Kultur : Kulturreferenten-Wahl in München: Also keine Wildschweine, bitte!

Mirko Weber

Helmstedt ist wirklich nicht so bekannt. Liegt östlich von Braunschweig, war früher Grenzübergangsstadt zur DDR. Es redet auch eigentlich kein Mensch von Helmstedt, wenn man sich nicht gerade in München die Frage stellte, ob einer aus Helmstedt Kulturreferent werden könne und damit Nachfolger des heutigen Staatsministers Nida-Rümelin. Anders herum: Muss man dazu Münchner sein? Wenn dem so ist, haben die Stadträte am 25. April nur die Wahl zwischen Lydia Hartl und Vinzenz Brinkmann, die als Stadtbewohner von der ersten Lebensstunde an ausgewiesen sind. Wenn nicht, bekäme der gebürtige Helmstedter Alexander Farenholtz eine Chance. Aber wahrscheinlicher ist, dass sich die Bewerberin durchsetzt, die der Vorgänger auf den Schild gehoben hat: Lydia Hartl, 45, habilitiert wie Nida-Rümelin, allerdings in Psychologie statt Philosophie. Psychologie könnte im Stadtrat eine wichtige Rolle bei der Besetzung der Stelle spielen, denn Lydia Hartl hätte eigentlich in diesen Tagen ein Konzept für Medienkunst vorlegen sollen, das Nida-Rümelin bei ihr in Auftrag gegeben hatte.

Wenn man Lydia Hartl reden hört, ist klar, dass sie keine Luftschlösser im Sinn hat, sondern handfeste Politik. Was man nicht bezahlen kann, davon braucht man nicht zu träumen. In die elendige Stadiondiskussion - die Nida-Rümelin nie entschlossen geführt hat - würde sie sich noch einmal einmischen. Die so genannten Handlungsspielräume sind so groß auch wieder nicht, wo die Stadt doch schon in gewissem Maße von einer feudalen Kultur und einem prächtigen Begriff davon lebt, das weiß sie auch. Dennoch ist von der Frau, die als mögliche Direktorin der Karlsruher Hochschule für Kunst- und Medientechnologie Peter Sloterdijk bei der Wahl unterlegen war, in Innovationsfragen mehr zu erwarten als von dem eher betulichen anderen Münchner, Vinzenz Brinkmann. Er ist stellvertretender Leiter der Glyptothek und hat nichts anderes vor, als das Gute, Schöne, Wahre zu veredeln. Will selbstverständlich auch das jüdische Zentrum am Jakobsplatz fördern und zudem Thomas Mann stärker im Münchner Bewusstsein etablieren, was angesichts einer hochrangig besetzten Thomas-Mann-Gesellschaft kaum notwendig ist. Der 42-jährige hat, nicht nur physiognomisch, etwas von Falten schlagendem Furnier an sich. Dass die CSU ihn unterstützt, was zunächst ihr Ziel war, ist unsicher geworden.

Bliebe der Helmstedter. Alexander Farenholtz hat es geschafft, in die engere Auswahl zu kommen. Gleichwohl lässt der 46-jährige, der in Kassel die "documenta", und in Hannover die "expo" mitorganisiert hat, keinen Zweifel, dass ihm noch nicht jede kulturhistorisch wichtige Münchner Straßenecke bekannt ist. Momentan sitzt Farenholtz in Stuttgart, zuständig für Filmfestivals und die Landesfilmsammlung. Stuttgart stellt nicht unbedingt seinen Lebenstraum dar, das verschweigt der witzigste, verspielteste Kandidat nicht. Sein Alptraum aber ist, dass München sich etwa mit Wildschweinen schmückt. Sie stehen vor dem Jagd- und Fischereimuseum in der Kaufinger Straße. Farenholtz wird sie nicht gleich verschwinden lassen können. Ansonsten hat der ehemalige Prokurist viel Erfahrung mit Verwaltungsstrukturen - Nida-Rümelin weiß, wie wichtig das ist. Kommt hinzu, dass München einen Oberbürgermeister besitzt, der in kulturellen Dingen eigene Ansichten hat. Aber wie es ausschaut, wird sich damit wohl demnächst Lydia Hartl auseinander setzen müssen.

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