Kulturpolitik : Gespräch mit der Welt

Was auswärtige Kulturpolitik im nächsten Jahrzehnt leisten muss / Von Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts.

Globalisierung und Modernisierung haben nicht zur Verwirklichung einer einheitlicheren Welt geführt. Sie ist im Gegenteil wieder stärker segmentiert worden, und die Finanz- und Wirtschaftskrise hat diese Tendenz noch verstärkt. Diese Entwicklung ist kein vorübergehendes Phänomen. Der globale Wettbewerb hat inzwischen eine veränderte Beteiligung der Macht- und Einflusssphären geschaffen: Schwellenländer wie China, Indien und andere asiatische Länder werden daher in der kommenden Dekade eine deutlich wahrnehmbare Rolle spielen, mit Konsequenzen für den Westen. Asien wird eine wachsende Bedeutung in der Hierarchie der Finanzzentren spielen, Hongkong oder Schanghai werden London ablösen.

Die wirtschaftliche Dynamik dieser Länder, vergleichbar mit der industriellen Revolution der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa, hat auch zu einer gesellschaftlichen Dynamik geführt. Eine Steuerung von oben ist immer weniger möglich, der politische Druck wächst. Friktionen und Turbulenzen und Migrationsströme sind die Folge.

Viele dieser Staaten sind Länder mit einer jungen Bevölkerung. Die Jugend reklamiert zunehmend eine selbst bestimmte Berufs- und Partnerwahl für sich, viele sind mit dem Internet vertraut. Familien- und Clanbindungen lösen sich aufgrund der wachsenden Mobilität der jungen Leute auf.

Es ist utopisch zu glauben, weltumspannende Steuerungssysteme können hier die Lösung bringen, wenn nicht einmal in der jeweiligen Gesellschaft das nötige Vertrauen vorhanden ist. Die Klimakonferenz in Kopenhagen war hierfür ein schlagendes Beispiel. Unsere Chancen liegen weniger in globalen Erklärungsmodellen als in lokalen oder regionalen Verknüpfungen und analogen Übersetzungen.

Betrachtet man die Ursachen für die erfolgreiche Entwicklung Europas in den letzten 500 Jahren, so wird man sehr schnell zu folgenden Komponenten kommen: Natürlich ist es zum einen die Ökonomie, die sich im kapitalistischen Unternehmergeist und in der Ausprägung der Konsumgesellschaft zeigt, basierend auf den entsprechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dazu gehören weiterhin ein Rechts- und Politiksystem auf Grundlage privater Eigentumsrechte und individueller Freiheit und eine spezifische kulturelle und künstlerische Ausprägung.

Die Schwellenländer haben vom Westen inzwischen den Unternehmergeist und auch die naturwissenschaftlich-technischen Methoden übernommen. Der notwendige gesellschaftliche Veränderungsprozess, der sich als Folge des wirtschaftlichen Umbaus unmittelbar ergibt, wird dagegen nicht oder nur sehr zögerlich vollzogen. Er dokumentiert sich eher in Verboten denn in Reformen, eher im Verschweigen denn in öffentlichen Diskursen. Menschliches Zusammenleben ist aber in erster Linie eine kulturelle Leistung.

Damit sind wir bei der spannendsten Frage der neuen Dekade: Wird man sich auf kulturelle Entwicklungen einlassen, sich öffnen oder kooperieren, hat die westliche Auffassung der Aufklärung eine Chance, mit individueller Freiheit und Gewaltenteilung, oder kommt es zu einer Radikalisierung aufgrund einseitiger Modernisierung und orthodoxer Erstarrung?

Es muss ein Weg gefunden werden, der ein kritisches, fantasievolles Gespräch mit und in der Welt ermöglicht, der weder dem Universalismus noch dem Kulturrelativismus huldigt, der unsere starren Klischees hinterfragt und der sich glaubwürdig bemüht, die Kultur des anderen zu verstehen. Ohne einen solchen Kulturdialog kommen wir nicht aus. Auch wenn ein solcher Kulturdialog den Erfolg nicht garantiert, ohne ihn geht es auf keinen Fall. Er ermöglicht die Entwicklung von Alternativen statt der Fixierung auf Konflikte, er ermöglicht Prozess statt Stillstand, und er macht genügend selbstkritisch durch die Kenntnis des anderen.

