Kultur : Kunst aus Kannen

KATRIN BETTINA MÜLLER

Nichts geht diesem Bildgeschehen voraus.Die unbehandelte Leinwand, die durch die transparenten Farbpfützen in den Bildern von Helen Frankenthaler scheint, umgibt die Bildwerdung mit dem Vorzeichen des Unvorhersehbaren.In einem Moment ist alles entstanden und entschieden.Doch spürbar bleibt wie ein gestaltloses Kontinuum die Zeit vor dieser Schöpfung und mit ihr die Leere, in die sich die Farben hinein ergossen haben.

Dieser existentialistische Zug in den Bildern der amerikanischen Malerin Helen Frankenthaler läßt sich heute aus einem Abstand von fast 50 Jahren mit dem Zeitpunkt ihrer Entstehung zusammensehen.Die Betonung des referenzlosen Neubeginns in den Bildern der fünfziger Jahre verabschiedete sich von der alten Welthaltigkeit der Kunst, die trotz allem Bedeutungsanspruch doch keinen Einfluß auf das außer ihr Liegende gehabt hatte.Der Zweite Weltkrieg hatte das Vertrauen in die Wirkungsmacht der Kunst zerstört - jetzt bezog sie sich nur noch auf ihren eigenen Ursprung.

Helen Frankenthaler, die in keiner Geschichte des abstrakten Expressionismus in den USA fehlt, stellte in Deutschland das erste Mal 1959 auf der documenta II in Kassel aus.Dennoch ist sie hier längst nicht so bekannt wie Pollock, de Kooning oder Robert Motherwell, mit dem sie zwischen 1958 und 1970 verheiratet war.Dabei war ihr Gemälde "Mountains and Sea" von 1952 sehr schnell zu einer Ikone geworden; Maler wie Kenneth Noland und Morris Louis bezogen sich darauf als ein Schlüsselerlebnis, das ihnen den Weg in die Farbfeldmalerei öffnete.

Mit zwölf weiteren Gemälden Frankenthalers läßt "Mountains and Sea", die konzentrierte kleine Ausstellung der Deutschen Guggenheim Berlin in der Museumshalle Unter den Linden, noch einmal diese Öffnung eines neuen Horizontes der Malerei nacherleben.

Aus Kannen schüttete die 23jährige Malerin dünnflüssige Pigmente auf die unbehandelte Leinwand.Ähnlich wie der ältere Jackson Pollock mit seinen Dripping-Bildern ließ sie sich damit auf den Zufall ein.Doch Pollocks All-Over-Strukturen versiegelten die Leinwand und verschlossen die Leere; sie legten sich darüber als etwas, das keinen Anfang und kein Ende kennt.Bei Frankenthaler dagegen wird die Malerei als etwas kenntlich, das seinen eigenen Anfang mitbringen muß.Die aufgebrochene Oberfläche läßt Licht in die Bilder dringen.

Farbe ist in Frankenthalers Bildern ein flüssiges und schnell veränderliches Element.Teilweise erinnern die symmetrischen Strukturen zwar an Formen, die aber immer zu unvollständig bleiben, um benennbar zu werden.Geschleuderte Tropfen und ein skizzenhaftes Ausfahren der Linien schreiben eine gestische Erregung zwischen die Farbflecken - die Führung übernehmen sie aber kaum.Das subjektive Spektrum von Gefühlen und Befindlichkeiten wird so zu einer Energie unter anderen.

Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13 - 15, bis 31.Januar; geöffnet von 11 - 20 Uhr.

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