Kulturstaatsministerin Monika Grütters ein Jahr im Amt : Das Glück des Beginns

Monika Grütters hatte ein geglücktes erstes Jahr. Im Gurlitt-Fall machte die CDU-Frau Tempo bei der Aufarbeitung des Raubkunst-Themas. Und das Humboldtforum erklärte sie zu ihrer "Herzensangelegenheit".

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Monika Grütters an ihrem Schreibtisch im Büro.
Kulturgestalterin: Grütters will in Schillers Sinne das „Politische mit dem Ästhetischen versöhnen“.Foto: dpa

Eine seltsame Dynamik steckt in dem Amt. Michael Naumann – er war 1998 der erste Kulturstaatsminister und blieb nicht sehr lang – hat aus dem Stand viel erreicht. Daniel Barenboim kam an die Staatsoper, die Sammlung Heinz Berggruen fand ihren Platz in Berlin. Das ging damals schnell und erwies sich als nachhaltig. Nach ebenfalls kürzeren Amtszeiten von Julian Nida-Rümelin und Christina Weiss saß Bernd Neumann dann acht Jahre für die Kultur im Kanzleramt. Von ihm ist bekannt, dass er den Film liebte und den Kulturetat des Bundes ordentlich wachsen ließ. Seine Nachfolgerin Monika Grütters nun – sie wurde am 17. Dezember 2013 ernannt – hat in ihrem ersten Jahr eine bemerkenswerte Strecke zurückgelegt. Sie war geprägt von hohem Tempo und Intellektualität. Es wurde auch Zeit.

Wenn sie sagt: „Ich habe in zehn Monaten 44 Städte besucht. Die Kulturpolitik des Bundes ist eben nicht beschränkt auf Berlin, ganz im Gegenteil, sie findet in den Ländern statt“, dann geht das auch an jene, die glaubten, mit der Berlinerin gebe es ab sofort nur noch Hauptstadtkulturpolitik. Monika Grütters hat regelmäßige Treffen mit den kommunalen Spitzenverbänden und den Kulturministern der Länder eingerichtet und „mit all diesen Beteiligten in kürzester Zeit ein Zentrum für Kulturgutschutz und Aufarbeitung von Raubkunst gegründet“.

Im Gespräch zur Zwölf-Monate-Bilanz folgt ein typischer Grütters-Satz, vom Pragmatischen ins Präsidiale gewendet: „Hier stand auch Deutschlands Ansehen auf dem Spiel.“ Am 3. November 2013 war die Existenz des Kunstschatzes Gurlitt bekannt geworden. Hier hat die Bundesregierung einmal schnell gehandelt, auch dank Grütters’ Einsatz, nachdem über Jahrzehnte wenig unternommen worden war, den Komplex der Nazi-Raubkunst aufzuklären.

Monika Grütters beruft sich gerne auf Schiller

Exakt ein Jahr später, am 3. November 2014, erklärte Monika Grütters in ihrer Marbacher „Schiller-Rede“: „Die Versöhnung des Politischen mit dem Ästhetischen ist mir ein echtes Herzensanliegen.“ Das „leidenschaftliche Plädoyer“ des Dramatikers und Historikers Friedrich Schiller, „mit ästhetischen Mitteln Veränderungen im Bewusstsein und damit auch in der Gesellschaft zu bewirken, freilich ohne damit die Autonomie der Kunst gegenüber der Politik preiszugeben“, habe bis heute nicht an Aktualität verloren. Da hat sie sich was getraut. Es war aber auch nicht allzu schwer, einmal mit einer gut gesetzten Reflexion über Kultur und Staat, Freiheit und Repression, Werte und Demokratie aufzufallen, nachdem zuvor so lange nichts zu hören war aus dem Haus des Kulturstaatsministers.

Monika Grütters hatte ein geglücktes erstes Jahr, weil ihr die Themen seit jeher vertraut sind aus der parlamentarischen Arbeit. Und weil sie einen Stau auflösen konnte, auf vielen Feldern. Endlich sind kulturpolitische Linien zu erkennen, zum Beispiel beim Humboldtforum. Es handelt sich um die größte Kulturbaustelle des Landes, doch kaum ein Spitzenpolitiker kümmerte sich bisher darum. Es gab den unseligen Bundestagsbeschluss, das Schloss wiederaufzubauen, und fertig. Das eigenartige Bedürfnis einer Demokratie, in ihrer wiedervereinten Hauptstadt eine feudale Fassade zu errichten, wurde befriedigt, erst sehr viel später kam die Idee auf, ein in die Zukunft weisendes Kulturzentrum dahinter zu installieren.

Monika Grütters betrachtet es – wieder das romantische Wort – als „Herzensangelegenheit“. Sie gehört zu den wenigen, die beschreiben können, was da tatsächlich im Herzen der Hauptstadt entsteht: „Das Humboldtforum hat den Anspruch, neue Formen des Weltverständnisses zu präsentieren. Hier nimmt auch das Deutschland des 21. Jahrhunderts Gestalt an. Unter diesem Anspruch sollte man es nicht machen, wenn wir uns ein solches Großprojekt gönnen. Vor Jahren ist das Projekt beschlossen worden. Ich bin nun diejenige, die allen klarmacht, welche Folgen und Chancen das hat. Man darf nicht erst groß planen und dann klein denken.“

Humboldtforum soll autonom agieren

Das sitzt. Das hat Fallhöhe. Hier wird sich Grütters nicht nur Freunde machen, denn es geht ans Eingemachte, Alteingesessene, wenn die Staatsministerin postuliert: „Das Humboldtforum muss eine selbstständige Einrichtung werden. Sein künftiger Intendant muss auf Augenhöhe mit dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz agieren. Was spricht dagegen, die außereuropäischen Sammlungen, die Räume der Humboldt-Universität und der Zentralen Landesbibliothek im Humboldtforum unter eine Gesamtverantwortung zu stellen? Das Humboldtforum muss ein Eigenleben entwickeln, dafür brauchen wir neue Strukturen.“

Anfang der Woche wurde bekannt, dass Neil MacGregor, der Direktor des British Museum und ein ausgezeichneter Deutschlandkenner, als Intendant im Gespräch ist. Ein außergewöhnlicher Vorgang: Angela Merkel soll mit MacGregor über die Sache gesprochen haben. Jetzt ist Bewegung drin. Und es zeigt sich auch, dass Grütters große Versäumnisse aufzuholen hat. Denn schon 2019 soll das Humboldtforum eröffnet werden. Die Planungen für das Innenleben existieren bereits im Detail. Was kann eine Persönlichkeit von internationalem Format da noch ausrichten mit ihrer „Gesamtverantwortung“? Und wo ist das Geld dafür? Wird die vielstimmige Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit all ihren Direktoren, Chefs und Sous-Chefs willens und in der Lage sein, die von Grütters geforderten Strukturveränderungen zu akzeptieren?

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