Kulturdialog funktioniert nicht wie der Sport. Da gibt es feste Regeln, denen sich jeder unterwirft, einen Schiedsrichter, der das faire Spiel garantiert. Kulturdialog ist komplexer. Er verbindet Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit, er sieht in der Vielfalt der Kulturen einen Reichtum der Ausdrucksformen, der durch den Austausch von Erkenntnissen und Erfahrungen gegenseitig Gewinn bringen kann. Deshalb ist er weder geeignet für den Wettbewerb der Systeme noch für eine Instrumentalisierung im Dienst der Hegemonie. Verbindlich und nicht verhandelbar ist die Errungenschaft der Menschenrechtskonventionen.

Ralf Dahrendorf hat 1970 Leitsätze für die Auswärtige Kulturpolitik formuliert, denen sich Deutschland auch in der Dekade von 2010 bis 2020 verpflichtet fühlen sollte: „Was wir geben, ist nur so viel wert wie unsere Bereitschaft zu nehmen. Offenheit für andere ist daher ein Prinzip unserer Auswärtigen Kulturpolitik.“

Damit wird exakt beschrieben, wie das Goethe-Institut seine Position heute ausfüllt: Es steht nicht für Kulturexport und „Nation Branding“, sondern für ein aktuelles vielfältiges Deutschlandbild, für öffentlichen Diskurs, für Reflexion, also für Grundwerte. Nicht die Wissensgemeinschaft, sondern die Lerngemeinschaft ist die Struktur für die Auswärtige Kulturpolitik Deutschlands. Nicht die globalisierbare Kulturmacht, sondern Kulturbegegnungen und geeignete Vernetzungen geben Zukunftschancen. Das ist viel Kleinarbeit, das sind die Mühen der Ebenen, aber genau das ist die glaubwürdige Auswärtige Kulturpolitik für die neue Dekade.

Unter dem Eindruck der veränderten Bedingungen in der Welt hat sich das Goethe-Institut in all seinen Gliederungen einem Reformprozess unterzogen, der sich in drei Begriffen fassen lässt: Innovation, Interaktion, Inspiration. Die Innovation kommt von der Peripherie, die Goethe-Institute in der Welt – davon gibt es rund 140 Einrichtungen – gewinnen ihre Unverwechselbarkeit und Wirkung aus der lokalen Kenntnis und Erfahrung. Die Interaktion ist die Leistung der Regionen, die durch Übertragung der finanziellen und inhaltlichen Verantwortung eigenständig für die Vernetzung sorgen und damit Sichtbarkeit und Nachhaltigkeit der Programmarbeit sichern. Das Netz gewinnt eine eigene Qualität. Die Inspiration ist die Leistung der Zentrale, die durch Service, Evaluation und Identifizierung der besten Entwicklungen die Kreativität der deutschen Kulturszene in den Kreislauf zurückspielt und für kreative Partnerschaften sorgt.

Die Basis für die Auswärtige Kulturpolitik aber ist ihre Akzeptanz im eigenen Land. Die Deutschen müssen begreifen: Innen und Außen sind keine getrennten Welten mehr. Mit neuen Beziehungsmustern müssen Verständnis und Kompetenz für die Welt entwickelt werden. Ein Exportland wie Deutschland verkauft nicht nur Maschinen, sondern vermittelt auch ein Bild von sich, von seinen Lebensorten und seinem Lebensgefühl.

Und Deutschland ist inzwischen ein Einwanderungsland geworden. Hier muss die Integrationsfähigkeit noch verbessert werden. Das Goethe-Institut wird ab 2010 verstärkt seine gesellschaftspolitische Rolle im Sprachbereich wahrnehmen, bei vorintegrativen Initiativen, bei frühkindlicher Erziehung, bei zertifizierten Integrationskursen, bei der Ausbildung von Lehrern in Deutsch als Fremdsprache. Deutsch ist der Schlüssel zur Integration. Es gibt inzwischen längst Schriftsteller, Musiker, Filmemacher und Künstler nichtdeutscher Herkunft, die sich ganz selbstverständlich als Teil der deutschen Kultur betrachten. Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt wird das Goethe-Institut mit anderen Kulturmittlern 2010 als Jahr der deutschen Sprache gestalten.

