Kulturstaatssekretär André Schmitz : ''Darauf haben wir immer gewartet''

Berliner Tour d’Horizon: Kulturstaatssekretär André Schmitz über die Reform der Opernstiftung, die Volksbühnen-Krise, die neue Kunsthalle und den Wettbewerb für das Humboldt-Forum.

Schmitz
Kunstliebhaber. André Schmitz mit dem Regierenden Bürgermeister, Klaus Wowereit. -Foto: ddp

Herr Schmitz, im letzten Jahr hat die Kulturverwaltung in Berlin so viele Entscheidungen durchgezogen, dass Sie Ihre Mitarbeiter jetzt auf Teilzeitbeschäftigung setzen könnten. Was passiert 2008?

Wenn ich mich in den November 2006 zurückversetze, in die Zeit meines Amtsantritts als Kulturstaatssekretär, dann bin ich doch sehr zufrieden mit dem, was wir erreicht haben. Nach Jahren der Kürzungen haben wir mit dem Kulturhaushalt 2008/09 deutliche Zeichen gesetzt, mit 20 Millionen Euro dauerhaft mehr für 2008 und 25 Millionen Euro mehr ab 2009. Die Finanzierung der Opernstiftung oder die Sanierung der Staatsoper – all das war vor einem Jahr in weiter Ferne. Wir haben eine gute Basis geschaffen, um im Rest der Legislaturperiode nicht mehr nur mit den Opern beschäftigt zu sein, sondern uns anderen Fragen zuwenden zu können. In der reichen Kulturlandschaft Berlins gibt es immer genug Baustellen.

Kultur ist Chefsache. Hat Klaus Wowereit Ihnen geholfen, oder hat er Sie behindert?

Es zeigt sich, dass sich mit dem politischen Gewicht eines Regierenden Bürgermeisters manche Dinge leichter durchsetzen lassen. Nach einem Jahr hat sich diese Rollenverteilung besser bewährt, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich habe die nötigen Freiräume, und die entscheidenden Dinge entscheiden wir gemeinsam.

Sind die Probleme der Opernstiftung wirklich gelöst durch das zusätzliche Geld vom Bund und auch vom Senat – oder nur wieder aufgeschoben?

Die Opernstiftung wurde ursprünglich gegründet, als das Geld knapp und die Schließung eines Hauses zu befürchten war. Wir haben jetzt eine neue Situation, alle drei Opernhäuser in Berlin können finanziell gut auskommen. Keiner fragt mehr: Braucht Berlin drei Opern? Da sich die Lage entspannt hat, muss man überlegen, wie die Opernstiftung in Zukunft arbeiten soll. Zentrale Werkstätten, gemeinsame Verwaltung, das ist sinnvoll. Ich denke, man kann die Opernstiftung modifizieren, ihre Aufgaben einschränken und die künstlerische wie wirtschaftliche Eigenständigkeit der Opernhäuser wieder stärken. Darüber werden wir im neuen Jahr im Stiftungsrat reden.

Der Senat hat bei den Opern nicht freiwillig gehandelt. Er wurde durch den Bund und dessen 10-Millionen-Euro-Geschenk an die Staatsoper gezwungen, seinerseits bei Deutscher und Komischer Oper ein paar Millionen draufzulegen.

Wir können gern darüber spekulieren, wer was wollte. Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Das Land Berlin steht auch zu seiner Verantwortung für die Deutsche und die Komische Oper.

Ist die Deutsche Oper dem Wettbewerb mit der Staatsoper gewachsen?

Mit der Berufung von Donald Runnicles zum Generalmusikdirektor haben wir eine gute Wahl getroffen, die viele überrascht hat. Er wird großen Einfluss auf das gesamtmusikalische Erscheinungsbild der Deutschen Oper ausüben. In der jetzigen Situation der Deutschen Oper ist ein starker GMD eher gut.

Herr Schmitz, Sie waren damals in der besten Zeit Verwaltungschef der Volksbühne und haben später kommissarisch die Deutsche Oper geleitet. Es ist merkwürdig und trübt Ihre Erfolgsbilanz, dass Sie es nun als Kulturpolitiker mit schweren Krisen in diesen beiden Häusern zu tun haben.

