Kulturpolitik : Neue Mitte, alte Schätze

Das Erbe bewahren: Heute vor 50 Jahren wurde die Stiftung Preußischer Kulturbesitz errichtet. Wie keine andere Kulturinstitution prägte sie das Stadtbild Berlins.

Bernhard Schulz
Preußischer Kulturbesitz
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ermöglichte unter anderem die Grundsanierung des Bode-Museums. -Foto: ddp

BerlinDie Stiftung Preußischer Kulturbesitz spielt an ihrem Sitz Berlin eine herausragende Rolle. Museumsinsel, Staatsbibliothek, demnächst Humboldt-Forum: Gewaltige öffentliche Bauaufgaben in der Bundeshauptstadt werden von der Stiftung durchgeführt. Beinahe alleiniger Finanzier der größten deutschen Kulturinstitution ist der Bund, der im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit längst an die Stelle des namensgebenden Preußen getreten ist. Und doch war die Rolle der Stiftung im Kulturleben Berlins bei ihrer gesetzlichen Begründung, heute vor 50 Jahren, kaum zu erahnen.

Als der Alliierte Kontrollrat am 25. Februar 1947 das Land Preußen als "Hort des Militarismus" auflöste, lag das Land in Trümmern. Die beweglichen Kulturschätze der Museen, Archive und Schlösser waren verstreut. Was die Rote Armee in ihrem Besatzungsgebiet aufspürte, verbrachte sie in großem Umfang in die Sowjetunion. Doch auch in den westlichen Besatzungszonen richteten sich die 1945/46 neu gegründeten Länder darauf ein, gemäß Kontrollratsgesetz Nr. 46 ihren durch den Lauf der Geschichte zugefallenen Besitz zu behalten.

Es dauerte bis zum Jahr 1957, ehe ein Bundesgesetz die einheitliche Bewahrung des ehemals preußischen Besitzes im Westen Deutschlands regelte – und weitere fünf Jahre erbitterten Streits vor dem Bundesverfassungsgericht, ehe die Rechtmäßigkeit dieses Gesetzes gegen den Widerspruch bislang begünstigter Länder festgestellt war. So ist der 50. Jahrestag des Bundestagsbeschlusses über das Gesetz zur Errichtung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) am heutigen Mittwoch eher kalendarischer Natur. Gefeiert wird das Jubiläum im Herbst, wenn die Politik wieder vollzählig versammelt ist.

Der SPK übertrug das Gesetz die Aufgabe, den ehemals preußischen Kulturbesitz "bis zu einer Neuregelung nach der Wiedervereinigung zu bewahren, zu pflegen und zu ergänzen". Diese bereits von den Alliierten skizzierte Regelung wich also bewusst von dem ansonsten beherzigten Prinzip ab, den jeweiligen Standort zum Rechtsnachfolger preußischen Eigentums zu machen. Davon ausgenommen wurden ausdrücklich die bedeutenden, ehedem preußischen Kasseler Kunstsammlungen: Sie gingen auf das Land Hessen über.

Kunstreichtum sollte treuhänderisch gewahrt bleiben

Für die Kunstschätze, die auf der Berliner Museumsinsel gehütet wurden und durch Auslagerung während des Krieges in den Westen gelangt waren, konnte dieses Prinzip sinnvollerweise nicht gelten, ebenso wenig für Besitztümer aus anderen preußischen Einrichtungen in der nachmaligen DDR. Der Zusammenhang des von Preußen – auch stellvertretend für das ganze Deutsche Reich, von dessen Fläche Preußen nicht weniger als zwei Drittel ausmachte – zusammengetragenen Kunstreichtums sollte treuhänderisch gewahrt bleiben, eben bis zum Tag X der Wiedervereinigung.

So geschah es auch in den Jahrzehnten zwischen 1962 und 1989. Die Bestände wurden sukzessive nach West-Berlin überführt und fanden hier nach und nach angemessene Behausungen wie in der 1978 eröffneten Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße. Längst erweiterten Neuerwerbungen den Bestand, am kontinuierlichsten bei der unaufhörlich wachsenden Bibliothek. Der Begriff der Treuhänderschaft weitete sich, das Gewicht verlagerte sich auf die Ergänzung der kriegsdezimierten Bestände. Ohne dass es in aller Konsequenz bemerkt wurde, wuchs die Stiftung in die Rolle einer bundesdeutschen Nationalstiftung hinein.

Wohl aus Sorge um alliierte Vorbehalte versagte sich die Stiftung, gänzlich neue Arbeitsfelder zu erschließen. Das seit 1981 diskutierte Geschichtsmuseum etwa trat als eigenständiges Deutsches Historisches Museum auf den Plan, ohne unter dem Dach der SPK einen wohlbehüteten Anfang zu nehmen. International behindert wurde die Arbeit der Stiftungsmuseen durch den beharrlichen Anspruch der DDR auf die vor Kriegsende auf dem Gebiet des nachmaligen Ost-Berlin bewahrten Schätze.