Im Frühjahr 2010 wird das Goethe-Institut seine neuen europastrategischen Leitlinien öffentlich machen. Zu einem Schlüsselthema wird dabei „Nachbarschaften“, das mit einer Konferenz im Mai vorgestellt wird und sich mit Chancen und Handlungsoptionen zur unmittelbaren Nachbarschaft und zur Nachbarschaft Europas befasst. Ohne Nahkompetenz gibt es keine glaubhafte Fernkompetenz. Mit dem Vertrag von Lissabon wird der europäischen Außenpolitik eine neue Bedeutung zugebilligt.

Dies muss auch für die europäische Kultur- und Bildungspolitik gelten. Ferner muss in der kommenden Dekade in der Sprachpolitik eine klare Weichenstellung für zwei Fremdsprachen in den europäischen Schulen erreicht werden. Das Englische ist als Lingua franca in Europa weit verbreitet. Deshalb ist die Verpflichtung für eine zweite Fremdsprache eine Existenzfrage für die deutsche Sprache, aber auch eine wichtige Voraussetzung für ein dialogfähiges Europa. Europa ist ein Kontinent der Übersetzungen, und das Goethe-Institut ist ein wichtiger Akteur der europäischen Sprachenpolitik.

Die deutsche Sprache ist in den letzten beiden Jahren durch das Schwerpunktprogramm des Auswärtigen Amtes, „PASCH“ – Schulen, Partner für die Zukunft –, weltweit wieder auf Erfolgskurs. Bei dieser Sprachoffensive richtet das Goethe-Institut deutsche Sprachabteilungen in 500 einheimischen Schulsystemen ein, in denen Deutsch bis zur Hochschulreife vermittelt wird. Gemeinsam mit den deutschen Auslandsschulen werden 2010 über 1500 Schulen in der Welt Deutsch mit dieser Qualität anbieten. Zusätzlich gründet das Goethe-Institut eigene Sprachlernzentren, insbesondere in China, Indien und Afrika. Die neue Dekade wird also mit einer neuen Sprachdynamik aufwarten. Eine gelungene Sprachpolitik Deutsch ist das beste Konjunkturprogramm für Deutschland.

Einen wichtigen Ansatz für die auswärtige Kulturpolitik bietet künftig das Infrastrukturprogramm „Kultur und Entwicklung“. Hier geht es darum, besonders in Entwicklungsländern und Schwellenländern, eine Kulturinfrastruktur zu schaffen, mit der vorhandenes kreatives Potential erschlossen und nachhaltig gesichert werden kann. Das Goethe-Institut vermittelt die Experten, formuliert Planungsvorhaben und betreut gemeinsam mit den Partnern die Umsetzung. Es kann der Aufbau von Theater-, Museums- oder Bibliotheksstrukturen sein, die Ausbildung von Filmemachern, Kulturmanagern, Verlegern oder Journalisten. Mit einer solchen Professionalisierung werden stabile Partnerschaften erreicht und zukunftsfähige Beziehungen auch in der Programmarbeit ermöglicht.

Ein große Aufgabe übernimmt das Goethe-Institut auch mit der Konzeption und Projektleitung der Deutschlandjahre. Als gleichberechtigter Partner des Auswärtigen Amtes sorgt es für einen partnerschaftlichen Auftritt in den jeweiligen Ländern mit Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft. 2010 ist Vietnam an der Reihe, 2011/2012 Indien. Mit dem Thema „Stadträume“ wird für Indien eine zentrale Frage in den Mittelpunkt gestellt.

Die Aktivitäten zeigen, dass je nach der Struktur der Länder und Orte, je nach vorhandenen Potentialen und Erwartungen, unterschiedliche Strategien und Vorgehensweisen gewählt werden. Es mag manchmal leichter sein, Ziele oder Visionen zu definieren als die Wege dorthin. Aber auf die Wege kommt es an – das ist unser Mandat.

Eines gilt für alle Goethe-Institute in der Welt gleichermaßen: Sie müssen Frei- und Dialogräume für die Menschen sein, die zu ihnen kommen.

Klaus-Dieter Lehmann, geb. 1940, ist seit April 2008 Präsident des Goethe-Instituts. Davor war er Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar