Kultur : Kunst braucht kein Label

Wo öffentlicher Raum zusammenschrumpft: Kurator Kasper König über Großausstellungen, Eventkultur und die Menschenwürdigkeit von stillen Örtchen

Nicola Kuhn

Venedig, Kassel, Münster eröffnen innerhalb weniger Tage. Erzeugt die Masse an Kunstevents Überdruss?

Die Skulptur Projekte waren ursprünglich nicht als Parallelveranstaltung geplant. Das kam 1987 durch die Verschiebung der documenta um ein Jahr zustande. Uns hat das allerdings geholfen, international wahrgenommen zu werden, weil die documenta damals relativ unentschieden war und wir einen klaren Verhandlungsgegenstand hatten. Münster dient als Beispiel für Stadt. Wir verhandeln die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raums und die Funktionalisierung von Kunst, um davon abzulenken. Die Skulptur Projekte sind gerade kein i-Tüpfelchen für Stadtmarketing oder Eventkultur, sondern die Ausstellung will aufklären. Da ist es von Vorteil, in diesem Rummel gut vorbereitet zu sein und reflektiert komplexe Zusammenhänge darzustellen.

Warum ist der Kunstbetrieb in Sachen Großausstellungen so unersättlich? Eine Massenveranstaltung läuft doch der intimen Betrachtung eines Werkes zuwider.

Das enorme Anwachsen der verschiedenartigen Biennalen hat diverse Gründe, etwa in Afrika oder Asien, um auf sich selber hinzuweisen und sich unabhängig zu machen von den westlichen Zentren. Und dann gibt es diese Inflation von Kunstmessen und allen möglichen Events, bei denen es in erster Linie darum geht, etwas zu verkaufen.

Nach der Malereiwelle ist die Skulptur als nächster Trend deklariert worden. Profitiert auch Münster davon?

Eher nicht, zumal es nur wenige Positionen gibt, wie etwa Manfred Pernice oder Thomas Schütte, die in diesem Kanon arbeiten. Interessant werden die Beiträge von Künstlern sein, die mit Film arbeiten und eine konkrete Anbindung an die Stadt herstellen – den genius loci aufscheinen lassen. Bestimmte Künstler kehren nach Münster zurück und setzen ihre Beiträge fort. Bruce Naumans „Square Depression“ von 1977 wird erst jetzt realisiert, am gleichen Ort, den naturwissenschaftlichen Institut der Universität. Münster ist ein Langzeitprojekt; mal ist die dort gezeigte Kunst ungeliebt, mal ist sie im Trend. Wir setzen das Projekt im Dekadenabstand fort, nicht weil ein Thema angesagt ist, sondern als Dauerstudie.

Anders als die documenta haben Sie sehr früh Ihre Künstlerliste bekannt gegeben. Warum braucht Münster diese Geheimniskrämerei nicht?

Ich verstehe die documenta-Macher, denn allein die Veröffentlichung der Liste macht keinen Sinn. Das ist, als wenn Sie ein Menü sehen, ohne zu wissen, was und wie gekocht wird und in welcher Abfolge. Wird die Geheimhaltung aber auf die Spitze getrieben, ist dies wiederum eine mediale Möglichkeit, auf sich hinzuweisen. In Münster kommt das nicht infrage, weil die Künstler im Außenraum arbeiten und wir die Unterstützung innerhalb der Stadt benötigen. Wenn Mark Wallinger mit seiner Angelschnur einen Kreis von 4,8 Kilometern durch die Stadt zieht, dann müssen wir von 130 Hausbesitzern die Genehmigung bekommen, um an ihre Häuser Haken anbringen zu dürfen. Wir involvieren viele Menschen in unsere Projekte, vom Grünflächenamt über die Denkmalpflege bis zur Verkehrsplanung.

Die Skulptur Projekte befassen sich diesmal mit dem Thema Stadt als Marketingprodukt. Wie können Sie sich dem selbst als Werbeobjekt entziehen?