Erstaunlicherweise ist das Provisorium der treuhänderischen Verwaltung auch nach 1990 nicht wirklich neu geregelt worden. Vielmehr hat der Einigungsvertrag, jenes beinahe in Vergessenheit geratene, juristisch jedoch weiterhin gültige Strickmuster der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, den seinerzeitigen Zustand festgeschrieben, namentlich Berlin als Sitzort der Preußenschätze. Auch spricht der Einigungsvertrag in Artikel 35 von "vorläufiger Trägerschaft" und "künftiger Regelung". Durch den Beitritt der fünf neuen Bundesländer zur – seit 1975 von allen westdeutschen Ländern gemeinsam mit dem Bund getragenen – Stiftung ist die Regelung jedoch faktisch eine dauerhafte geworden. Der Beitritt aller 16 Länder unterstreicht den gesamtdeutschen Charakter der Stiftung ebenso, wie er den föderalen Gedanken bewahrt. Dessen Verteidigung ließ die Länder eine alleinige Übernahme durch den Bund stets ablehnen.

Der Bund darf zahlen

Zahlen darf der Bund indessen schon. Er tut es mittlerweile nahezu allein. Die milliardenschweren Aufwendungen für die Sanierung der zuvor in Ost-Berlin gelegenen Museumsinsel und der alten Staatsbibliothek kommen allein aus dem Bundeshaushalt, vom künftigen, unlängst vom Bundeskabinett formell beschlossenen Humboldt-Forum (480 Millionen Euro) zu schweigen. Auch von den rund 155 Millionen Euro des jährlichen Betriebshaushalts steuert der Bund drei Viertel der Staatsgelder von 133 Millionen Euro bei (22 Millionen entstammen Eigeneinnahmen und Drittmitteln).

Seit der Wiedervereinigung, bei der die Museen und Staatsbibliotheken aus Ost und West die heroischen Vorreiter bildeten, hat die Stiftung beträchtlich an Dynamik gewonnen. Die Treuhänderschaft hat sich in den Auftrag zur Zukunftsgestaltung verwandelt – so, wie die Staatlichen Museen und die Staatsbibliothek seit jeher agierten. Denn die Geschichte der preußischen Sammlungen ist eine der Expansion und Spezialisierung, bezeichnend für den Nachzügler der europäischen Staatenbildung, den Preußen und das von ihm geschaffene Deutsche Reich darstellen. Erst im Bismarck-Reich nahmen die Museen jene Fahrt auf, die sie zu den weltgrößten Museen in London, Paris oder St.Petersburg aufschließen, ja diese an wissenschaftlicher Organisation und Durchdringung übertreffen ließen. Dieses geistige Erbe, das auf Humboldt zurückgehende Bildungsethos, muss wieder stärker in den Blick rücken, als es in den letzten Jahren mit ihren dramatischen Weichenstellungen zur Rettung der Bauten möglich war. Das Humboldt-Forum in seiner Verzahnung mit der universitären Forschung weist in diese Richtung.

Mit ihren Bauten nimmt die Stiftung seit den sechziger Jahren einen wichtigen Platz in der West-Berliner Stadtplanung ein. Die Entscheidung für den Ausbau der außereuropäischen Sammlungen in Dahlem ging noch auf die kaiserzeitliche Ausrichtung auf einen neuen Forschungscampus zurück. Zeitlich parallel entstand das Kulturforum, von seinen Verächtern als Totgeburt des damaligen Zentralisierungsgedankens verdammt, doch mit der Einheit Berlins unversehens in die neue Mitte der Stadt gerückt. Die Wiedergewinnung der historischen Standorte gibt der Mitte Berlins ein kulturelles Gewicht von nicht einmal zu den Blütezeiten der zwanziger Jahre gekanntem Ausmaß. Auch in dieser Hinsicht wird das Humboldt-Forum als krönender Abschluss wirken, indem es das einstige Machtzentrum Preußens, das Schloss, der Zukunftsaufgabe des weltkulturellen Dialogs überantwortet.

Von solchen Perspektiven war 1957 nicht einmal zu träumen. Es ging lediglich darum, die so mühsam erlangten Schätze Preußens vor der wahllosen Zerstreuung zu bewahren. Allerdings herrschte 1957 noch der Optimismus, Berlin werde über kurz oder lang die Hauptstadt eines vereinten Deutschland werden. Aus dem entsprechenden – wenn auch realitätsblinden – Wettbewerb "Hauptstadt Berlin" von 1958 stammt die Idee eines "Kulturbandes" vom Schloss Charlottenburg über das Kulturforum bis zur Museumsinsel. Heute ist dieses "Band" Realität, mit der brandenburgisch-preußischen Schlösserstiftung als der zweiten Nachfolgeeinrichtung der Kultur Preußens am westlichen Ende.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist zur Nationalstiftung gewachsen. Die Erinnerung an Preußen ist, wie das untergegangene Staatswesen selbst, in dem endlich befriedeten Nationalstaat aufgegangen, als der die Bundesrepublik Deutschland in Europa ihren Platz gefunden hat.

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