Ich bin mir schon mal nicht sicher, ob ich diese Einschätzung teile. Es gibt ja auch Leute, die sprechen von einer Kampagne gegen Frank Castorf und die Volksbühne. Die Volksbühne zählt seit 1992 unter derselben Intendanz zu den führenden Theatern des Landes. Das muss erst einmal jemand nachmachen. Das ist einmalig. Frank Castorf hat Theatergeschichte geschrieben. Ich traue ihm jederzeit zu, aus einem möglichen Formtief wieder in ein Hoch zu kommen. Die Politik hat Vertrauen in ihn, dass er die Volksbühne noch länger als manche denken auf einem hohen Niveau hält.

Das Gerede von einer Kampagne gegen Castorf ist Unsinn, das wird den Kritikern immer unterstellt, wenn Theater nicht gut laufen. Es gibt aber die Befürchtung, dass Castorf und die Volksbühne in einem späten Stadium der eigenen Theatergeschichte angekommen sind. Dass man die Musealisierung miterleben muss, an diesem Haus, das einmal ein Kraftwerk war.

Ich erlebe Frank Castorf als kämpferischen Mann, der viele Ideen hat. Der ist nicht am Ende seiner Karriere, wie einige Zeitungen das jetzt schreiben. In einem Kulturbetrieb werden eben keine Volkswagen am Fließband produziert, wo man die Maschinen einstellt, und dann laufen die Modelle vollautomatisch ...

Volkswagen ist ein gutes Stichwort. Auch Castorf hat, wie einige VW-Leute, in Brasilien nach neuen Inspirationsquellen gesucht.

Ja, schauen wir doch mal, wie lange der VW in Brasilien schon fährt, und dann sieht man, wie viele Jahrzehnte die Volksbühne unter der Leitung von Frank Castorf noch vor sich hat.

Wenn wir uns weiter in der Theaterlandschaft umschauen: Die Berufung von Ulrich Khuon zum künftigen Intendanten des Deutschen Theaters war eine Ihrer ersten Amtshandlungen, dieses Haus ist also bestellt. Wie sieht es mit dem Berliner Ensemble aus? Wer bleibt länger Theaterdirektor: Claus Peymann oder Frank Castorf?

Auf solche Spekulationen lasse ich mich nicht ein. Beide sind herausragende Theaterleute. Und wir sind glücklich, dass wir sie in Berlin haben.

Gut, dann reden wir auch nicht über die Schaubühne oder das Maxim Gorki Theater, sondern gehen in einen ganz anderen Bereich. Für die sogenannte temporäre Kunsthalle hat sich Klaus Wowereit mal richtig ins Zeug gelegt.

Wohin man auch kommt in der Welt: Berlin gilt als spannende Kunstmetropole, und dies nicht so sehr wegen der Theater, sondern wegen der zeitgenössischen Kunstszene. Da spielen wir international in der ersten Liga.

In diesem Bereich spielt Kulturpolitik aber gar keine entscheidende Rolle. Da müssen sich die Dinge schon selbst entwickeln.

Hier hat Kulturpolitik in der Tat nicht alles bestimmt. Berlin ist für junge Künstler aus aller Welt eine hippe Stadt, auch wegen seiner günstigen Lebensbedingungen. Aber die Politik kann einen solchen Trend verstärken. Und da sind wir wieder bei der Kunsthalle. Wir haben hier ein großartiges bürgerschaftliches Engagement, einen privat finanzierten, zentralen Ausstellungsort. Dieses Jahr geht es los, und nach 2010, wenn die Arbeiten für das Humboldt-Forum begonnen haben, müssen wir sehen, wie wir eine dauerhafte, überwiegend staatlich getragene Kunsthalle an einer anderen Stelle Berlins hinbekommen.

Wo wird das sein?

Wichtiger als der Ort ist die Konzeption – und der Finanzbedarf. Dafür muss ich dann im Parlament kämpfen, der Standort ist nicht die erste Frage. So viel kann ich sagen, dass es nicht Spandau oder Marzahn sein werden.

Das Humboldt-Forum wird an einer Stelle gebaut, wie es keine zentralere gibt – auf dem Schlossplatz. Aber es fehlt in Berlin an der Begeisterung für das Projekt, die außereuropäischen Sammlungen in unmittelbarer Nachbarschaft der Museumsinsel zu zeigen. Warum kann sich niemand so richtig für das Humboldt-Forum erwärmen?

