Kulturzentrum Hellerau nimmt Flüchtlinge auf : Labor für ein neues Leben

Ein anderes Dresden weit weg von Pegida und Fremdenfeindlichkeit: Das Europäische Zentrum der Künste in Hellerau setzt mit seinem Engagement für Flüchtlinge ein Zeichen.

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Aus Syrien nach Sachsen. Familie Omar ist in einer Wohnung für gastierende Künstler untergekommen - Hellerau macht's möglich.
Aus Syrien nach Sachsen. Familie Omar ist in einer Wohnung für gastierende Künstler untergekommen - Hellerau macht's möglich.Foto: Stephan Floss

Dresdens Ruf ist arg ramponiert, nicht allein wegen der Pegida-Aufmärsche. Anfang August war die Stadt wegen der katastrophalen Zustände in einem Zeltlager, in dem mehr als 1000 Asylsuchende leben, in den Schlagzeilen. Am vergangenen Wochenende aber zeigte die sächsische Landeshauptstadt sich von ihrer lichten Seite. Bei strahlendem Sonnenschein marschierten am Sonnabend etwa 5000 Menschen durch die Innenstadt, um gegen Fremdenhass und die Flüchtlingspolitik des Freistaates zu protestieren.

Wenn man mit der Straßenbahn auf den grünen Hügel nach Hellerau fährt, ist von der Unruhe nichts mehr zu spüren. In Hellerau entstand 1908 die erste deutsche Gartenstadt. Das Festspielhaus wurde 1911 als Bildungsanstalt für Rhythmik von dem Architekten Heinrich Tessenow erbaut. Hellerau gilt als die Wiege des deutschen Ausdruckstanzes: Mary Wigman und Gret Palucca wirkten hier. Es war ein europäisches Mekka der Künste und zog vor allem die Anhänger der Lebensreform an. Die Mitte des mächtigen Dreieckgiebels ziert heute noch ein Yin- und Yang-Symbol. Darüber wurde vor Kurzem ein Spruchband angebracht: „Refugees are welcome“. Zwischen der Stadt Dresden und Hellerau habe schon früher ein gespanntes Verhältnis geherrscht, erzählt der künstlerische Leiter Dieter Jaenicke. „Das waren hier schon immer die Spinner. Das hält sich bis heute.“

Syrische Möhren hinter dem Festspielhaus

An diesem Wochenende sind etwas mehr als hundert Flüchtlinge zum Sommerfest gekommen. Die Menschen, die ansonsten im Zeltlager oder in Turnhallen vor sich hin vegetieren, streifen nun durch den Garten. Als die Blaskapelle Banda Communale aufspielt, herrscht bald eine ausgelassene Stimmung. Einer der Eritreer hat eine Krar mitgebracht, ein afrikanisches Saiteninstrument. Und so entspinnt sich rasch ein musikalischer Dialog der Kulturen.

Auf der Grünfläche hinter dem Festspielhaus sind Hochbeete angelegt worden, „Golgi Park“ nennt sich das interkulturelle Gartenprojekt: Deutsche und Flüchtlinge können hier bei der gemeinsamen Gartenarbeit miteinander in Kontakt kommen. Mittlerweile wachsen in den Beeten syrische Möhren. Auch Hassan und seine Frau Aisha ernten hier ihr Gemüse. Die syrische Familie kam im März vom Erstaufnahmelager in Chemnitz nach Hellerau. Mit der zweijährigen Tochter Lavin und dem 10 Monate alten Ibrahim wohnen sie in einem Appartement, das eigentlich für Künstlerresidenzen gedacht ist. Mit seinem Engagement für Flüchtlinge hat Hellerau nicht nur in Dresden ein Zeichen gesetzt. „Wir haben von Anfang an die Position vertreten: Wir wollen das Thema nicht nur intellektuell und künstlerisch verarbeiten, sondern selber konkrete Angebote machen“, betont Jaenicke.

Alle Mitarbeiter ziehen mit

Dieter Jaenickes Vertrag in Hellerau läuft noch zwei Jahre. Derzeit läuft er zur Hochform auf. „Das bewegt sich alles an der Grenze zwischen beruflichem und privatem Engagement“, erzählt er. Er ist aber in der glücklichen Lage, dass seine Mitarbeiter alle hinter ihm stehen – und dass auch ein Großteil der Anwohner ihn unterstützt. „In den anderen großen Kultureinrichtungen in Dresden gehen die Risse quer durch die Mitarbeiterschaft“, berichtet er. Schon vor Pegida hat Jaenicke mit seinen Mitarbeitern diskutiert, welche Möglichkeiten Hellerau hat, um Flüchtlinge aktiv zu unterstützen.

