Kulturraum Mittelmeer : Der Nahe Süden

Was die arabischen Revolutionen für das Verhältnis der Region zu Europa bedeuten – und für den Traum vom Mare Nostrum. Ein uralter Sehnsuchtsort tut sich auf.

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Die Mittelmeerregion, wie man sie 1586 sah - auf dem Weltatlas des Antonio von Millo.
Die Mittelmeerregion, wie man sie 1586 sah - auf dem Weltatlas des Antonio von Millo.Foto: bpk / SBB / Dietmar Katz

Libyen lockt mit Ruinen. „Germa“, „Cyrene Museum“ oder auch „Leptis Magna Museum“ sind die gleichförmig gestalteten, katalogschweren Broschüren überschrieben, die der touristisch Interessierte am Libyen-Stand der heute zu Ende gehenden ITB Berlin mitnehmen mag. „Leptis Magna“ zum Beispiel, rund 120 Kilometer östlich vom heutigen Tripolis: ein wichtiger römischer Hafen am Mittelmeer, Geburtsort des Kaisers Septimius Severus, und im Innern des Hefts die rotstichigen Ruinen-Farbfotos von Septimius-Bogen, Tempel, Circus Maximus und Colosseum – mancher Archäologie-Fan würde die libyschen Kultursafari-Reisevertreter da womöglich glatt in ein Gespräch verwickeln. Wenn die ihren Gemeinschaftsstand nicht allesamt verwaist zurückgelassen hätten.

Libyen schreckt mit Ruinen. Wer am Freitagabend in den Nachrichtensendungen, schockstarr von den aktuellen Bildern aus Japan, weiterguckte, sah die zerstörten Minarette in der von Gaddafis Truppen zurückeroberten Stadt Sawija. Und er sah die vom brennenden Ölhafen Ras Lanuf aufsteigenden und den Mittelmeerhimmel verdunkelnden Rauchsäulen, die ebenfalls von der erdrückenden Überlegenheit des Militärapparats über die Freiheitskämpfer künden. Und er hatte vom Video der Al-Dschasira-Website den Aufschrei eines dieser Kämpfer im Ohr, der mitten in der meeresnahen Wüstenei in die Kamera brüllt: „Wo ist Europa? Wo sind die Moslems? Gaddafi tötet uns alle!“

Die bizarre Ruinenwerbung eines touristisch bewusst isolierten Mittelmeerlandes, das zuletzt jährlich nur 150.000 Reisevisa ausstellte, davon 1500 an Deutsche, und die neuen Zerstörungen nicht eines Bürgerkrieges, sondern des Krieges eines Despoten gegen sein Volk: Sie stehen im gleißenden Kontrast zu einer Situation, die mit den vorangegangenen Revolutionen in Tunesien und Ägypten so hoffnungsfroh begann. Und doch, noch ist die Chance, dass die Weltgemeinschaft sich zum gemeinsamen Handeln aufrafft und Gaddafi stürzt, nicht vorbei. Sie begann mit den Freiheitsrufen der unterjochten, von skrupellosen Oligarchen in Armut gehaltenen nordafrikanischen Völker, und sie könnte noch immer in die Befreiung Libyens und in seine eigenständige Demokratisierung münden.

Die gelungenen Aufstände bei Libyens Nachbarn – warum faszinieren sie so, trotz der neuen Rückschläge, Straßenkämpfe hier und neuen gewalttätigen religiösen Konfrontationen dort? Weil Freiheit, die den Willen zur Volksherrschaft impliziert, ein zutiefst gemeinsamer humaner Wert ist, der seine Wucht besonders virulent in der globalisierten Moderne entfaltet. Gleichzeitig erinnert das aktuelle Ringen um sie schlagartig daran, dass das Bewusstsein für diese Menschheitsgüter vor Jahrtausenden in genau dieser Weltgegend geboren wurde, mit der Athener Demokratie und dem Römischen Recht. Würde Nordafrika über kurz oder lang strukturell demokratisch, erwüchse daraus im klimatisch und in vielen alltagskulturellen Elementen homogenen Mittelmeerraum auch politische Kohärenz. Europa vereint mit dem Nahen Süden rund ums Mare Nostrum: Welche zum Greifen nahe Utopie.

Das Mare Nostrum der Römer ist damit allerdings kaum mehr gemeint. Ihnen bedeutete der Begriff die grammatische Inbesitznahme einer 2,5 Millionen Quadratkilometer großen Mitte, deren Ränder sie zumeist gewaltsam kolonisiert hatten und die ihnen als militärischer und kommerzieller Verkehrsweg diente. Ein Mare Nostrum heute könnte nur als das gemeinsame Element aller derzeit 21 Anrainerstaaten verstanden werden: Es ist „unser Meer“, es verbindet uns, weil wir alle an seinen Ufern leben.