Die Berliner werden noch merken, was für eine großartige Idee dahintersteckt. In der Mitte Berlins, im politischen Zentrum Deutschlands, in einer globalisierten Welt entsteht hier die bedeutendste Museumskonzentration in Europa, wenn nicht in der Welt. Das ist kulturpolitisch und sogar außenpolitisch von größter Bedeutung. Leider ist der große inhaltliche Gedanke immer von der Architekturdiskussion überdeckt worden. Schloss ja oder nein, darüber hat man sich erregt und die viel wichtigere Frage vergessen, was soll da eigentlich hineinkommen? Die Lösung, die mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz endlich gefunden wurde, nämlich das Humboldt-Forum, halte ich für das Ei des Kolumbus. Und wir werden noch Euphorie erleben, wenn erst einmal mit dem Bau begonnen wird. Ich bin sehr froh, dass sich der Senat von Berlin endlich zu dem Projekt bekannt hat.

Sie gehören der Jury für diesen Jahrhundertbau an. Wie viel Schloss es letztlich einmal wird, das ist doch noch nicht ausgemacht, oder?

Die Vorgabe des Deutschen Bundestages ist klar: Auf drei Seiten wird die historische Schlossfassade rekonstruiert, aber im Innern muss etwas Neues passieren, was der geplanten Nutzung adäquat ist. Das wird ein heißer Spagat. Wir alle wollen keine äußerlich perfekte Rekonstruktion wie bei der Kommandantur von Bertelsmann oder dem Braunschweiger Schloss, wo Innen und Außen überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Aber wenn es gelingt, wird es großartig. Dabei kommen auf den neuen Generaldirektor der Museen, Michael Eissenhauer, große Herausforderungen zu: Die Dahlemer außereuropäischen Sammlungen sollen einmal mit neuester Museumstechnik und Museumsdidaktik im Humboldt-Forum präsentiert werden.

Berlin hat mehr Glück als Verstand. Nach all dem jahrzehntelangen Gezerre könnte das Humboldt-Forum tatsächlich der Durchbruch sein.

Ich kam 1991 nach Berlin, damals ging das Sparen los. Man sagte: Wenn die Bundesregierung kommt, wird alles besser. Dann kam die Bundesregierung, und es änderte sich nicht viel. Ich habe den Eindruck, dass jetzt passiert, worauf wir all die Jahre gewartet haben. Berlin wird eine internationale Metropole, mit all den Problemen. Plötzlich sind so viele Dinge möglich. Es gibt einen Mentalitätswechsel. Man hat auch verstanden, dass nicht alles von Politik abhängt. Das war ja ein alter West-Berliner, aber auch Ost-Berliner Irrglaube – dieses absolute Anspruchsdenken.

Berlin glänzt kulturell und touristisch, und jeden Tag gibt es Horrorgeschichten von jugendlicher Gewalt und Verwahrlosung in Familien. Hat Ihre Initiative für kulturelle Bildung diesen Hintergrund? Was kann man sich überhaupt darunter vorstellen – kulturelle Bildung?

Ich halte dieses Thema für mindestens ebenso wichtig wie die Opernfrage. Als Stadtstaat haben wir die größte Dichte an kulturellen Einrichtungen in ganz Europa, von der Bezirksbibliothek bis zu den Philharmonikern. Die Idee ist, all diese Einrichtungen mit Schulen zu vernetzen, vor allem mit Grundschulen und Kindergärten, um über einen längeren Zeitraum gemeinsame Projekte zu entwickeln und voneinander zu lernen. Im Podewil gibt es eine zentrale Koordinationsstelle mit einem Fonds von 3,5 Millionen Euro für die nächsten zwei Jahre. Beschäftigung mit Kultur – an der Rütli-Schule in Neukölln hat das gut funktioniert – hat eine soziale Bedeutung. „Rhythm is it“ mit Simon Rattle war ein leuchtendes Beispiel, wie Jugendliche und Klassik und Tanz zusammenkommen und etwas Großartiges schaffen können. Kultur löst nicht die Probleme. Aber sie trägt dazu bei, dass eine Stadtgesellschaft wie Berlin sich stärker mit sich selbst identifiziert.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

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