Damals hatte ihm ein Politiker anvertraut, dass die Stadt damit rechnet, dass sehr viel mehr Asylsuchende kommen werden. Als die Pegida-Märsche dann losgingen, teilte Jaenicke der damaligen Oberbürgermeisterin Helma Orosz in einem Brief mit, Hellerau sei bereit, Flüchtlinge aufzunehmen und sich um sie zu kümmern. Sie reagierte sofort. Doch bis Hassan und seine Familie einziehen konnten, mussten noch viele bürokratische Hürden genommen werden.

Tropfen auf den heißen Stein - und ein Gewinn

Jaenicke machte immer wieder Druck. Es begreift es als eine Verpflichtung, sich aktiv für Flüchtlinge einzusetzen: „Wir sehen das als Teil unserer Verantwortung als städtische Institution, aber auch als Bürger dieser Stadt. Und auch als ein internationales Kulturzentrum, das sehr viel Erfahrung im Umgang mit Menschen aller Religionen, Rassen und Hautfarben hat. Sodass wir glauben, hier ein positives Modell schaffen zu können.“

Der Kulturmanager und seine Mitarbeiter haben einen persönlichen Kontakt zu den Syrern aufgebaut. Zwar gibt es noch eine Spachbarriere, doch Hassan und Aisha lernen fleißig Deutsch. Der Syrer, der 1980 in Aleppo geboren wurde, betont immer wieder, wie dankbar er für die Unterstützung sei. Die Omers sind nur die Vorhut, wenn alles rundläuft. Von den zehn Künstlerwohnungen würde Jaenicke gern zwei Doppelappartements mit insgesamt 180 qm für Flüchtlinge reservieren. Dort könnte man schätzungsweise 12 bis 16 Menschen unterbringen. Zwar muss noch eine Nutzungsänderung bewilligt werden, aber er ist zuversichtlich, dass das bald passiert. Für Hassans Familie wäre es gut, wenn sie mehr Kontakt zu Landsleuten hätte. Aber auch die sonstigen Aktivitäten machen mehr Sinn mit einer größeren Gruppe. „Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, meint Jaenicke. „Aber für jede Familie, die man aus dem Zeltlager herausholt, ist es ein Gewinn.“ Dann richtet er den Blick auf den Ostflügel, der zur Zeit noch saniert wird. Ein internationales Residenz- und Probenzentrum soll hier entstehen: „Es ist denkbar, den Residenzteil erst mal für Flüchtlinge zu nutzen.“

Die Pflicht zur Provokation

Jaenicke, der in Rostock geboren wurde und in Würzburg aufgewachsen ist, bezeichnet sich selbst als „Entwicklertypen“. Es sei wichtig, die Flüchtlinge einzubeziehen, sie teilhaben zu lassen an einem ganz „normalen“ Leben, erklärt er. Hellerau lädt die Flüchtlinge regelmäßig zu Veranstaltungen ein. Und mittlerweile ist schon eine Selbstverständlichkeit, dass etwa zu den Hip-Hop-Konzerten auch viele Eritreer kommen.

Hellerau war ein Labor der Moderne – dieser Tradition fühlt Jaenicke sich verpflichtet. Als exklusiven Tempel der Avantgarde sieht er das Festspielhaus aber nicht: „Wir werden natürlich unser Programm jetzt immer unter dem Gesichtspunkt machen: Was davon ist sinnvoll für Flüchtlinge?“

Dass seine Initiativen von der Politik und Verwaltung nicht eben freudig aufgenommen wurden, hat ihn nicht überrascht: „Unsere Rolle als zeitgenössische Kunstinstitution ist es, ein bisschen zu verwirren und zu provozieren und den Finger in die Wunde zu legen.“ Mit den zahlreichen NGOs in Dresden hat Hellerau sich schon früh verbündet, um für die Integrationsaufgabe gewappnet zu sein. Dass dem Kunstzentrum die Öffnung gut tut, davon ist Jaenicke überzeugt: „Es wird das Haus verändern. Es hat es schon verändert. Der Teil partizipativer Arbeit auch durch den Garten ist größer geworden. Das verbindet uns aber auf neue Weise mit der Stadt."

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