Kunst : Berlinische Galerie würdigt Rainer Fetting

In den Achtzigern war er der "Junge Wilde", heute hat er ein Haus auf Sylt: Der 61-jährige Künstler Rainer Fetting eröffnet seine erste Einzelausstellung in Berlin.

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Fett, farbiger, Fetting. Selbstbildnis als Gustaf Gründgens aus dem Jahr 1974.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kai Annett Becker/Berlinische Galerie
16.04.2011 19:31Fett, farbiger, Fetting. Selbstbildnis als Gustaf Gründgens aus dem Jahr 1974.

Er sei immer da gewesen, wo es aufregend war, hat Rainer Fetting gesagt. In den siebziger Jahren waren das für ihn Kreuzberg und die West-Berliner Kunstszene. In den Achtzigern, als ihm und seinen Künstlerfreunden das Etikett der „Jungen Wilden“ verpasst wurde, war es für ihn New York. In den Neunzigern kam er zurück nach Berlin. Die Mauer, die so häufig in seinen Bildern auftauchte, war gefallen. Noch heute fasziniert ihn die Stadt. Er hat hier sein Atelier, ist mit einer Kamera unterwegs und hält seine Eindrücke fest. Inzwischen hat er aber auch ein Haus auf Sylt.

Rainer Fetting ist eben nicht mehr einer der „Moritzboys“, wie er und die Künstler Salomé, Helmut Middendorf oder Bernd Zimmer genannt wurden, weil sie am Moritzplatz die sogenannte Selbsthilfegalerie eröffnet hatten. Er ist 61 Jahre alt. Und hat lange auf eine Einzelausstellung in Berlin warten müssen, dreißig Jahre, sagt er selbst. So wirkte der Maler mit der großen Brille auf seiner eigenen Ausstellungseröffnung in der Berlinischen Galerie still und leise, als sei er erstaunt über so viel plötzliche Aufmerksamkeit. Den Wilde-Malerei-Stempel kriegt er auch in dieser Schau nicht los: Gezeigt werden Fettings Berlin-Bilder. Die meisten stammen aus den Siebzigern und Achtzigern. Wenige sind aus den Neunzigern, als Fetting den Umbruch der Stadt in Baustellen festhielt. Wer sehen will, wie Fetting heute arbeitet, muss in die Galerie Deschler gehen. Dort hängen neuere Arbeiten, Meeresbilder. Möwen und Brandung, in Grün und Blau. Sylt schlägt durch.

Das geteilte Berlin war für Rainer Fetting, geboren 1949 in Wilhemshaven, alles andere als grau. Seine großformatigen Bildern schreien vor Farben. Das Leben war bunt, die Körper schön. Auf der WestBerliner Insel hatte Fetting Luft zum Atmen. Filmausschnitte von damals laufen in der Ausstellung in Dauerschleife: Fetting steigt mit Fummel in die U-Bahn und hüpft als Van Gogh verkleidet an der Mauer vorbei. Die Katze auf der Dachterrasse seines Ateliers huscht durchs Bild, Salomé legt sich in einer seiner Performances ins Zeug. Und immer wieder hängen die Freunde im legendären Club SO 36 in der Oranienstraße ab.

1978 malte hier Bernd Zimmer innerhalb von drei Tagen ein riesiges Gemälde einer vorbeirauschenden U-Bahn an die Wand, um es für nur eine Nacht auszustellen. Das monumentale Bild ist erst kürzlich der Berlinischen Galerie geschenkt worden. West-Berlin war die Stadt der vielfältigen Lebensentwürfe, selbst in den Zeiten der Teilung. Die „Gelbe Mauer“ von 1977 strahlt in die lilafarbene Nacht. In „Moritzplatz“ von 1975 blickt der Künstler von seinem Atelierfenster gen Osten. Der Fernsehturm zeichnet sich vor einem freundlichen rosa-hellblauen Himmel ab.

Die Mauer, sie kommt immer wieder in Fettings großen Ölbildern vor. Manchmal montiert er sie ins Bild, wo sie gar nicht entlanglief. Aber gefühlsmäßig war sie überall. Inmitten der Stadtlandschaften hängt im Landesmuseum auch das Bild „Aussicht (Ich finde Dich geil)“ von 1982. Ein nackter, schlanker Jüngling steht am Fenster, sein Blick fällt auf das Panorama der Schweizer Berge. Auch das ist ein Berliner Bild. Eine Befreiung vom ewig an die Grenzen stoßenden Blick.

Auch in anderer Hinsicht hat sich Fetting gegen Beschränkungen zur Wehr gesetzt. „Ich habe nie verstanden, warum man nicht mehr figürlich malen darf“, sagt er. Von Fetting stammt auch die Willy-Brandt-Bronzeskulptur in der Berliner SPD-Zentrale. Manche seiner Bilder erinnern stark an die Expressionisten, etwa jene Szene aus dem Prinzenbad mit lauter nackten, roten Leibern an Ludwig Kirchners Badende. Oder das Porträt von Susanne Kuhnke, damals Sängerin der Frauenband „Malaria“: Die holzschnittartigen Gesichtszüge ähneln Alexej von Jawlenskys Stil.

So zeigt sich in der Ausstellung neben dem unglaublichen Gespür für Farbkompositionen, an denen man sich nicht satt sehen kann, vor allem Fettings Vielseitigkeit. Mag er in den Anfängen noch seinem eigenen Strich gesucht haben, streicht er sehr bald mit breitem, borstigem Pinsel Knallfarben auf die Leinwand. Die Aufbruchstimmung der vereinten Stadt vibriert auf den Leinwänden der neunziger Jahre in getupften, gestrichelten, tropfenden Ölfarben. Überall ragen Kräne empor. Giebel überlagern sich.

Das Kapitel „Drummer und Gitarrist“ mit einer Serie von Musikerbildern ist eine kleine Mogelpackung. Denn die Idee zu diesen großformatigen, neonfarben explodierenden Arbeiten hatte der Maler in New Yorker Musikclubs, wo er die Gitarristen und ihre sich biegenden Körper, das grelle Licht der Scheinwerfer studierte. Zugegeben, die Ausführung und Variation des sich immer wieder ähnelnden Motivs fand dann nach seiner Rückkehr in Berlin statt. Die Perspektive ist ungewöhnlich: Fetting nimmt nicht die Sicht der Zuschauer ein, sondern blickt dem Drummer über die Schulter, beobachtet das Toben von der Bühne aus.

Schön, dass es dazu Studien gibt, aus denen hervorgeht, welch gründlicher Handwerker und Zeichner der Künstler bei allem Furor ist. Eines dieser Bilder gehört zwar dem Landesmuseum, hängt aber normalerweise hinter dem Schreibtisch von Klaus Wowereit. Der Regierende Bürgermeister hat es für die Dauer der Ausstellung verliehen.

Berlinische Galerie, bis 12.9. Alte Jakobstr. 124–128, Mi–Mo 10–18 Uhr.

Galerie Deschler, bis 1.7. Auguststraße 61, Di–Sa 12–18 Uhr.

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