Kulturpolitik : Partner im Konflikt

Die Bilanz des Goethe-Instituts: Für die auswärtige Kulturpolitik Deutschlands war 2010 kein gutes Jahr.

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Das Haus Westerwelle ließ sich einiges einfallen, um seine Ignoranz und Inkompetenz auf diesem Gebiet zu demonstrieren. Es hat sich aber auch gezeigt, dass ein Außenminister und eine Staatssekretärin nicht die Welt sind. Zum einen kompensierte der Bundestag die Zehn-Millionen-Euro-Kürzung, die das Auswärtige Amt beim Goethe-Institut vorgenommen hat. Zum anderen haben die Goetheaner zum Jahresende eine eindrucksvolle Bilanz vorgelegt. Das Gesamtbudget 2010 belief sich auf 334 Millionen Euro, davon flossen nur zwanzig Prozent in die Verwaltungskosten, und der Anteil der Eigenfinanzierung lag bei dreißig Prozent. Für eine staatliche Kulturinstitution sind das sehr gute Quoten, die der kaufmännische Direktor Jürgen Maier gestern im Hauptstadtbüro vorlegte. Maier wird nach fünf Jahren das Goethe-Institut verlassen.

Kulturpolitische Veranstaltungen ohne Geldlitaneien sind in der vergleichsweise reichen Bundesrepublik selten. Beim Goethe-Institut aber sprechen sie lieber vom Programm. Präsident Klaus-Dieter Lehmann erwähnte nur kurz, dass man um eine „Einfriervorgabe“ herumgekommen sei und seine Haushaltshoheit behalten habe. Programmatisch also soll 2011 das Goethe-Institut in Nikosia wieder eröffnet werden, es ist dann die 150. vollgültige Goethe-Niederlassung weltweit; sie liegt im Grenzstreifen zwischen dem türkischen und griechischen Teil und soll dann für Besucher von beiden Seiten offen sein. Im kommenden Jahr feiert das Goethe-Institut seinen 60. Geburtstag – die Arbeit in Krisenregionen gehörte von Anfang an dazu. Generalsekretär HansGeorg Knopp nannte ein paar Beispiele für die Aktivitäten, die unter der Überschrift „Kultur und Konflikt“ laufen, sofern es ernstzunehmende Kultur ohne Konflikte überhaupt geben kann. In Kairo betreut das Goethe-Institut eine unabhängige Filmreihe („Arab Shorts“), in Kabul eine Fotoausstellung, in Jerusalem ein Filmprojekt mit arabischen und jüdischen Jugendlichen, auf dem Balkan geht es in zahlreichen Veranstaltungen um das „Wagnis der Erinnerung“. Was auch immer dabei herauskommt, die Programmerfinder des Goethe-Instituts – „Formate“ und „Kuratoren“ heißt das jetzt – scheuen schwieriges Gelände nicht. In Kyoto, wo es eher ruhig zugehen dürfte, baut das Goethe-Institut die Villa Kamogawa für deutsche Künstlerstipendiaten aus.

Im großen Stil kümmert sich das Goethe-Institut in den kommenden beiden Jahren um Indien. Wie zuvor bei China wird es eine gemeinsame Präsentation mit dem Auswärtigen Amt, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und deutschen Wirtschaftsunternehmen geben. Auf den Schwerpunkt Indien werden dann Brasilien und Russland folgen.

Der Deutschunterricht ist neben den Kulturprogrammen die Hauptsache beim Goethe-Institut. Hier ist man vor allem in Osteuropa erfolgreich. In Russland werden dreizehn, in der Ukraine fünfzehn, in Polen acht Partnerschulen betreut. Eine interessante Zahl: In Polen gibt es 2, 35 Millionen sogenannte Deutschlernende vor allem an Schulen, in Russland sind es fast genauso viele. 185 000 Menschen haben weltweit Deutschkurse beim Goethe-Institut belegt. All das fällt unter die „Verantwortung für den europäischen Kulturraum“, von der Klaus-Dieter Lehmann spricht. Rüdiger Schaper

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