Kulturpolitik : Ein Euro Förderung - vier Euro Einnahmen

Sachsen hat die Kunst als Wirtschaftsfaktor entdeckt - und füttert die Semperoper, Staatsschauspiel und Landesbühnen mit höheren Zuschüssen.

Jörg Schurig[dpa]
Semperoper
Die Semperoper in der sächsischen Landeshauptstadt soll für Touristen noch attraktiver werden. -Foto: ddp

DresdenÜber Kunst reden die Sachsen gern und breit. So, als wären sie die eigentlichen Erfinder der Musen. Zumindest seit der Barockzeit nehmen sie kulturelle Leistungen für sich in Anspruch. Als Urvater des Kunstvollen gilt der musen- und sinnesfreudige August der Starke (1670-1733). Mit prächtigen Sammlungen und Bauwerken legte der Herrscher den Grundstein dafür, dass die Residenzstadt Dresden heute neben Berlin der wichtigste Touristenmagnet im Osten ist.

Wenn Landesvater Georg Milbradt (CDU) derzeit über Kunst spricht, entspannen sich seine Gesichtszüge merklich. Korruptionsvorwürfe und die Krise um die Landesbank haben Schatten auf das Land geworfen. Deshalb nutzt der Regierungschef jede Chance, Sachsens kulturellen Glanz ins Blickfeld zu rücken. Die Staatstheater schickt er mit einer frohen Botschaft in die neue Saison. Erstmals seit langem steigen die Zuschüsse für Semperoper, Staatsschauspiel und Landesbühnen.

Semperoper: Erstklassige Musiker, erstklassige Sänger

"Ganz wichtig für mich ist, dass wir die Semperoper jetzt in ruhigere Fahrwasser gebracht haben", sagte Milbradt unlängst und klopfte sich selber auf die Schulter. Auf seine Initiative hin sei der Gästeetat von 9,8 Millionen auf 11,9 Millionen Euro erhöht worden: Es sei richtig, neben erstklassigen Musikern auch erstklassige Sänger zu haben. Nur in dieser Konstellation könne die Oper ihre Funktion im deutschen und europäischen Kulturraum ausfüllen.

Dass diese Einsicht bis in die Staatskanzlei vordrang, ist einem Zahlenwerk zu verdanken. Noch im Vorjahr hatte die Regierung dem kulturellen Aushängeschild Sachsens ein Sparkonzert verordnet. Damals saß die Semperoper auf einem Schuldenberg von mehreren Millionen Euro. Laut Intendant Gerd Uecker waren allein die Personalkosten im Zeitraum von 1997 bis 2005 um rund 6 Millionen Euro geklettert - eine Folge der Tarifsteigerungen, die auch das Land abgesegnet hatte.

Kunst als Wirtschaftsfaktor

Jan Nast - Direktor der Staatskapelle - machte wiederholt auf negative Folgen eines zeitweiligen Einstellungsstopps aufmerksam. Uecker forderte ein klares Bekenntnis: "Man kann auch für 10 oder 20 Millionen Euro jährlich Oper machen. Allerdings treten dort keine international begehrten Stars auf." Im Mai sah Milbradt schwarz auf weiß, dass Kunst nicht nur Geld kostet. In einer Studie erwies sich die Oper als ein erheblicher Wirtschaftsfaktor.

Dies macht die geänderte Tonlage erklärbar. Kunstministerin Eva- Maria Stange (SPD) spricht vom "Paradigmenwechsel". Anders könne die Semperoper "in der ersten Liga auch nicht mitspielen". Stange räumt ein, dass die Studie eine gute Argumentationshilfe war. Dass die Oper bei 1 Euro Zuschuss fast 4 Euro für Hotels, Gastronomie und Handel einspielt, dürfte das Finanzministerium schwer beeindruckt haben. Gute Steuereinnahmen erleichtern zudem das Geldausgeben.

Land Sachsen finanziert die Tarifsteigerungen

Ab 2008 bekommt das Staatsschauspiel erstmals seit Jahren die zusätzlichen Kosten der Tarifsteigerungen wieder vom Land finanziert. Es gehe um die "Reparatur eines Zustandes, der so nicht in Ordnung war", sagt Intendant Holk Freytag. Sein Nachfolger Wilfried Schulz darf von 2009 an auch mehr Geld für die künstlerischen Belange ausgeben. Für diesen Bereich fließen dann zusätzlich 1,4 Millionen Euro pro Jahr in die Theaterkasse.

Dabei musste Sachsen schon zuvor den Vergleich nicht scheuen. Nach Angaben des Deutschen Kulturrates gab der Freistaat 2004 - aktuellere Zahlen gibt es nicht - mit 156,30 Euro pro Einwohner bundesweit das meiste Geld für die Musen aus. Vielerorts wird dabei gespart. Thüringen und Sachsen-Anhalt beispielsweise wollen die Mittel künftig absenken. Die Sachsen scheinen hier ein Vorbild. Dabei wissen sie die Berliner an ihrer Seite. Auch die sind im Jahr 2008 kulturell spendabler.

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