dank des Vorurteils, dass uns alle hassen, weil wir die Ehrenhaftesten, die Besten, die Tapfersten sind. Große Worte. Dahinter versank ein ganzes Volk in geistigem und materiellem Elend, während sich eine kleine Zahl von Menschen, die der herrschenden Familie nahe standen, bereichern konnte. Der Staat funktionierte in der Verbindung von politischer und krimineller Mafia.

Massenhafte Verdummung

Wie konnte es überhaupt zu einer solchen Massenverdummung kommen, zu einer so massiven Unterstützung eines ganz falschen Projektes, dessen Resultat die Zerstörung der anderen wie auch des eigenen Landes war, dazu Hunderttausende von Toten und Geflüchteten und die vollständige Isolierung Serbiens? Zweifelsohne haben zur Illusion von Großserbien angesehene Akademiemitglieder, berühmte Schriftsteller, die Kirche, aber auch eine stattliche Anzahl von ehemaligen Kommunisten und Internationalisten beigetragen, die über Nacht zu Gläubigen und Nationalisten wurden. Es gibt eine große Verantwortung der Intellektuellen für das Entstehen falscher Mythen - wie für die Vorstellung von den Serben als "Himmelsvolk", für die Entwicklung des patriarchalischen, xenophoben Bewusstseins, eines pathetischen, verlogenen Patriotismus in Verbindung mit Theorien über das angeblich älteste Volk. Auch nach dem 5. Oktober gibt es noch genügend Menschen, die nur enttäuscht sind, weil Milosevic seine Versprechungen nicht eingelöst hat, und die in dem Irrtum verharren, sein Projekt könne immer noch verwirklicht werden.

Deshalb denke ich, dass der Abtritt von Slobodan Milose nicht ausreicht, um wesentliche Veränderungen zu bewirken. Dafür ist es vielmehr notwendig, das "Kulturmodell" zu ändern, die Denkart, und das ist keinesfalls einfach. Die Kulturmodelle werden vom gesamtgesellschaftlichen Klima geprägt, von der geistigen und materiellen Sphäre, vom politischen, historischen und wissenschaftlichen Denken, von der Literatur und der Kunst. Also von dem, was das zivilisatorische und historische Niveau einer Gesellschaft bestimmt. Der Volksaufstand vom 5. Oktober - nennen wir ihn einfach so - hat nur die Möglichkeit dazu eröffnet, diese Veränderungen auf den Weg zu bringen. Umgesetzt hat er sie noch nicht. Vojislav Kostunica, der neue Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien, ist nach eigenen Worten "Demokrat und Nationalist". Es gibt keinen Anlass, an seiner Ehrenhaftigkeit zu zweifeln und an seinem Wunsch, dass Serbien ein freier, demokratischer Staat wird. Aber es ist fraglich, ob und in welchem Maße der Nationalismus der Demokratie nutzen kann.

Oden an den Führer

Auf dem Balkan verwandelt sich jeder Nationalismus sehr schnell in Leidenschaft, in einen Hass auf alle anderen, in Chauvinismus. Zu Milosevics Zeit haben unsere "demokratischen Nationalisten" die These vertreten, dass es wichtig sei, zunächst die nationalen Probleme zu lösen, danach werde man schon eine Demokratisierung erreichen. Aber eine derart falsche Prioritätensetzung hat viele Intellektuelle in das gefährliche Fahrwasser von Rassismus, Faschismus und Xenophobie gebracht.

Wenn der Übergang in die Demokratie gelingen soll, muss der Ernüchterung das Gespräch über die Schuldfrage folgen und die selbstkritische Überprüfung der persönlichen Verantwortung: der regimetreuen, gehorsamen Journalisten, der Schriftsteller, die Oden an den Führer schrieben, der Politiker, die ihr Volk betrogen. Über die manipulierte Heimatliebe muss genauso debattiert werden wie über alle tragischen Fehler der jüngsten Vergangenheit. Wir leben in Zeiten tiefster moralischer Konfusion. Wenn wir aus der Sackgasse herauskommen wollen, dann muss sich jeder Bürger Serbiens fragen, wo er stand und was er in den Jahren des Milosevic-Regimes getan hat. Diesen Katharsis-Prozess kann man von außen nicht erzwingen. Denazifizierung, De-Ideologisierung und Katharsis müssen von innen heraus kommen, aus dem Wissen um die Größe des geschaffenen Bösen. Stattdessen häuten sich viele Intellektuelle und Politiker wie Schlangen. Sie bekunden den neuen Machthabern ihre Loyalität, so wie sie es gegenüber den alten taten: mit Liebedienerei und übertriebener Ehrerbietung.

Die stürmischen Oktoberereignisse in Serbien haben eine Atmosphäre geschaffen, in der die Überlebensfragen des Staates und des Volkes gestellt werden können und müssen. Bald wird sich zeigen, ob es in diesem Land mit seiner beinahe vollständig zerstörten Infrastruktur und seinen mächtigen kriminellen Clans, die den Großteil der grauen Ökonomie und der Politik beherrschen, hinreichend Kraft für eine wahrhaftige Demokratisierung der Gesellschaft gibt.

Falls wir nicht im Stande sind, Erkenntnisse aus den Jahren des Milosevic-Regimes zu ziehen und falls wir als Gesellschaft nicht genügend moralische Standhaftigkeit finden, um den neuen Versuchungen zu widerstehen, dann gibt es wenig Hoffnung. Dann wird die Geschichte nur wiederholt, und wir würden statt in die Zukunft wieder in die Vergangenheit zurückkehren, mit einem alten oder einem neuen Milosevic oder einem seiner Klone. Aber dieses Mal in der Gewissheit einer vollständigen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Auflösung der serbischen Gesellschaft in die moralische Misere und die geistige Apokalypse.

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