Kultur : Kulturschock am Amazonas

Oliver Heilwagen

Kaffeebohnen und Karneval in Rio: Mehr dürfte den meisten Deutschen zu Brasilien, dem immerhin fünftgrößten Staat der Erde, wohl nicht einfallen. Umgekehrt ist das anders. In dem ewigen Schwellenland zählen Walter und Oskar zu den populärsten Vornamen: Deutsche Einwanderer haben die Geschichte des Giganten Lateinamerikas entscheidend mitgeprägt. Dass Deutsche auch maßgeblich an der Erkundung des bis heute in weiten Teilen kaum bekannten Landesinneren beteiligt waren, ist so gut wie vergessen. Eine Sonderausstellung im Ethnologischen Museum Dahlem soll dies ändern.

Die Frage im Titel "Deutsche am Amazonas - Forscher oder Abenteurer?" ist nur rhetorisch zu verstehen. Sie waren natürlich beides. Freimütig bekannte Karl von den Steinen 1886 über eine Expedition zum Oberlauf des Rio Xingú sein Motiv: "Du willst etwas versuchen, was keiner vor Dir getan hat." Allerdings suchte er nicht - wie so viele Glücksritter vor ihm - nach Gold und Edelsteinen, sondern nach Federschmuck und Tanzmasken. Das hatte bei deutschen Entdeckungsreisenden Tradition. Schon die Pioniere Friedrich Sellow und Ignaz von Olfers, die Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild der Südamerikafahrten Alexander von Humboldts ausgedehnte Streifzüge durch das brasilianische Hinterland unternahmen, sammelten nicht nur Pflanzen- und Gesteinsproben, sondern auch Kunsthandwerk der Einheimischen.

Ihre Erwerbungen gehören zu den ältesten Zeugnissen der Kultur Brasiliens weltweit. Diese Schau bietet dem Dahlemer Museum endlich Gelegenheit, Schätze aus seinem Depot auszubreiten, die 60 Jahre lang fast nie zu sehen waren. Einen riesigen Teilbestand von 50 000 Objekten transportierte die Rote Armee nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion ab. 1975 wurde er dem Leipziger Völkerkundemuseum übereignet, das ihn 1992 an Berlin zurückgab. Aus Platzmangel wurden dort im vergangenen Jahrzehnt nur wenige Stücke dem Publikum vorgestellt.

Darunter sind unschätzbare Kostbarkeiten: Ein gewisser Wilhelm Pietzker kaufte 1880 der brasilianischen Polizei die konfiszierte "Ausrüstung eines Negerzauberers" ab und schickte sie an das neu gegründete Museum für Völkerkunde in Berlin. Die 67 Objekte mit ihrer reichen Verzierung aus Kauri-Muscheln sind nicht nur von eigenartiger Schönheit, sondern auch von unschätzbarem Wert. Nirgends auf der Welt, selbst in Brasilien nicht, gibt es eine ähnlich alte Kollektion. Wie zeitgenössische Candomblé-Priester bestätigen, sind solche Gegenstände unverändert im Gebrauch.

Den Vorwurf kultureller Arroganz kann man den ersten Ethnologen nicht machen. Die Schau konzentriert sich auf drei exemplarische Figuren, deren Fundstücke den Dahlemer Bestand am meisten bereichert haben. Liest man ihre Aufzeichnungen, überrascht ihre Bereitschaft, sich vorurteilsfrei dem Weltverhältnis brasilianischer Indianer zu nähern. "Die Kultur der Wilden ist im Durchschnitt viel höher, die unsrige viel niedriger als sie gemeinhin geschätzt wird", notierte Karl von den Steinen 1897 in einem seiner viel gelesenen Reiseberichte, die hohe Auflagen erreichten. Sein Kollege Theodor Koch-Grünberg praktizierte die "teilnehmende Beobachtung", die Bronislaw Malinowski zwei Jahrzehnte später kanonisch formulieren sollte. Dennoch hatten die Forscher mit einem Kulturschock zu kämpfen, wie Wilhelm Kissenberths Aufzeichnungen um 1910 belegen.

Wer solche Einsichten gewinnen will, muss zum klug konzipierten Begleitband greifen. Die Schau selbst setzt in verschwenderisch üppiger Architektur ganz auf den Erlebniswert der ethnografischen Sammlungen. Zu sehen sind nicht nur exotische Exponate in allen Regenbogenfarben, sondern auch frühe Fotografien und Filme. Obwohl die Ausstellung als Hommage an die Begründer dieser Wissenschaft gedacht ist, gelingt es ihr mit geschickten Arrangements, den Betrachter für eine viel zu wenig beachtete Kultur zu begeistern.

Es wäre schade, wenn die aufwändig präsentierten Kleinodien in wenigen Monaten wieder im Archiv verschwänden. Darum hofft Kurator Richard Haas, sie ab November in den Sälen im Altbau des Komplexes zu zeigen, die durch den Auszug der Gemäldegalerie frei geworden sind. Längerfristig gehen die Begehrlichkeiten jedoch weiter. Nicht umsonst wurde die Ausstellung just zu dem Zeitpunkt eröffnet, als die Expertenkommission ihren Abschlussbericht zum Schlossplatz präsentierte. Da das etwas abgelegene und unter Besuchermangel leidende Museum gerne ins Zentrum umzöge, wird man am Ende mit Zeitungsartikeln zur Schlossplatzdebatte entlassen.

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