Kultur : Kunst als Kontrast

Thomas W. Eller

Mit Spannung wurde sie erwartet: die New Yorker Kunstmesse Armory Show auf Pier 88 und 90 im Hudson River, und das nicht allein wegen des Blicks auf den U. S. S. Intrepid, einen Flugzeugträger aus dem zweiten Weltkrieg. Tatsächlich erinnert zunächst so gut wie nichts an den 11. September. Anders als zu Golfkriegszeiten, als sofort von Künstlern gebastelte "Waffen" und Kriegsszenarien auftauchten, gibt sich die neueste Produktion zurückhaltend. Das einzige Objekt, das scheinbar direkt Bezug nimmt, ein Passagierjet von Martin Honert, ist von 1995 und seinem Zyklus "Das fliegende Klassenzimmer" entnommen. (Matthew Marks, NY). Auch Arbeiten wie Jan Fabres Knochenkleid (Daniel Templon, Paris) und Do Ho Suhs "metal jacket" (Lehman Maupin, NY), aus den Metallmarken, die amerikanische Soldaten tragen, sind älteren Ursprungs. Im Gegenteil scheint sich die Kunst gegenwärtig schönen Dingen zuzukehren. Vor allem die amerikanischen Galerien zeigen Blumenbilder und abstrakt-

ornamentale Werke.

Tatsächlich hat sich die Kunstwelt der Metropole verändert. Die New York Times hatte im Dezember eine Woche der Künste unter dem Titel "art endures" ausgerufen und in ihr eine "Quelle der Bereicherung, des Trostes und der Humanität" entdeckt: Kunst als Kontrast zur Kriegsgegenwart. Es passt ins Bild, dass die Präsenz von Fotoarbeiten auf der Messe merklich zurückgegangen ist. Das Medium, das die via regia des "Realitäts"-Kults in der Kunstwelt war, muss in dieser historisch aufgeladenen Zeit etwas zurückstehen. Das pornographische Element, nicht nur des fotografischen Blicks, ist auf der Messe kaum vertreten. Stattdessen wendet sich die Aufmerksamkeit für den nackten Körper ins Irrwitzige, wie bei Nina Levy (Feigen, NY): Ein junger unbekleideter Frauenkörper ist mit einem überdimensionalen Mund versehen. Überhaupt ist das Groteske eines der Themen dieser Messe, wie bei Tony Matelli (Sperone, Rom), der sich in einer karikaturesken Bonbon-Skulptur mit riesigem Kopf darstellt.

Wer dem nicht folgen möchte, kann eines der vielen Angebote des Rückzugs ins Private annehmen. Jorge Pardo bietet ein komplett ausgestattetes Schlafzimmer an (Friedrich Petzel, NY). Beliebt ist auch der Blick in Miniaturwelten. Das faszinierendste Beispiel ist ein handtellergroßes Diorama von Patrick Jacobs (Pierogi, NY), das den Betrachter in eine Löwenzahnwiese versetzt. Eine sehr eigenständige Position im Bereich "virtueller Raum" vertritt Ricci Albenda (Andrew Kreps, NY) mit seinen deformierten Wänden, dem das Museum of Modern Art gerade eine Ausstellung widmet.

Die Berliner Galerien geben sich professionell gelassen. Nach den Jahren des Aufbaus scheinen sie in eine Konsolidierungsphase zu gelangen. Man sieht bekannte Größen wie Andreas Slominski (Galerie Neu) oder Neo Rauch (Eigen + Art) mit Werken in gewohnt hoher Qualität. griedervonputtkamer, immer gut für Neuentdeckungen, zeigen eine Arbeit des aufstrebenden Lori Hersberger. Die Golfkrise war auch eine Zeit der Galerieschließungen. Die nächsten vier Tage werden zeigen, wieviel Unterstützung die Amerikaner der Kunst jetzt geben werden.

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