Wenn eine fast reine Universitäts- und Verwaltungsstadt wie Münster vor fünf Jahren 1,5 Millionen Euro in ihrem Haushalt für diese Ausstellung bereitstellt, so ist das ein starkes Bekenntnis. Es wurde sogar der Wunsch geäußert, die Skulptur Projekte alle fünf Jahre stattfinden zu lassen. Aber dieses As haben wir uns nicht aus dem Ärmel ziehen lassen Der Dekadenrhythmus ist entscheidend, weil die Relevanz der Ausstellung sich ohnehin erst in den darauf folgenden fünf bis sechs Jahren zeigt. Vor einigen Jahren hat sich das Stadtparlament in Hinblick auf die Ausstellung auch nicht zu diesen idiotischen Maskottchen überreden lassen, diesen Bären, Kühen oder Schafen, bei denen Kunst auf dem niedrigsten Niveau dazu benutzt wird, um eine konsumfreundliche Atmosphäre zu schaffen und indirekt den öffentlichen Raum zu privatisieren.

Sie erkunden die äußersten Grenzen von Skulptur im Stadtraum. Aber was hat die Sanierung einer öffentlichen Toilette mit Kunst zu tun?

Hans-Peter Feldmann wollte die Bedürfnisanstalt am Domplatz einfach nur picobello machen – und darauf verweisen, dass in den letzten Jahren immer mehr öffentliche Toiletten privatisiert worden sind. Vom Künstler stammt die Idee, die Umsetzung wird von Profis vorgenommen. Aber deswegen muss man nicht darauf bestehen, dass das ein Kunstwerk sei. Wir haben den Vorschlag aufgegriffen und würdigen ihn als Beitrag. Das macht besonders Sinn bei einem Künstler, der seine Werke grundsätzlich nicht signiert und aus vorhandenen Bildern nur Verdichtungen herstellt. Vor 20, 30 Jahren hätte sein Vorschlag kaum Aussicht auf Realisierung gehabt. Als Museumsdirektor bin ich mit der Thematik bestens vertraut, denn die Stadt Köln hat dem Museum Ludwig die Toilettenfrau entzogen, um Geld zu sparen. Ich habe vehement dagegen argumentiert, denn auch ein Museum ist eine öffentliche Anstalt.

Im Moment ist viel die Rede von Kunst „made in Germany“, so auch der Titel einer Ausstellung in Hannover. Was ist dran an diesem Label? Ist das eine neue Qualität, die auch für Münster gilt?

Das ist in erster Linie eine Möglichkeit, werbewirksam den Produktionsstandort junger Künstler in Deutschland zu thematisieren. Wir versuchen, ohne Label auszukommen. In Münster wird – sicher nicht unberechtigt – die Kritik lauten: Wo sind denn die Lateinamerikaner, die Künstler aus Südostasien? Bei uns sind die Kriterien andere als die üblichen im Kunstbetrieb. Münster untersucht das Phänomen der europäischen Stadt, und wir, die Kuratoren – Brigitte Franzen, Carina Plath und ich – sind zu dem Entschluss gekommen, dass für unsere Ausstellung eine Repräsentanz von Künstlern aller Erdteile nicht relevant ist. Wir hatten auch Künstler aus China eingeladen, Projekte vorzuschlagen, und haben sie dann im gegenseitigen Einvernehmen wieder verworfen.

Als Kurator der Skulptur Projekte und als Museumsdirektor wirken Sie zeitgleich auf gänzlich unterschiedlichen Ebenen. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Für mich ist das eine schizophrene Situation. In Münster erlebe ich, mit wie viel Aufwand diese Beiträge auf die Beine gestellt werden, die dann innerhalb der Stadt doch zum Teil sehr diskret aufscheinen. Alle Energie geht in die Realisation von etwas Neuem. Im Museum ist dann die Kontinuität der Sammlung und die Arbeit an Ausstellungen umso überschaubarer. Die Besucher eines Museums erwarten Kunst – das ist im öffentlichen Außenraum nicht unbedingt der Fall. Der Anspruch bleibt hingegen der Gleiche, wenn auch unter vollkommen anderen Bedingungen. Natürlich wünsche ich mir, dass auch das Museum ein öffentlicher Ort für besondere Interessen ist. Wie der öffentliche Raum gehört auch das Museum allen und keinem zugleich. Das ist zwar schön zu propagieren, aber die Realität ist eine andere. Im Museum sind andere Kräfte im Spiel, denn dort ist der Transfer zwischen Benutzer und Ort symbolisch.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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