Kultur : Kunst-Ausstellung: Der schmale Grat der Moral

Christian Huther

Fotokameras und Mikrofone setzen sich in Bewegung, es blitzt und surrt: Der Besucher betritt die Allee von Medienmaschinen und steht im Zentrum. Folgt der nächste Besucher, richten sich die Apparate auf ihn, wer vor ihm kam, ist vergessen. "Paparazzi" heißt die per Bewegungsmelder gesteuerte Installation des 31-jährigen Malachi Farrell, zu sehen in einer Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins mit über 40 Künstlern aus Europa und Amerika. Es soll um die globalisierte "Neue Welt" gehen - eine reichlich unscharfe Themenvorgabe, die jeder Künstler für sich interpretiert. Größter gemeinsamer Nenner ist wohl die Tatsache, dass man inzwischen leicht über die Grenzen blicken und die anderen sehen kann.

So ist diese Schau mit vielen Fotos, Videos, Installationen und einigen Bildern eine subjektive Momentaufnahme mit stark sozialkritischem Touch. Dazu passt, dass Kunstvereinschef Nicolaus Schafhausen auch Werke aus den sechziger bis achtziger Jahren ausgewählt hat, etwa die dokumentarischen, aber aktuell wirkenden Fotos von Erika Sulzer-Kleinmeier. Dem 27-jährigen Anri Sala indes gelang mit seiner kurzen Filmsequenz von einem schlafenden Obdachlosen im Mailänder Dom fast eine moderne Skulptur. Der abgeknickte Kopf ist kaum zu erahnen; nur wenn der Mann sich im Schlaf wiegt, wird sein ganzer Körper erkennbar.

Viele junge Künstler zeigen ähnlich trostlose Aufnahmen von Slums oder Arbeitsämtern. Doch heute scheinen die Jungen abgebrühter zu sein als früher und machen manch befremdlichen Deal. Der 35-jährige Mexikaner Santiago Sierra beispielsweise schmiegt sich dem Ausbeutungssystem an, indem er Männer für wenig Geld vor laufender Kamera masturbieren lässt. Und heroinabhängigen Prostituierten spendiert er gar eine Portion Drogen für eine Tätowierung auf dem Rücken. Diese Art von Kunstproduktion bewegt sich moralisch auf äußerst schmalem Grat - hin zum blanken Zynismus.

Auch Fanatismus und Gewalt unterliegen gewissen Mechanismen, wie Willem de Rooij und Jane Ostermann-Petersen zeigen. Sie filmten eine weiße Fernsehpredigerin bei einer schwarzen Gemeinde. Doch um Argumente geht es nicht, vielmehr wird mit einpeitschenden Aufrufen eine Gemeinschaft beschworen. Dagegen wirkt Kai Althoffs Zeichnung "Uwe: Auf guten Rat folgt Missetat" erst beim zweiten Hinsehen unbehaglich. Ein Junge sitzt in einem Zugabteil und eine beschauliche Siedlung zieht vorüber, während er eine Fahne auf dem Nachbarsitz umklammert.

So bleibt es dem mit 69 Jahren ältesten Teilnehmer vorbehalten, das Ausstellungsthema zu kommentieren. Gerhard Richters acht Zentimeter große Edelstahlkugel bündelt die Welt, erfasst und vergrößert aber vor allem den Betrachter. Der Blick auf die "Neue Welt" endet im verzerrten Ich, wie bei Malachis "Paparazzi". Da ist es schon kurios, dass Richters Kugel in einer Vitrine liegt und zusätzlich spiegelt.

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