Ein uralter Sehnsuchtsort tut sich da auf, der – schon vor Jahrhunderten kulturell definiert – erst durch den Massentourismus zum bloßen Wirtschaftsfaktor verkam. Es ist eine Sehnsuchtsmetapher aus der Mitte Europas, jener Zone, in der die Mächtigen des Kontinents heute das Sagen haben. Nur dass Goethes italienische Reiselust zum Teutonengrill an der Adria mutierte, dass auch die vom Licht des Südens träumenden Dichter und Maler an der total verbauten Côte d’Azur kaum mehr etwas zu metaphorisieren und zu malen hätten. Und dass nach Nordafrika keine Nachfahren von August Macke und Paul Klee mehr pilgern, sondern Pauschalurlauber auf die Sonnen- und Massagebänke der Hotelzonen von Hurghada bis Hammamet.

Schon länger allerdings präsentiert sich diese postkolonial zernutzte Weltgegend auch an ihren europäischen Gestaden nicht in Bestform – vor allem politisch. Die durch einen obszönen Kapitalisten planmäßig verhöhnte und ausgehöhlte Demokratie Italiens, in dessen Mitte zudem ein modernisierungsresistenter Gottesstaat siedelt, ist ein absonderliches Urlaubsland geworden – und ganz gewiss kein Vorbild für den Freiheitsdurst der arabischen Völker. Mit Griechenland, der Wiege jedes auch philosophisch grundierten Freiheitsgedankens, präsentiert sich den Völkern, die ihr Schicksal selber in die Hand nehmen wollen, zudem ein abschreckendes Beispiel wirtschaftlicher Dekadenz. Und das von Netanjahu eisern regierte Israel, bislang stolz auf die einzige Demokratie in der Region, steht in seiner bewegten Nachbarschaft wie politisch versteinert da.

Die Provokation des arabischen Aufbruchs hat bislang eine einzige abendländische Verdrängungsstrategie hervorgebracht, und sie ist so simpel wie geschichtsvergessen. Im Kern erschöpft sie sich darin, diesen Völkern die Demokratiefähigkeit mit dem Hinweis abzusprechen, dass sie Demokratie ja nie gelernt hätten. Wie haben es da nur die Osteuropäer vor gerade mal 20 Jahren geschafft – und wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, deren Demokratieerfahrung auch nicht wesentlich über die wackeligen Jahre der Weimarer Republik hinausging? Revolutionen müssen nicht zwangsläufig in die terreur münden wie vor 200 Jahren in Frankreich oder vor 40 Jahren im Iran.

Vor diesem Hintergrund gewinnt ein Vorstoß des früheren Außenministers Frank-Walter Steinmeier Bedeutung, der unlängst, nach dem US-Vorbild für Nachkriegsdeutschland, einen „Marshall-Plan für Demokratisierung und Modernisierung im Mittelmeerraum“ anregte. Demnach wären massive finanzielle Hilfen an demokratische Erfolge in den Zielländern gekoppelt – wogegen nichts spricht, wenn man sie ohne hegemoniale Attitüde unterstützt. Auch muss der seit der Konferenz von Barcelona 1995 gehegte Plan von der mittelmeerischen Völkerfamilie kein Traum bleiben. Im besten Fall steht gar die vom französischen Premier Nicolas Sarkozy energisch vorangetriebene und von Angela Merkel ebenso energisch torpedierte „Union pour la Méditerrannée“ wieder auf der Tagesordnung.

Diese Mittelmeer-Union, ursprünglich als Verbund der Anrainerstaaten gedacht, ist nicht nur durch die Einbeziehung der restlichen EU-Staaten politisch immobilisiert worden. Sondern die Nordafrikaner blieben selbst skeptisch – die Völker, weil bloß mit ihren Regierenden paktiert werden sollte, und die regierenden Despoten, weil sie demokratische Zumutungen in Sachen Menschenrechte und Meinungsfreiheit fürchteten. Sofern sich Nordafrika, und sei es in einem noch so quälenden Prozess, weiter demokratisiert, fallen diese Alibis weg. Der Nahe Süden rückt politisch an Europa heran, und Europas Zentrum nach Süden.

Ein solcher Kulturraum übrigens entspräche ziemlich exakt dem Begriff des französischen Historikers Fernand Braudel. In seinem 1949 erschienenen Standardwerk „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.“ beschwor er die sozialgeschichtliche Verwandtschaft der an den Ufern dieses Meeres lebenden Menschen und die Gemeinsamkeiten der monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam, die hier ihre Wurzeln haben. Er setzte auf das Grundrauschen einer mediterranen Zivilisation; aus Kriegen und Siegen bestehende Geschichtsschreibung langweilte ihn eher. Und doch, die Welt heute muss Gaddafi besiegen, sonst ist eine historische Chance für lange vertan.

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