Kultur : Kunst aus Klingen, Krücken aus Wachs

Oliver Heilwagen

"In weiter Ferne so nah" betitelt die ifa-Galerie Berlin in Anlehnung an Wim Wenders ihre Wander-Ausstellung palästinensischer Kunst. Eine friedliche Lösung des Konflikts mit Israel, die vor mehr als einem Jahr noch "so nah" schien, sei nach Ausbruch der zweiten Intifada wieder "in weite Ferne" gerückt, so die etwas kalauernde Begründung. Daher erwies es sich auch als unmöglich, die Palästinenser-Schau - wie ursprünglich geplant - gemeinsam mit Werken israelischer Künstler zu zeigen, die bis Anfang März zu sehen waren (Tagesspiegel vom 27. Januar).

Dennoch lassen sich die arabischen Arbeiten gut im Kontrast zu den zeitgleich entstandenen jüdischen sehen. Im Vergleich mit ihren Kollegen aus Tel Aviv und Jerusalem, die eindeutig Bezug auf politische Vorgänge nehmen, wirkt das Schaffen der vier Palästinenser ambivalenter. Ob diese Vorgehensweise Rücksicht auf Tabus nimmt oder in der langen Tradition islamischer Kunst steht, die figurative Motive untersagt und Anspielungen den Vorzug vor direkten Darstellungen gibt, ist für den hiesigen Betrachter schwierig zu entscheiden.

Dennoch bleibt der Kern der palästinensischen Frage nach dem Wo und Wann eines eigenen Staates stets gegenwärtig. Das wird an einer raumfüllenden Installation von Mona Hatoum deutlich, der derzeit wohl bekanntesten und erfolgreichsten palästinensischen Künstlerin. Sie hat auf 2200 Stück Kernseife mit roten Glasperlen die Umrisse des Autonomiegebiets nachgezeichnet. Ihr Kommentar könnte kaum sarkastischer ausfallen. Um die Grenzen des in zahllose Exklaven zerstückelten Flickenteppichs zerfließen zu lassen, würde ein kräftiger Regenschauer ausreichen.

Andere Arbeiten Hatoums thematisieren die Untauglichkeit von Hilfskonstruktionen. Zwei aus Gummi gefertigte Krücken sacken gleich schmelzendem Wachs in sich zusammen. Ein Rollstuhl aus Stahl besitzt Messerklingen anstelle der Griffe. Im von Hass vergifteten Klima des Heiligen Landes nimmt selbst Harmloses bedrohliche Züge an. Diese Botschaft geht von Noel Jabbours Aufnahmen aus, die die Inneneinrichtung palästinensischer Wohnungen zeigen. Bunter Kitsch und Fetische des Guerillakampfs wie die Porträts von Selbstmordattentätern hängen einträchtig nebeneinander.

Über Stellungnahmen zur Tagespolitik geht Raeda Saadeh vollends hinaus. In ihren Performances attackiert die 25-Jährige das herkömmliche Frauenbild der arabischen Welt. Am Körper getragene Fleischstücke und Küchengeräte kritisieren Keuschheitsgebote und Männerfantasien. Leider hängen die dokumentierenden Fotos nicht aus, sondern sind nur im Begleitheft abgebildet.

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