Kulturpolitik : Land ohne Meistererzählung

Endlich post-national: Ein Berliner Symposium umkreist die Frage, was deutsche "Nationalkultur“ sein kann. Außenminister Frank-Walter Steinmeier etwa spricht von der "dritten Säule der Außenpolitik".

Bernhard Schulz
Altes Museum
Blick in die Rotunde des Alten Museums von Schinkel. -Foto: ddp

Was ein „eingewandertes Wort“ sei und worin es sich von uralten Lehnworten unterscheidet, war der betreffenden Jury selbst nicht ganz klar, die ausgerechnet den aus dem Griechischen stammenden „Engel“ neben der vergleichsweise neudeutschen „Currywurst“ platzierte. Aber dass die Kür zum „besten Wort mit Migrationshintergrund“ im Rahmen des dreitägigen Kongresses „Wiedervorlage Nationalkultur“ stattfand, den das Goethe-Institut mit den Staatlichen Museen in Berlin veranstalteten, belegt, wie undeutlich der Gehalt der „Nationalkultur“ zumindest an seinen sprachlichen Rändern ist.

„Wiedervorlage“ ist ein hintersinniger Begriff. „Manche missverstehen ,Wiedervorlage‘ denn auch als ,weiter verschieben‘“, begann Außenminister Frank-Walter Steinmeier seinen gehaltvollen Eröffnungsvortrag: „Aber Wiedervorlage meint natürlich: Man möchte, will und muss sich dieser Frage wieder widmen.“ Zumindest will es der frischgebackene Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann, der mit diesem Symposium ein deutliches Signal zu Beginn seiner Amtszeit setzt. Dass er als Veranstaltungsort die Museumsinsel wählte, die Perle der neun Jahre von ihm geleiteten Stiftung Preußischer Kulturbesitz, macht den Wunsch nach enger Verzahnung des Goethe-Instituts mit den Schätzen dieser Quasi-Nationalstiftung deutlich.

Da trifft es sich bestens, dass Steinmeier den von ihm konsequent verfochtenen Kurswechsel hin zur Betonung der Auswärtigen Kulturpolitik – sie galt seinem Vorgänger Joschka Fischer nicht viel – ein weiteres Mal bekräftigte. Die „dritte Säule der Außenpolitik“ sei „vielleicht das eigentliche Fundament unserer Beziehungen zur Welt“. Vielleicht noch kein Paradigmenwechsel, aber doch eine Akzentverschiebung hat stattgefunden.

Da nun sollte das Symposium „Wiedervorlage: Nationalkultur“ grundsätzliche Einsichten liefern, die die Auswärtige Kulturpolitik in Alltagshandeln umzusetzen vermag. Schließlich, so Steinmeier, könnten wir „nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass europäische Philosophie, Zivilisation und Haltung in allen Regionen der Welt als Ziel eigener gesellschaftlicher Entwicklungsperspektive gesehen“ würden: „Wir werden mehr, sehr viel mehr tun müssen, um uns verständlich zu machen.“

Es war ein Glück, aber vielleicht auch ein Fehler, als Eröffnungsrednerin neben dem Außenminister die junge türkischstämmige Journalisten Mely Kiyak aufzubieten, die in einem bewegendenVortrag über ihre Annäherung an die deutsche Kultur sprach und „erstaunt“ feststellte: „Wir Menschen mit Migrationshintergrund kommen in der Aufnahmekultur nicht vor!“ Ein Fehler deshalb, weil die Tagung fortan stark von der Frage des Verhältnisses zu den Kulturen von Migranten geprägt wurde, ohne dass auch nur im Ansatz umrissen wurde, was denn unter „Nationalkultur“ begriffen werde.

Dabei hatte Mely Kiyak doch Mut machen wollen: „Im Gegensatz zu den ,deutschstämmigen‘ Deutschen habe ich keine Angst vor Worten wie Nation, Kultur, Deutsch. In meinen Ohren klingt ,Nationalkultur‘ gut, opulent, angefüllt mit vielem, das mir gefällt, mit Goethe, Schiller oder Heine.“ Ein solch emphatisches Bekenntnis zur kulturellen Selbstvergewisserung war aus „deutschstämmigem“ Munde nicht zu hören.

Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel plädierte vehement für eine „Kultur der Mehrsprachigkeit“, blieb aber eine Erläuterung schuldig, wie im babylonischen Sprachgewirr Verständigung möglich sein kann, deren Mangel zuvor der Dominanz des Deutschen unterstellt wird. Weigel prägte stattdessen die Leerformel, man müsse „die eigene Fremdheit als Chance sehen, damit die andere Fremdheit auch als Chance gesehen werden“ könne. Denn: „Wir sind keine homogene Nationalkultur.“

Das hat auch niemand behauptet, es wäre blanker Unsinn. Jede Kultur gliedert sich bei näherer Betrachtung in Teilkulturen sozialer, regionaler, religiöser und in einem Einwanderungsland eben auch ethnischer Ausrichtung. Wie hilfreich wäre ein Blick auf die Unterschiede allein schon von Nachbarn wie Bayern und Franken gewesen, um eine Vielfalt zu entdecken, die gleichwohl der überwölbenden, als „deutsch“ zu bezeichnenden Nationalkultur nicht enträt. Nur weist der Begriff „Nationalkultur“ auf einen Schatz kultureller Hervorbringungen und Errungenschaften, den alle Angehörigen einer Nation miteinander teilen.

Doch die Nationalkultur, deren Vorhandensein von – allzu zahlreich aufgebotenen – Soziologen und Politologen achselzuckend konstatiert wurde, blieb ohne nähere, gar positive Beschreibung. Heftig als Überbleibsel des reaktionären deutschen Idealismus befehdet wurde hingegen die „Kulturnation“. Der Hamburger Soziologe Ulrich Bielefeld disqualifizierte sie im gestrigen Schlussvortrag des Kongresses als „behauptete Vergemeinschaftung“, ja als Intellektuellen-Kultur, die überhaupt erst erlernt werden muss, um anschließend einen Anspruch auf eigene Staatlichkeit zu legitimieren. Bielefelds Bild eines post-souveränen Nationalstaats enthielt zwar Kulturförderung, aber nur noch nach Gesichtspunkten der Marktregulierung und -durchsetzung.

Einen Bildungskanon zu skizzieren, wäre wohl keinem Kongressredner in den Sinn gekommen. Plakat und Broschüre zum Symposium zierte eine Schiller-Statue, abgestellt im Museumsdepot neben einem Feuerlöscher. Für derlei pseudo- kritischen Umgang mit der Vergangenheit ist das Institut seit jeher bekannt, das den Namen Goethes trägt, ohne sich groß um dessen Erbe zu kümmern. Jedenfalls nicht im Sinne des Namenspatrons: „Was du ererbt von deinen Vätern hast/ erwirb es, um es zu besitzen.“ Vom Kulturerwerb zu sprechen, hätte bedeutet, eine Vorstellung von wünschenswertem Kultur-„Besitz“ zu entwickeln. Die Mehrzahl der Redner erwies sich stattdessen als politisch korrekte Post-Nationale, so dass der Essener Politologe Claus Leggewie feststellen konnte, „die deutsche Nationalkultur hat keine sprengende Wirkung mehr“.

Der Deutsch-Amerikaner Konrad Jarausch, Historiker in Potsdam, konstatierte nüchtern, Deutschland habe keine „historische Meistererzählung“ mehr, wie andere Nationen sie ganz selbstverständlich besitzen. In Westdeutschland habe es eine „Holocaustisierung“ des Geschichtsverständnisses gegeben. Und Deutsche erkenne man immer daran, dass sie unbedingt Europäer sein wollten.

Die Runde zum „Wandel unserer Geschichtswahrnehmung“ fand immerhin in Schinkels Friedrichwerderscher Kirche statt, einem Monument der Besinnung auf das nationale Erbe, wie sie das 19. Jahrhundert von den napoleonischen Befreiungskriegen bis zur nationalborussischen Geschichtsschreibung des Wilhelminismus kennzeichnet. Vom Erbe war anderentags in der Runde über Nationalmuseen die Rede, deren Berechtigung ausgerechnet von Museumsleuten wie dem Münchner Reinhold Baumstark vehement bestritten wurde: „Unser Erbe ist ein europäisches, ist ein Welterbe!“ Es gebe keine „deutsche Nationalkultur, es gibt eine Kultur in Deutschland“. Indes zeigten die am Abend angebotenen Führungen, dass sich die Häuser der Museumsinsel erst unter den Aspekten von Nationalbewusstsein und Nationalstolz in ihrem ursprünglichen Sinn erschließen.

„Ich habe keine Schwierigkeiten, Deutschland trotz seiner Historie zu lieben und stolz darauf zu sein“, hatte Mely Kiyak einem erstaunten Publikum am Eröffnungsabend zugerufen. Sigrid Weigel setzt mit Blick auf die EU-Bürokratie andere Prioritäten: „Wenn kein Parmaschinken mehr produziert werden kann und kein Prosecco, geht’s ans Eingemachte!“

Merkwürdig nur – und ermutigend –, dass den meisten Menschen ein bloß materielles Wohlsein auf Dauer nicht genügt. Da kommt die Kultur ins Spiel, auf deren Teilhabe Mely Kiyak namens aller Migranten mit vollem Recht besteht. Nicht irgendeine Kultur, sondern die ihres Landes: seine Nationalkultur.

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