"Kunst der Aufklärung" in Peking : Danke für die schöne Kunst

„Aufklärung“? Davon weiß in Peking kaum jemand. Ein Rundgang über die umstrittene Ausstellung in Chinas berühmten Nationalmuseum.

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Umsiedlung. Die Statue von Konfuzius wurde von ihrem prominenten Platz vor dem Nationalmuseum inzwischen entfernt.
Umsiedlung. Die Statue von Konfuzius wurde von ihrem prominenten Platz vor dem Nationalmuseum inzwischen entfernt.Foto: Reuters

„Ist das hier wirklich der Einlass?“, fragt eine ältere Frau skeptisch. So richtig mag sie nicht glauben, dass der Zutritt zu Chinas berühmten Nationalmuseum so unauffällig geregelt sein soll. Doch obwohl kein Schild den Weg weist, hat sich an einem Gitter südlich der Vorderseite des Museums eine kleine Menschenschlange gebildet. Die wenigen wartenden Menschen fallen im Gewirr Tausender Touristen in Pekings Innenstadt rund um den Platz des Himmlischen Friedens kaum auf. Und weil sich niemand in der Schlange sicher ist, ob es hier nun ins Museum geht, werden zwei etwas hilflos wirkende Wachmänner mit Fragen überschüttet. Erstaunlich häufig wird dabei nach der deutschen Ausstellung gefragt, der man nachsagt, dass sie in China kaum jemanden interessiert.

Doch der Gedanke, die Schau zur „Kunst der Aufklärung“ könnte aller Unkenrufe zum Trotz ein Publikumsmagnet sein, währt nicht lange. „Ach nein, von der deutschen Ausstellung habe ich vor wenigen Minuten zum ersten Mal gehört. Die interessiert mich nicht“, erzählt ein junger Mann, der gerade noch lautstark nach eben dieser gefragt hatte. „Mir hat nur jemand gesagt, dass wenn ich eine Karte für die deutsche Ausstellung kaufe, ich auch den Rest des Museums sehen kann“, erklärt er. Wie viele Besucher hatte der chinesische Tourist vergeblich versucht, eine der Gratiskarten für das wiedereröffnete Nationalmuseum zu ergattern. Die werden jeden Morgen ausgegeben und sind schnell vergriffen. Nachmittags führt der Weg ins Museum dann nur noch über die Karten für die deutsche Ausstellung. Deren Preis ist seit Mittwoch von ursprünglich 30 Yuan (etwa 3,20 Euro) auf 10 Yuan gesenkt worden.

Im Inneren des größten Museumsgebäudes der Welt geht es dann für chinesische Verhältnisse ruhig zu. In der gigantischen Eingangshalle verlieren sich die Menschen, die sich angesichts derartiger Dimensionen klein und unbedeutend fühlen müssen. Details wie der Mangel an Sitzgelegenheiten lassen erahnen, dass das Nationalmuseum nicht als Raum für Menschen gedacht ist, sondern einmal mehr der Machtdemonstration des kommunistischen Regimes dient. Mehr als eine geduldete Nebenrolle, ein Farbklecks in der chinesischen Propagandaschau, war den deutschen Ausstellungsmachern von chinesischer Seite nie zugedacht. Schon deshalb lässt sich über den Sinn des hauptsächlich vom Auswärtigen Amt finanzierten Kulturprojektes vortrefflich streiten.

Während in Deutschland nach dem Einreiseverbot für den Sinologen Tilman Spengler und besonders nach der Verschleppung Ai Weiweis die Kritik an dem Gemeinschaftsprojekt weiter an Schärfe gewinnt, geht die deutsche Schau in Chinas Hauptstadt völlig unter. Ein Abbruch der Ausstellung, wie ihn viele Kritiker fordern, würde in China kaum auffallen. Nur wenige Menschen wissen überhaupt von deren Existenz. Die staatliche Presse berichtet bisher äußerst zurückhaltend darüber.

Schon deshalb halten sich die Besucherzahlen in der Ausstellung, die etwas versteckt im ersten Stock des Nationalmuseums liegt, in Grenzen. Lediglich eine Handvoll Chinesen lassen sich an manchen Tagen in den drei Hallen zählen. Immerhin weisen seit letzter Woche Schilder den Weg zur „Kunst der Aufklärung“. Aber die wenigen Besucher, die es in die Aufklärungsausstellung schaffen, sind von den Schaustücken der deutschen Staatsmuseen durchaus beeindruckt. 600 Exponate, Gemälde des 18. Jahrhunderts, Möbelstücke, Kleider und wissenschaftliche Geräte sind zu sehen.

Besonders die Fremdheit einzelner Ausstellungsstücke scheint die chinesischen Besucher zu faszinieren. Gemälde aus dem Klassizismus, die deutschen Museumsbesuchern häufig zu vertraut sind, um noch zu begeistern, wecken die Neugier der Chinesen, die oft minutenlang vor Exponaten verweilen. Doch von der auf deutscher Seite vielbeschworen Botschaft freiheitlicher Werte scheint bei den Besuchern kaum etwas anzukommen. „Ja, von Aufklärung habe ich schon einmal gehört“, sagt ein Pekinger Student, der die Ausstellung mit einem Freund eher zufällig besucht. Auf die Frage, ob er einen Bezug zur Gegenwart erkennen kann, schüttelt er den Kopf. „Davon habe ich keine Ahnung.“

Wie ihm geht es vielen Besuchern. Die junge Lehrerin Yu Qi aus der Stadt Jingdezhen in der südlichen Provinz Jiangxi ist da eher eine Ausnahme. Sie gehört zu den wenigen Besuchern, die extra für die deutsche Aufklärungsschau nach Peking gekommen sind. Akribisch notiert sie sich Namen und Daten einzelner Kunstwerke. Vertieft steht sie über einer der Medienstationen, die den Besuchern den geistigen Aufbruch Europas näher bringen sollen. „Kunst und Literatur haben eine tiefe soziale Bedeutung für jede Gesellschaft. Ich glaube aber nicht, dass jemand darüber nachdenkt, wenn er durch die Ausstellung geht“, sagt die Lehrerin etwas verlegen. „Aber vielen Dank für die schöne Kunst!“

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